Achim berg

„Es wird in dieser Branche immer noch sehr viel Geld verdient“

 „Der Markt wird sich weiter konsolidieren“, sagt Achim Berg. Der ehemalige McKinsey Senior Partner und Gründer des Corporate Think Tanks Fashionsights gilt als einer der profundesten Kenner des weltweiten Modemarkts. Per se könne man in jedem Marktsegment weiterhin Geld verdienen, sagt Berg im SUITS.Talk. Nur wie? „Du brauchst als Marke Relevanz. Und als Unternehmen kritische Masse.“

Du bist ja einer der Initia­to­ren des Sta­te of Fashion Reports gewe­sen, den BoF mit McK­in­sey seit vie­len Jah­ren zum Jah­res­en­de her­aus­gibt. Ich glau­be, wir kön­nen dar­auf ver­zich­ten, den aktu­el­len Sta­te of Fashion zu dis­ku­tie­ren. Den stel­len die Unter­neh­men jeden Tag in der Kas­se fest.

Stell Dir mal vor, du hast die letz­ten fünf­zehn Jah­re im Tief­schlaf ver­bracht und wachst nun plötz­lich auf und siehst, wie sich die Welt ver­än­dert hat: Donald Trump ist US-Prä­si­dent, Putin hat die Ukrai­ne über­fal­len, Elon Musk will zum Mars flie­gen, künst­li­che Intel­li­genz ist für jeder­mann nutz­bar. Wir haben poli­tisch, wirt­schaft­lich, tech­no­lo­gisch ein kom­plett ande­res Umfeld. Davon sind alle Unter­neh­men betrof­fen.

Reden wir von einer zykli­schen Kri­se, die eine Fol­ge von welt­po­li­ti­schen Ver­schie­bun­gen und ins­be­son­de­re der Trump­schen Poli­tik ist, und das Geschäft kommt irgend­wann wie­der zurück? Oder haben wir es mit einer grund­le­gen­den struk­tu­rel­len Trans­for­ma­ti­on zu tun, die blei­ben wird?

Bei­des. Dass das Luxus­ge­schäft nach 30 Jah­ren enor­men Wachs­tums und einer zehn­jäh­ri­gen Boom­pha­se mal ein­ge­knickt ist, ist jetzt nicht völ­lig unge­wöhn­lich. Aber dass die Klei­der­schrän­ke in der west­li­chen Welt voll sind und die Men­schen weni­ger für Kla­mot­ten aus­ge­ben, das wird blei­ben. Das hat aus mei­ner Sicht nichts mit Zyklus zu tun. Des­we­gen geht es aus Anbie­ter­sicht am Ende nur über Begehr­lich­keit und kul­tu­rel­le Rele­vanz.

War­um scheint die­se Ent­wick­lung so vie­le so kalt erwischt zu haben?

Es wird in die­ser Bran­che immer noch sehr viel Geld ver­dient. Wir reden welt­weit über ein zwei Bil­lio­nen Dol­lar gro­ßes Busi­ness. Und der McK­in­sey Glo­bal Fashion Index, der fai­rer­wei­se nur gelis­te­te Com­pa­nies ent­hält, sieht immer noch 12 Pro­zent EBIT in die­sem Geschäft. Im Ver­gleich zum Lebens­mit­tel­ein­zel­han­del wird in die­ser Bran­che im Schnitt immer noch sehr ordent­lich ver­dient. Der Ver­än­de­rungs­druck war ent­spre­chend gering, und so haben die Unter­neh­men Ent­wick­lun­gen ver­schla­fen und nicht wil­lens, ihre Geschäfts­mo­del­le anzu­pas­sen.

Die 11 Pro­zent sind ein Durch­schnitts­wert. Die Mas­se der Unter­neh­men ver­dient viel weni­ger, die Mehr­zahl der deut­schen Tex­til­händ­ler hat 2025 gar nichts ver­dient.

Ja, das stimmt schon. Wir haben das in mei­ner alten Rol­le bei McK­in­sey hoch und run­ter ana­ly­siert. Am Ende ist es so, dass die Top 50-Unter­neh­men den Pro­fit die­ser Indus­trie mit­neh­men.

Kei­ne ermu­ti­gen­de Aus­sa­ge für die Top 51ff.

