Weis

Das Ende der Mode, wie wir sie kennen

Die Luxuskonzerne haben durch ihr ungezügeltes Wachstum die Probleme selbst geschaffen, unter denen sie heute leiden, meint Diana Weis. Die junge Generation wendet sich ab. Doch es gibt für die Mode zugleich Grund zur Hoffnung.
Diana weis
Dia­na Weis

Bil­der aus Paris und Mai­land: Ein­ge­schla­ge­ne Schau­fens­ter­schei­ben, Glas­split­ter auf dem fei­nen Pflas­ter der Bou­le­vards, geplün­der­te Luxus­bou­ti­quen, ver­mumm­te jun­ge Men­schen hal­ten die erbeu­te­ten Desi­gner-Taschen wie Tro­phä­en in die Smart­phone-Kame­ras. Bil­der aus Ber­lin: ver­ram­mel­te Geschäf­te, Press­span­plat­ten statt Visu­al Mer­chan­di­sing. Am Ku’damm zumin­dest blei­ben – anders als in Frank­furt und Köln – die befürch­te­ten Plün­de­run­gen aus, aber die Bil­der blei­ben im Gedächt­nis.

Bil­der, die – tau­send­fach geteilt, zu Memes gewor­den oder von der KI ver­zerrt – die Waren­welt der Luxus­mo­de nicht mit Reich­tum, Schön­heit und Eska­pis­mus ver­bin­den, son­dern mit Wut, Gewalt und sozia­ler Ungleich­heit.

Die­se Umdeu­tung hat nicht über Nacht statt­ge­fun­den, sie ist das Ergeb­nis struk­tu­rel­ler Ver­än­de­run­gen, die die Mode inner­halb des letz­ten hal­ben Jahr­hun­derts von einer loka­len und hand­werk­li­chen Indus­trie zu einem glo­ba­len, tech­no­lo­gie­ge­trie­be­nen Mil­li­ar­den­ge­schäft gemacht haben. Eine Ent­wick­lung, die mitt­ler­wei­le deut­lich wahr­nehm­bar an ihre Gren­zen stößt und womög­lich an einem End­punkt ange­kom­men ist.

Laut einem Bericht der Finan­cial Times haben die sechs größ­ten bör­sen­no­tier­ten euro­päi­schen Luxus­gü­ter­kon­zer­ne seit Jah­res­be­ginn bis Ende Okto­ber zusam­men rund 251 Mil­li­ar­den Euro an Markt­wert ein­ge­büßt. Damit hat deren Akti­en­be­wer­tung den nied­rigs­ten Stand seit mehr als zehn Jah­ren erreicht, wie Bloom­berg berich­tet.

Tat­säch­lich kön­nen sich welt­weit immer weni­ger Men­schen Luxus­mo­de über­haupt leis­ten. Laut den aktu­el­len Luxu­ry Goods World­wi­de Mar­ket Stu­dies von Bain & Com­pa­ny und dem ita­lie­ni­schen Luxus­gü­ter­ver­band Fon­da­zio­ne Altag­am­ma hat die Bran­che in den letz­ten Jah­ren schät­zungs­wei­se bis zu 50 Mil­lio­nen Kund:innen ver­lo­ren. Im glei­chen Zeit­raum wur­de das Preis­ni­veau sys­te­ma­tisch nach oben getrie­ben. Fashion­uni­ted berich­te­te 2025, dass vie­le Kern-Luxus­pro­duk­te heu­te mehr als 60% teu­er sind als vor der Pan­de­mie. In einer Zeit, in der in den euro­päi­schen Groß­städ­ten vie­le Men­schen mehr als die Hälf­te ihres Gehalts für Mie­te auf­wen­den müs­sen, wirkt Wer­bung für einen Win­ter­man­tel zum Preis eines Fami­li­en­ur­laubs oder eine Hand­ta­sche zum Preis eines Klein­wa­gens wie ein Schlag ins Gesicht.

