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Warum Shein und Temu noch nicht gewonnen haben

Eine repräsentative Studie unter deutschen Verbrauchern zeigt: Drei Viertel der Befragten finden nichts Positives an den chinesischen Shopping-Plattformen. Nicht einmal den Preis. Stefan Wenzel erklärt, warum Shein & Temu vielleicht doch noch nicht gewonnen haben. 
Stefan wenzel
Ste­fan Wen­zel

Die Ergeb­nis­se einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge von Civey im Auf­trag des BEVH zu den Ein­käu­fen deut­scher Shop­per bei Shein und Temu sind inter­es­sant. Viel inter­es­san­ter ist jedoch das, was die Kun­den nicht sagen. Je nach Glau­bens­grad an die Ergeb­nis­se von Befra­gun­gen bie­ten die Ergeb­nis­se zur Abwechs­lung Per­spek­ti­ven jen­seits von Doom & Gloom und Kapi­tu­la­ti­on.

Dass Temu und Shein den deut­schen Markt bereits seit Län­ge­rem nach­hal­tig beein­flus­sen, ist bekannt. Weni­ger bekannt ist, dass die bei­den Platt­for­men im ver­gan­ge­nen Weih­nachts­ge­schäft laut bevh bereits einen Markt­an­teil von fast fünf Pro­zent im Land der Dich­ter & Beden­ker erreicht haben.

Das zugrun­de lie­gen­de Motiv scheint klar: Es geht um den Preis als kun­den­be­geis­tern­des Kil­ler-Fea­ture. Und weil wir die­sen Preis­wett­be­werb aus unse­ren eige­nen Pro­duk­ti­ons­struk­tu­ren her­aus nicht gewin­nen kön­nen, wäh­len wir nicht den Innovations‑, son­dern den Beschwer­de- und Rechts­weg als Hand­lungs­op­ti­on. Unter dem Dach des ‚Level Play­ing Field‘ ent­steht dabei ein mora­li­sches Zuhau­se für eini­ge Markt­teil­neh­mer, die frü­her selbst gern die Was­ser­waa­ge am Spiel­feld ver­bo­gen haben und dabei an den Sports­geist appel­lier­ten. Gemein­sa­me Not schweißt halt zusam­men. Kurt Lewin nann­te die­ses Phä­no­men in der Sozi­al­psy­cho­lo­gie „com­mon fate“, das gemein­sa­me Schick­sal.

Was Kunden an Shein und Temu schätzen

Dass die Ergeb­nis­se der Stu­die kaum wahr­nehm­ba­re Reak­tio­nen im Markt aus­ge­löst haben, muss ver­wun­dern. Sie hat im Dezem­ber 2025 deut­sche Online-Shop­per zu ihren Moti­ven befragt, bei Temu und Shein zu kau­fen und bie­tet im Ergeb­nis neue Per­spek­ti­ven auf Kun­den­mo­ti­ve und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten.

Die Stu­die zeigt auf der wenig über­ra­schen­den Sei­te, dass das Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis der stärks­te Trei­ber ist und fai­re Arbeits­be­din­gun­gen oder schnel­le Lie­fe­run­gen kaum eine Rol­le spie­len. Über­ra­schend ist jedoch, dass Preis-Leis­tung mit ledig­lich 17% der Ant­wor­ten auf Platz 1 lan­det. Ist der Preis also doch kein kun­den­be­geis­tern­des Kil­ler-Fea­ture? Oder ist das Del­ta zur Leis­tung schlicht zu groß?

Die größ­te Über­ra­schung dürf­te jedoch sein, dass 77% der Befrag­ten kei­nen ein­zi­gen Vor­teil nen­nen, den sie mit den Platt­for­men ver­bin­den. Nicht ein­mal den Preis.

Kurz inne­hal­ten. Das ist das Ergeb­nis einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge unter deut­schen Online-Shop­pern, die im Weih­nachts­ge­schäft 2025, der hei­ßes­ten Pha­se des Jah­res für genau die­se Platt­for­men, erho­ben wur­de. Und trotz­dem sehen drei von vier Kun­den nichts, was sie über­zeugt. Das klingt nicht nach einer über­rann­ten Bran­che. Es klingt nach einer Bran­che, die eine offe­ne Flan­ke eines ernst­zu­neh­men­den Wett­be­werbs nicht nutzt.

Was die Branche unternimmt

Seit zwei Jah­ren führt die Bran­che das­sel­be Gespräch. Zoll­frei­heit unter 150 Euro. Unfai­re Wett­be­werbs­be­din­gun­gen. EU-Regu­lie­rung. Pro­dukt­si­cher­heit. DSA-Kon­for­mi­tät. Das sind alles legi­ti­me The­men. Sie sind alle wich­tig. Aber zusam­men erge­ben sie noch kein neu­es Kun­den­an­ge­bot. Regu­lie­rung schützt zwar den Markt, sie schafft aber kei­ne Nach­fra­ge. Auch bei glei­chen Ein­fuhr­kos­ten bleibt der asia­ti­sche Ab-Werk-Ver­trieb struk­tu­rell immer kos­ten­ef­fi­zi­en­ter als indi­rek­te Dis­tri­bu­ti­on. Und kein Ver­brau­cher wird mor­gen auf­wa­chen und wie­der bei Zalan­do oder Otto kau­fen, nur weil Temu plötz­lich Zoll abführt. Er kauft dort, weil ihm ein Grund gege­ben wird. Weil das Ange­bot oder der Ser­vice bes­ser ist. Weil er sich ver­stan­den fühlt. Weil sich der Kauf rich­tig und beloh­nend anfühlt.