Das ist natür­lich tückisch. Wenn du als mit­tel­stän­di­sches Fami­li­en­un­ter­neh­men vie­le Jah­re viel Geld ver­dient hast, dann bist du viel­leicht auch der Mei­nung, dass es eine Wei­le auch ohne Erwirt­schaf­tung dei­ner Kapi­tal­kos­ten funk­tio­niert und du wei­ter­ma­chen kannst, bis die guten alten Zei­ten zurück sind. Die kom­men aber nicht wie­der.

„Es fehlt vielen Playern an kritischer Masse und den finanziellen Möglichkeiten, im notwendigen Umfang in Technologien, in Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Internationalisierung zu investieren.“

 Du emp­fiehlst, den Laden zuzu­ma­chen?

Nein. Aber der Markt wird sich wei­ter kon­so­li­die­ren. Der Mid­mar­ket ist aus mei­ner Sicht fast durch damit. Als Nächs­tes kon­so­li­diert sich das Pre­mi­um­seg­ment. Es fehlt vie­len Play­ern an kri­ti­scher Mas­se und den finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten, im not­wen­di­gen Umfang in Tech­no­lo­gien, in Nach­hal­tig­keit, Digi­ta­li­sie­rung, Inter­na­tio­na­li­sie­rung zu inves­tie­ren.

Was ist für dich Pre­mi­um?

Da reden wir über Brands wie Marc O‘ Polo, Gant oder Tom­my Hil­fi­ger. Der Mid­mar­ket wird längst von Play­ern wie Zara und Man­go domi­niert. Zugleich ist es ja so, dass selbst wenn eine Fir­ma ver­schwin­det, eine Mar­ke ja nicht auf­hört zu exis­tie­ren. Die wird dann von einem ande­ren Unter­neh­men gekauft und wei­ter­be­trie­ben. Man den­ke an Bal­dessa­ri­ni, das jetzt zu S.Oliver gehört. Oder Shein und Ever­la­ne. Oder sie wird eben von den Jamie Sal­ters (Grün­der der Authen­tic Brands Group) die­ser Welt lizen­siert. Wenn sie denn genug Mar­ken­re­le­vanz hat. Die Ange­bots­brei­te nimmt irgend­wie nicht ab. Des­we­gen nimmst du die­se Kon­so­li­die­rung gar nicht so rich­tig wahr.

Wer sind in die­sem Struk­tur­wan­del die Gewin­ner? Wer die Ver­lie­rer?

Es ist nicht so, dass jetzt Dis­count irgend­wie von der aktu­el­len Kauf­kraft­schwä­che pro­fi­tie­ren wür­de. Und genau­so ist es ein Ammen­mär­chen, dass Luxus völ­lig resis­tent ist, weil die Rei­chen immer Geld aus­ge­ben. Wenn Du auf die glo­ba­le Top 50-Lis­te schaust, dann sind dort alle Preis­ka­te­go­rien und alle Geo­gra­fien ver­tre­ten. Das heisst, per se kann man in jedem Seg­ment Geld ver­die­nen. Wir haben natür­lich ein paar mehr Luxus­un­ter­neh­men dort. Und auch mehr Sports Brands. Und wir haben die, die inno­va­ti­ve Geschäfts­mo­del­le ent­wi­ckelt haben. Da gibt es nicht vie­le.

Wen?

Vor allem Indi­tex mit sei­nem Modell. Und natür­lich Shein, das in kür­zes­ter Zeit auf 35 Mil­li­ar­den gewach­sen ist. Dann gibt es noch E Com­mer­ce. Und Off­pri­ce ist abso­lut einer der Gewin­ner. Resa­le nimmt defi­ni­tiv zu, aber die­se Geschäfts­mo­del­le, sind noch nicht so weit, dass die jetzt wirk­lich schon hoch pro­fi­ta­bel wären.

Neh­men wir mal an, du bist Inha­ber oder Geschäfts­füh­rer von einem Mode­haus irgend­wo in der deut­schen Pro­vinz. Da gibt es ja immer noch stol­ze und grund­so­li­de Unter­neh­men, die meist auch Geld ver­die­nen. Was wür­dest du tun, um dich zukunfts­si­cher auf­zu­stel­len?

Also, ich glau­be, es geht nur, wenn man in einem ent­spre­chend gro­ßen Ein­zugs­be­reich wirk­li­che Rele­vanz hat. Immer­hin dürf­ten die Mie­ten in die­sen mit­tel­gro­ßen Städ­ten nicht so das The­ma sein.