Fälschungen sind zu It-Pieces einer jüngeren Generation geworden, die ihre Identiät auch daraus zieht, den großen Konzernen eins ausgewischt zu haben

Eine Bewäl­ti­gungs­stra­te­gie liegt laut der Jour­na­lis­tin Lau­ra E. Ewert im Bedeu­tungs­zu­ge­winn gefälsch­ter Desi­gner-Ware. In einem hoch­in­ter­es­san­ten Essay für Deutsch­land­funk bezeich­ne­te sie die­se als „Aus­druck einer neu­en Klas­se“: gefälsch­te Luxus-Arti­kel wür­den nicht län­ger mit Scham getra­gen, weil man sich das Ori­gi­nal nicht leis­ten kann, son­dern sind zu It-Pie­ces einer jün­ge­ren Gene­ra­ti­on gewor­den, die ihre Iden­ti­ät auch dar­aus zieht, den gro­ßen Kon­zer­nen eins aus­ge­wischt zu haben. Einer Stu­die der euro­päi­schen Uni­on zufol­ge hat die Beklei­dungs­in­dus­trie zwi­schen 2018 und 2021 jedes Jahr rund 12 Mil­li­ar­den Euro Umsatz durch gefälsch­te Pro­duk­te ver­lo­ren. Gleich­zei­tig kratzt die mas­sen­haf­te Ver­brei­tung am exklu­si­ven Nim­bus der Mar­ken.

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Ver­ram­mel­te Luxus­lä­den: Die Bil­der blei­ben im Gedächt­nis

Die wirt­schaft­li­che Kri­se, in der die euro­päi­schen Luxus­un­ter­neh­men ste­cken ist auch Aus­druck einer umfas­sen­den kul­tu­rel­len Kri­se, die die gesell­schaft­li­che Bedeu­tung der Mode als Gan­zes betrifft. Die­se ist wie­der­um das Ergeb­nis der aggres­si­ven Expan­si­ons­stra­te­gien der letz­ten Jahr­zehn­te. Schon 2015 erschien das sehr lesens­wer­te Buch 'Gods and Kings: The Risa and Fall of Alex­an­der McQueen and John Gal­lia­no' von Dana Tho­mas. Dar­in beschreibt die in Paris leben­de Jour­na­lis­tin anschau­lich, wie die Arbeit krea­ti­ver Aus­nah­me­ta­len­te durch erbar­mungs­lo­sen Leis­tungs­druck unter­gra­ben und schließ­lich zer­stört wur­de. Waren zur Anfangs­zeit von John Gal­lia­no in den 1980er-Jah­ren noch zwei Kol­lek­tio­nen pro Jahr Stan­dard in der Haut Cou­ture, erhöh­te sich die Fre­quenz bis 2011 auf 32 Kol­lek­tio­nen pro Jahr, zuzüg­lich zahl­rei­cher Neben­li­ni­en wie Par­füms, Son­nen­bril­len oder Acces­soires.

Die Stei­ge­rung des Out­puts führ­te zu einem Ver­lust and künst­le­ri­scher sowie mate­ri­el­ler Qua­li­tät. Die Trend­for­sche­rin und Brand-Stra­te­gin Emi­ly Segal sieht dar­in den ent­schei­den­den Feh­ler der Luxus­kon­zer­ne. In einem Arti­kel auf Sub­stack schreibt sie, jahr­hun­der­te­lang wären die hohen Prei­se in die­sem Seg­ment mit der unver­nünf­ti­gen Ver­schwen­dung von Res­sour­cen wie Roh­stof­fen oder mensch­li­cher Arbeit gerecht­fer­tigt wor­den. Heu­te trü­gen Super­rei­che Baum­woll-T-Shirts für 500 US-Dol­lar mit kryp­ti­schen Refe­ren­zen, die zugleich alles und nichts bedeu­ten könn­ten.

Ähn­lich argu­men­tiert auch Euge­ne Rab­kin in sei­nem 2026 erschie­nen Buch 'Torn: Fashion and Post-Moder­nism'. Der Jour­na­list und Grün­der von Sty­le­Zeit­geist beklagt dar­in, den Ver­lust von Krea­ti­vi­tät und die man­geln­de Wert­schät­zung von Talent in der Indus­trie. Statt künst­le­ri­scher Inno­va­tio­nen wür­den die Luxus­mar­ken nur noch „auf­ge­jazz­te“ und mit Logos ver­se­he­ne Durch­schnitts­klei­dung anbie­ten. Durch die Gleich­för­mig­keit der mas­sen­pro­du­zier­ten Waren gelingt es der Mode­indus­trie aber immer weni­ger, kul­tu­rell rele­van­te Bedeu­tun­gen her­vor­zu­brin­gen.