Man erin­ne­re sich an die Sili­con-Val­ley-Rei­sen deut­scher Han­dels­zen­tra­len, die ab 2010 für eini­ge Jah­re fes­ter Bestand­teil des Kalen­ders der Eck­bü­ros waren. Man(n) ist im Car­lo-Coluc­ci-Semi­nar-Pull­over ange­reist, hat geschaut, gestaunt und ist zurück­ge­flo­gen. Pas­siert ist wenig. Bis heu­te domi­nie­ren US-Fir­men die Digi­tal­wirt­schaft und den E‑Commerce. Das neue Mus­ter ist ähn­lich, nur das Ziel hat sich ver­än­dert. Der Blick rich­tet sich nach Asi­en, man staunt und for­mu­liert Beschwer­den.

Laut dem bevh ent­fällt inzwi­schen jede zwan­zigs­te Online-Bestel­lung in Deutsch­land auf Temu oder Shein. Dabei kön­nen nur 23% der Kun­den einen Vor­teil nen­nen. Das ist kei­ne Loya­li­tät, son­dern Resi­gna­ti­on. Und genau dar­in liegt der Unter­schied zu einem wirk­lich star­ken Wett­be­wer­ber. Denn wer aus Über­zeu­gung kauft, ist schwer zu gewin­nen. Wer aber man­gels Alter­na­ti­ve kauft, war­tet nur auf ein bes­se­res Ange­bot.

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist also nicht, wie wir Temu, Shein & Co. stop­pen kön­nen. Das wird schwer­lich gelin­gen. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist: War­um holen wir die 77% nicht kon­se­quen­ter ab?

Wer wirklich bei Temu kauft

Auch die Alters­struk­tur ist auf­fäl­lig. Die aktivs­te Nut­zer­grup­pe ist ent­ge­gen der land­läu­fi­gen Mei­nung nicht die Gene­ra­ti­on Z. Zwar haben die 18- bis 29-Jäh­ri­gen die nied­rigs­te Skep­sis-Quo­te. Doch dicht dahin­ter fol­gen die 40- bis 49-Jäh­ri­gen: Fast 30% von ihnen nen­nen min­des­tens einen Vor­teil. Das ist kei­ne Rand­grup­pe, son­dern die Kern­kun­den des deut­schen Mode­han­dels. Auch zwi­schen Män­nern und Frau­en gibt es kaum Unter­schie­de. Das klas­si­sche Bild von Shein als Platt­form für jun­ge Frau­en greift längst zu kurz. Nicht, weil Temu oder Shein beson­ders gut sind. Die Platt­for­men kämp­fen wei­ter­hin mit mas­si­ven Ver­trau­ens­pro­ble­men, einem teil­wei­se mise­ra­blen Image in Deutsch­land sowie lau­fen­den EU-Ver­fah­ren wegen nicht regel­kon­for­mer Pro­duk­te. Son­dern weil sich Gewohn­hei­ten schlei­chend eta­blie­ren.

Jede Bestel­lung, die ankommt und funk­tio­niert, senkt die Hemm­schwel­le für die nächs­te. Bewer­tungs­sys­te­me und Netz­werk­ef­fek­te erzeu­gen mit der Zeit eine eige­ne Glaub­wür­dig­keit, unab­hän­gig davon, ob sie ver­dient ist.

In zwei Jah­ren wird die­sel­be Umfra­ge mit hoher Wahr­schein­lich­keit anders aus­se­hen. Ein paar Pro­zent­punk­te weni­ger Skep­sis, ein paar mehr Rou­ti­ne. Das reicht, um den Moment end­gül­tig zu ver­pas­sen.

Was jetzt gefragt ist

Kei­ne Trans­for­ma­ti­ons­stra­te­gie für 2035. Kein neu­es ERP-Sys­tem. Son­dern die Beant­wor­tung einer ein­fa­chen Fra­ge: Was braucht der Kun­de, den ich heu­te noch nicht über­zeu­gen kann, und wie schnell kann ich es anbie­ten?

Preis ist kein Allein­stel­lungs­merk­mal, Ver­läss­lich­keit hin­ge­gen schon. Oder ech­te Sor­ti­ments­kom­pe­tenz. Oder ein Rück­ga­be­pro­zess, der nicht zur Gedulds­pro­be wird. Oder ein Lie­fer­ver­spre­chen, das ein­ge­hal­ten wird. Oder eine Bera­tung, die den Namen ver­dient.

Temu und Shein haben kei­nes die­ser Pro­ble­me gelöst. Sie haben für einen Teil der Käu­fer, die kei­ne ande­re Opti­on sehen, ein Preis­pro­blem gelöst. Der Rest ist noch zu haben. Die 77%, die nichts Posi­ti­ves fin­den: Das ist das Kun­den­po­ten­zi­al! Die­se Kon­su­men­ten war­ten nicht auf Shein oder Temu. Sie war­ten auf ein bes­se­res Ange­bot. Jetzt.

Ste­fan Wen­zel ist seit mehr als 20 Jah­ren im digi­ta­len Han­del und einer der pro­fi­lier­tes­ten Köp­fe der Bran­che. Sei­ne Vita beinhal­tet unter ande­rem Sta­tio­nen als Geschäfts­füh­rer für Unter­neh­men wie Ebay, brand4friends, Otto, Mexx und Tom Tail­or Digi­tal. Ste­fan Wen­zel unter­stützt Fir­men, Grün­der und Geschäfts­füh­rer als digi­ta­ler Bei­rat, ist regel­mä­ßi­ger Spre­cher auf Fach­kon­fe­ren­zen, Inter­­­­­­­­­­view- und Pod­­­­­­­­­­cast-Gast. www.stefanwenzel.com

Bei­trä­ge von Ste­fan Wen­zel

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