Vie­le die­ser Fir­men sit­zen in Eigen­tum, manch­mal gehört ihnen der hal­be Ort.

Das mag Sicher­heit geben. Aber ent­schei­dend ist am Ende der Eco­no­mic Value, den wir für den McK­in­sey Glo­bal Fashion Index zugrun­de gelegt haben. Und der ist eben Pro­fit abzüg­lich der Kapi­tal­kos­ten. Du kannst  lang­fris­tig nicht über­le­ben, wenn du es nicht schaffst, dei­ne Kapi­tal­kos­ten mal min­des­tens zu erwirt­schaf­ten.

„Entscheidend für den Erfolg ist ein wirklich tiefes Verständnis deines Konsumenten. Da sind manche lokale Player womöglich im Vorteil.“

Zurück zu mei­ner Fra­ge. Was also tun?

Ent­schei­dend für den Erfolg ist ein wirk­lich tie­fes Ver­ständ­nis dei­nes Kon­su­men­ten. Da sind man­che loka­le Play­er womög­lich im Vor­teil. Es braucht eine wirk­li­che Kura­tie­rungs­leis­tung. Wir reden über Han­del. Es kann nicht dar­um gehen, nur das zu ver­kau­fen, was eine Who­le­sa­le Brand dir ver­sucht, in den Laden zu drü­cken. Ent­schei­dend ist Begehr­lich­keit. Das kann über Kura­tie­rung kom­men, oder es kommt über Erleb­nis. Der Kun­de hat ja auch jen­seits der Groß­städ­te die kom­plet­te Aus­wahl. Wir haben mitt­ler­wei­le einen Online­an­teil je nach Preis­punkt und Regi­on von 30 bis 40 Pro­zent. Da musst du dem Kun­den schon einen Grund geben, war­um er in den Laden kom­men soll.

Das hört sich für mich so an, als glaubst Du nicht wirk­lich an die­ses Mul­ti­la­bel-Modell.

Doch schon. Aber streng kura­tiert. Als Mul­ti­la­bel-Händ­ler musst du der Lan­ge­wei­le der Ein­kaufs­stra­ße ent­ge­gen­wir­ken und her­aus­ste­chen. Schau dir Wies­ba­den an, mei­ne Hei­mat­stadt mit 300.000 Ein­woh­nern und hoher Kauf­kraft. Die Innen­stadt ist ein Desas­ter!

Wenn der Mul­ti­la­bel-Han­del auf dem Rück­zug ist, bekom­men auch die Mar­ken­lie­fe­ran­ten ein Pro­blem.  

Du musst als Brand ent­we­der ver­ti­ka­li­sie­ren oder ein kon­se­quen­tes Who­le­sa­le Busi­ness fah­ren. Du bist ent­we­der Man­go oder du bist Best­sel­ler. Aber du bist nichts dazwi­schen.

Also nix mit Mul­tich­an­nel?

Vie­le der Unter­neh­men, die aus der Pro­duk­ti­on oder dem Groß­han­del kamen, haben sich mit ihrem Retail Busi­ness ver­ho­ben. Die haben sich erst mal gefreut, ihren Namen über dem Store zu lesen. Dann kam auch noch E‑Commerce dazu. Das hat die Kom­ple­xi­tät extrem erhöht. Aber vie­le schaf­fen es ein­fach nicht, all die­se Kanä­le ver­nünf­tig zu bespie­len und über­all Geld zu ver­die­nen.

Dann ist das Gros der deut­schen Beklei­dungs­in­dus­trie auf dem Holz­weg?

Nicht unbe­dingt. Du musst als Mar­ke heu­te schon auf allen Kanä­len prä­sent sein, wo die Kun­den ein­kau­fen. Aber du brauchst dafür als Unter­neh­men kri­ti­sche Mas­se.

Wo liegt die?

Vor zehn Jah­ren war eine Mil­li­ar­de sicher­lich eine ver­nünf­ti­ge kri­ti­sche Mas­se. Heu­te brauchst du eher drei, vier, fünf Mil­li­ar­den. Du musst alle Kanä­le exzel­lent bespie­len. Du musst schnell sein. Du musst dei­ne Back-End-Pro­zes­se dyna­mi­sie­ren. Du musst nach­hal­tig sein. Du musst digi­tal sein.