Die junge Generation hat durchaus noch Lust auf Mode. Sie ist nur unzufrieden mit dem Angebot.

Nicht mal der Unter­hal­tungs­wert des Mode­zir­kus kann davon noch ablen­ken: bereits in den letz­ten Jah­ren sorg­te das „takt­lo­se“ Zur­schau­stel­len von Über­fluss auf dem roten Tep­pich der Met-Gala für wüten­de Pro­tes­te. Nach­dem im August die für 2027 geplan­te Aus­stel­lung 'John Gal­lia­no: Hori­zons' abge­sagt wur­de, gibt es bis heu­te kein Ersatz-Kon­zept für das Spek­ta­kel. Eini­ge mei­nen, die Gala wäre schlicht nicht mehr zeit­ge­mäß.

Am Ende gibt es doch noch Grund zur Hoff­nung. Denn die gefälsch­te Guc­ci-Kap­pe als Iden­ti­täts-Bau­stein zeigt im Grun­de eben­so wie der Vin­ta­ge-Boom der letz­ten Jah­re, dass die jun­ge Gene­ra­ti­on durch­aus noch Lust auf Mode hat. Sie ist nur unzu­frie­den mit dem Ange­bot.

Mehr noch: Sie ver­steht in einem fun­da­men­ta­len Sin­ne die kul­tu­rel­le Berei­che­rung durch die Mode als krea­ti­vem Selbst­aus­druck. Die Gen Z kennt sich viel­leicht bes­ser als ihre Vor­gän­ger-Gene­ra­tio­nen im Mode-Kanon des spä­ten 20. Jahr­hun­derts aus. Sie besitzt archi­va­ri­sches Wis­sen und ist gera­de dabei, sich ein neu­es Qua­li­täts­be­wusst­sein anzu­eig­nen. Das neu­es­te Mode­wort, das vor allem auf der Platt­form Tik­Tok als abwer­ten­der Begriff für alles, dass falsch, unecht oder krampf­haft insze­niert wirkt, ist: 'Poly­es­ter'.

Weis buchDia­na Weis, gebo­ren 1974, pro­mo­vier­te an der Uni­ver­si­tät Ham­burg über das Ner­ven­gift Botox. Sie unter­rich­te­te Mode­theo­rie, Ästhe­tik und Kör­per­so­zio­lo­gie an ver­schie­de­nen Hoch­schu­len und schreibt Stil­kri­ti­ken für die Spex, die ZEIT, Mis­sy u. a. Seit 2019 ist Dia­na Weis Pro­fes­so­rin für Mode­jour­na­lis­mus an der BSP Busi­ness and Law School Ber­lin. Zuletzt erschie­nen von ihr 'Cool Aus­se­hen. Mode & Jugend­kul­tu­ren' und 2020 das Buch 'Mode­bil­der' in der Rei­he Digi­ta­le Bild­kul­tu­ren im Wagen­bach Ver­lag. 

In ihrem gera­de erschie­nen Buch 'Dar­un­ter Nackt" beschreibt Weis die poli­ti­sche Geschich­te der Mode: Was nach Spiel, Frei­heit und Selbst­er­fin­dung aus­sieht, erweist sich als prä­zi­se Maschi­ne sozia­ler Sor­tie­rung. An die Stel­le des Adels sind Mar­ken getre­ten, an die Stel­le von Tra­di­ti­on Port­fo­li­os, an die Stel­le von Stil ein rasen­der Kreis­lauf aus Ver­schleiß und Ver­hei­ßung. Für die Vie­len bleibt bil­li­ge Ware im Takt der Erschöp­fung, für die Weni­gen ein Luxus, der sei­ne Lee­re immer kunst­vol­ler insze­niert. Ein klu­ges, bit­te­res Buch über den Wes­ten, sei­ne Ver­falls­for­men – und das Ende der Mode, wie wir sie ken­nen.