„Kleineren Unternehmen bleibt die Nische. Du musst Spezialist sein, rausstechen, weil du das beste Produkt hast. Aber man sollte genau überlegen, ob man wirklich auf allen Spielfeldern mitspielen muss.“

Und jetzt kommt auch noch AI dazu.

Ja. All das ist hoch­kom­plex. Frü­her war der Mode­ver­trieb ein rela­tiv simp­les Geschäfts­mo­dell. Du hast Who­le­sa­le mit einer ordent­li­chen Mar­ge betrie­ben, und die Händ­ler drau­ßen haben den Rest erle­digt. Was sie nicht ver­kauft haben, haben sie irgend­wie dis­kon­tiert. Als Who­le­sa­ler hat dich das nur begrenzt inter­es­siert. Das ist vor­bei.

Was mache ich jetzt, wenn ich Brax bin oder Digel oder Bet­ty Bar­clay. Alle­samt übri­gens kei­ne uner­folg­rei­chen Unter­neh­men.

Ich will kei­ne Aus­sa­gen zu ein­zel­nen Mar­ken tref­fen. Ich glau­be, klei­ne­ren Unter­neh­men bleibt die Nische. Du musst Spe­zia­list sein, raus­ste­chen, weil du das bes­te Pro­dukt hast. Aber man soll­te genau über­le­gen, ob man wirk­lich auf allen Spiel­fel­dern mit­spie­len muss.

Die Bera­ter haben gut davon gelebt.

Schau mal auf all die The­men, die wir seit 20 Jah­ren dis­ku­tie­ren, aber bei denen nur wenig raus­ge­kom­men ist: Mass Cus­to­miza­ti­on, Per­so­na­liza­ti­on, Omnich­an­nel. Also, ich mei­ne, was ist denn Omnich­an­nel jetzt bei den meis­ten? Bei den meis­ten ist Omnich­an­nel ein Video-Screen im Store, viel­leicht noch ‚Click & Coll­ect‘ und wenn es ganz hoch kommt, auch ‚Ship from Store‘. Schau was Indi­tex da alles macht. Du hast eine App, die dich durch den Store führt, die dir Ver­füg­bar­kei­ten anzeigt, die wirk­li­chen Mehr­wert erzeugt. Du kannst die Ware am Self-Check­out bezah­len oder sie dir vom Store nach Hau­se schi­cken las­sen. Das ist der neue Stan­dard. Die­se gan­zen Fea­tures, das kann ein Mit­tel­ständ­ler schwer­lich leis­ten. Die Indi­tex-Grup­pe ist jetzt bei knapp 40 Mil­li­ar­den Dol­lar Umsatz, das ist fast dop­pelt so groß wie H&M! Das ist zugleich nicht nur eine finan­zi­el­le Fra­ge, son­dern du musst auch die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten haben, die­se Solu­ti­ons zu fin­den.

Hm.

Des­we­gen ist es wahr­schein­lich in man­chen Fäl­len auch bes­ser, dem zu wider­ste­hen und auf das zu fokus­sie­ren, wo du dich wirk­lich dif­fe­ren­zie­ren kannst: Per­sön­li­chen Ser­vice, Kura­tie­rung, Enter­tain­ment, ein wirk­li­ches Ver­ständ­nis dei­nes Kon­su­men­ten.

Das Inter­es­san­te ist, dass ein Unter­neh­men wie Indi­tex trotz der Grö­ße immer noch sehr, sehr agil erscheint. Frü­her wuch­sen mit der Grö­ße von Unter­neh­men auch deren Pro­ble­me, und irgend­wann wur­den sie von schnel­le­ren und anpas­sungs­fä­hi­ge­ren Klei­nen erfolg­reich ange­grif­fen.

Das stimmt. Aber auch bei Indi­tex ist nicht alles Gold was glänzt. Das Like-for-like-Wachs­tum ist seit ein paar Sai­sons schwä­cher gewor­den. Auch bekommst Du Zara-Ver­gleichs­zah­len nur noch in Kom­bi­na­ti­on mit Zara Home und Lef­ties. Das ist bestimmt kein Zufall. Von den 40 Mil­li­ar­den Umsatz macht Zara immer noch über 70% Pro­zent aus. Die ande­ren acht Brands brin­gen in Sum­me „ledig­lich“ 11 Mil­li­ar­den Dol­lar auf die Waa­ge. Das ist alles sehr erfolg­reich, aber es ist offen­kun­dig nicht so, dass man Zara Eins zu Eins repli­zie­ren könn­te.

Wir müs­sen uns aber auch kei­ne Sor­gen machen.

Natür­lich nicht. Indi­tex‘ Busi­ness Model ist auch dar­auf aus­ge­rich­tet, Ver­än­de­run­gen im Markt zu erken­nen und Sor­ti­ments­feh­ler zu kor­ri­gie­ren. Wenn die in der Kol­lek­ti­on mal falsch lie­gen, dann krie­gen die es halt inner­halb von Wochen kor­ri­giert, wäh­rend die nor­ma­le 9‑bis-12-Mona­te-Sup­p­ly-Chain zwei Sai­sons dafür braucht.

Und jetzt kommt mit Shein der nächs­te Kil­ler.

In der Ent­wick­lung des Geschäfts­mo­dells ist das tat­säch­lich die nächs­te Stu­fe. Natür­lich hat Shein Vor­tei­le genutzt, die es eigent­lich nicht geben dürf­te: Kei­ne Zöl­le zu bezah­len und sich nicht an Pro­dukt­stan­dards zu hal­ten. Aber es ist ein Fehl­glau­be, dass wenn man das jetzt abstellt, das Geschäfts­mo­dell in sich zusam­men­bricht. Das wird nicht der Fall sein. Shein mar­kiert nach Zara und den E‑com-Spie­lern wie Asos die drit­te Wel­le von Fast Fashion.

„Es wurde auch so immer noch viel Geld verdient. Warum dann etwas ändern? Der Druck war nicht hoch genug. Zu viele Unternehmen sind letztlich stehen geblieben. Wie das Reh im Scheinwerferlicht.“

Ist das Manu­fac­tu­ring-to-con­su­mer-Modell von Shein die Zukunft des Mode­busi­ness?

Natür­lich sucht der Kun­de, der eine Qua­li­täts­ho­se haben möch­te, nicht zwangs­läu­fig den letz­ten Schrei. Des­we­gen muss ich die­sen Arti­kel auch nicht in drei Wochen pro­du­ziert und gelie­fert bekom­men. Nichts­des­to­trotz kann man von Shein ler­nen. Es wäre falsch zu glau­ben, dass du als nicht so modi­scher Qua­li­täts­ho­sen­an­bie­ter künf­tig wei­ter­hin mit dem glei­chen Backend und den glei­chen Pro­zes­sen arbei­ten kannst. Ich bin aber nicht sicher, ob das alle so anneh­men.

War­um?

Indi­tex gibt es seit 40 Jah­ren. Spä­tes­tens seit 25 Jah­ren ist die­ses Geschäfts­mo­dell ver­stan­den. Und trotz­dem schaf­fen es nur weni­ge, es eben­so zu machen.

Wor­an liegt das?

Es wur­de halt auch so immer noch viel Geld ver­dient. War­um dann etwas ändern? Der Druck war nicht hoch genug. Zu vie­le Unter­neh­men sind letzt­lich ste­hen geblie­ben. Wie das Reh im Schein­wer­fer­licht. Ein Aspekt, der womög­lich eine Rol­le spielt, ist, dass die gro­ßen Erfolgs­ge­schich­ten häu­fig immer noch von den Grün­dern oder der zwei­ten Gene­ra­ti­on domi­niert sind, die an lieb­ge­won­ne­nen Pro­zes­sen und frü­her erfolg­rei­chen Lea­der­ship-Metho­den fest­hal­ten und es nicht schaf­fen, ihre Geschäfts­mo­del­le zu inno­vie­ren.

Ist es nicht meis­tens so, dass Märk­te durch neue Play­er auf­ge­rüt­telt wer­den? Schau Dir den Auf­stieg von Zalan­do an. Und es gibt bereits Stim­men, die auch die­ses Geschäfts­mo­dell – also Mul­ti­la­bel-Sor­ti­men­te im Inter­net – schon wie­der für gefähr­det hal­ten und Zalan­do einen ‚Kar­stadt ohne Roll­trep­pen‘ nen­nen. Wür­dest Du Zalan­do-Akti­en kau­fen?

Per se glau­be ich, dass der Online-Anteil wei­ter stei­gen wird. Einen Anteil von 50 Pro­zent hal­te ich nicht für aus­ge­schlos­sen. Ich glau­be zugleich, dass wir eine Kon­so­li­die­rung, wie wir sie im Luxu­ry-E-Com­mer­ce gese­hen haben – mit Matches, mit Far­fetch, mit YNAP und Mythe­re­sa – per­spek­ti­visch auch im mitt­le­ren Preis­seg­ment sehen wer­den.

Zalan­do hat About You schon geschluckt.

Ich den­ke, wir wer­den unter­schied­li­che Spiel­ar­ten von E‑Commerce sehen. Die eine ist mehr Ama­zon-like, und da wür­de ich auch Zalan­do ein­sor­tie­ren. Du bist die digi­ta­le Platt­form, du sorgst für Traf­fic, du regelst Sup­p­ly Chain und Backend und bist am Ende Mar­ket­place.

Eine Art ECE im Inter­net.

Die ande­re Vari­an­te ist kura­tiert. So wie es ein Asos oder ein Mythe­re­sa machen. Da brauchst du ein tech­ni­sches Backend, aber der Kun­de kommt auch, weil er da was Beson­de­res gebo­ten bekommt mit einem Mix von Pri­va­te Label und ver­schie­de­nen Mar­ken. Und das drit­te Spiel ist Shein, wo du noch eine eige­ne Pro­duk­ti­ons-Engi­ne dahin­ter hast.

Wie siehst Du die D2C-Bemü­hun­gen der Brands?

Wenn du kri­ti­sche Mas­se hast, ist das natür­lich sinn­voll. Die Brands wer­den aber trotz­dem auch auf den Markt­plät­zen sein. Schau Dir das Luxus­seg­ment an. Da gibt es nur eine Hand­voll von Mar­ken, die nicht auf Platt­for­men sind: Dior, Lou­is Vuit­ton, Cha­nel ist nicht mal selbst online. Alle ande­ren ver­kau­fen auch auf Platt­for­men. Der Direct-to-Con­su­mer-Traum funk­tio­niert nur für ganz weni­ge, und das haben ganz vie­le mitt­ler­wei­le erkannt.

„Als E‑Commerce angefangen hat, sind von den First Movern nach dem Platzen der Blase erstmal etliche pleite gegangen. Die richtige Kommerzialisierung hat dann zehn Jahre später erst eingesetzt. Das könnte bei AI genauso passieren.“

Und jetzt kommt mit Macht das The­ma KI auf die Agen­da. Da gibt es rie­si­ge Chan­cen, aber auch enor­me Risi­ken.

Ich sehe vor allem die Chan­cen. Die Markt­la­ge ist schwie­rig, und es gibt ja kein wirk­li­ches Anzei­chen, dass das mit­tel­fris­tig struk­tu­rell bes­ser wird. Dass Mode jetzt wie­der rele­van­ter wird und einen höhe­ren Share of Wal­let kriegt, ist für die west­li­che Welt nicht sehr wahr­schein­lich. Dass der Ein­kauf in irgend­ei­ner Form güns­ti­ger wird, auch nicht. Die Kos­ten wer­den eher stei­gen. Dann ist da der Fach­kräf­te­man­gel. Wenn du dir die struk­tu­rel­len Fak­to­ren anguckst, dann ist das ein­zi­ge The­ma, das in irgend­ei­ner Form eine Ver­bes­se­rung auf der Pro­duk­ti­vi­täts­sei­te ver­spricht, KI. Die Fra­ge ist natür­lich jetzt wie­der­um: sind die Unter­neh­men in der Lage, die Poten­zia­le über­haupt zu heben? Und wel­che Unter­neh­men sind das? Groß­kon­zer­ne haben wahr­schein­lich eher die Mit­tel, das zu tun. Die klei­nen und die mitt­le­ren Unter­neh­men müs­sen dar­auf war­ten, dass es irgend­wann Tools und Solu­ti­ons gibt. Die Fra­ge ist, ob vie­le die­ser Unter­neh­men die­se Pha­se über­ste­hen.

Zu allem Über­fluss ist mit Agen­tic Com­mer­ce der nächs­te Game­ch­an­ger im Anmarsch. Wie bewer­test du die­ses The­ma?

Ich glau­be, Agen­tic Com­mer­ce ist immer noch eine Schi­mä­re. Es ist noch völ­lig unklar, was das eigent­lich ist. Wird Chat GPT in Zukunft Goog­le erset­zen und auch noch die Trans­ak­ti­on abwi­ckeln? Kann sein. Da wird viel gere­det, und da wer­den auch irgend­wel­che Part­ner­schaf­ten announ­ced. Aber da ist aktu­ell auch ein gehö­ri­ger Hype drin. Wenn ich sehe, wel­che Bewer­tun­gen bei den anste­hen­den AI-Bör­sen­gän­gen auf­ge­ru­fen wer­den, wo wil­de Mul­ti­ples auf den Umsatz und nicht auf den Pro­fit bezahlt wer­den, dann erin­nert das schon auch an eine Bla­se. Auf der ande­ren Sei­te: Als E‑Commerce in 2000 ange­fan­gen hat, sind von den First Movern nach dem Plat­zen der Bla­se erst­mal etli­che plei­te gegan­gen. Die rich­ti­ge Kom­mer­zia­li­sie­rung hat dann zehn Jah­re spä­ter erst ein­ge­setzt. Das könn­te bei AI genau­so pas­sie­ren.

Wel­che Prio­ri­tä­ten soll­ten Unter­neh­mer und Ent­schei­dungs­trä­ger in die­ser Indus­trie für die nächs­ten, sagen wir mal, drei bis fünf Jah­re set­zen?

Gut, da hät­te ich natür­lich jetzt einen gan­zen Kata­log und das ist natür­lich auch ein biss­chen das Pro­blem. Es gibt nicht mehr die eine Sache, auf die du ach­ten musst. Son­dern die The­men sind viel­fäl­ti­ger und kom­ple­xer gewor­den.

Ver­su­che es.

Also, ich wür­de mal beim Pro­dukt anfan­gen. Ohne Begehr­lich­keit von Pro­dukt und Mar­ke ist alles ande­re sinn­los. Zwei­tens braucht es Kos­ten­dis­zi­plin, und das über alle Kanä­le und auch auf der Ein­kaufs­sei­te. Auch dyna­mi­sches Pri­cing ist immer noch ein sehr ver­nach­läs­sig­tes The­ma.

Soweit also wie gehabt?

Wir wer­den viel daten­ge­stütz­ter arbei­ten. Vor zehn Jah­ren hast du vie­le Daten nicht gehabt oder nicht nut­zen kön­nen. Dafür gibt es jetzt die Tools. Du brauchst Tech­nik­af­fi­ni­tät. Man muss wahr­schein­lich nicht bei allem ganz vor­ne dabei sein, aber man soll­te schon ver­ste­hen, was da Neu­es pas­siert, bei wel­chen Lösun­gen man mit­macht und was man nicht braucht.

"Die kulturelle Relevanz von Mode ist gestiegen über die Jahre. Aber wie sich das darin übersetzt, auch die Leute zu bekommen, die technisches Know-how haben, das ist eine offene Frage."

Es braucht die rich­ti­gen Leu­te.

Natür­lich. Die Bran­che muss es schaf­fen, Talen­te anzu­zie­hen. Ich glau­be, die kul­tu­rel­le Rele­vanz von Mode ist gestie­gen über die Jah­re. Aber wie sich das dar­in über­setzt, auch die Leu­te zu bekom­men, die tech­ni­sches Know-how haben, das ist eine offe­ne Fra­ge. Zugleich gibt es etli­che Start-ups und Sca­le-ups, die an der Schnitt­stel­le von Mode und Tech­nik arbei­ten. Mit denen muss man in der Dis­kus­si­on sein und schau­en, was man dann durch Part­ner­ships machen kann.

Brau­chen wir denn ande­re Mana­ger, als wir sie jetzt haben?

Ja und nein. Wie schon gesagt wer­den wir struk­tu­rell vie­les anders machen müs­sen. Ein Mana­ger, der ledig­lich die Erfah­rung der letz­ten 30 Jah­re an den Start bringt und nicht offen ist für Ver­än­de­run­gen, der wird sicher­lich Her­aus­for­de­run­gen haben, und der ist wahr­schein­lich nicht die bes­te Wahl. Aber jetzt ein­fach den tech­no­lo­gie­ver­lieb­ten Youngs­ter ran­zu­las­sen, ist auch nicht die Lösung. Am Ende kommt es auf den Mix an. Der Job ist deut­lich kom­ple­xer gewor­den und das Pro­fil, das du mit­brin­gen musst, ist auch viel­schich­ti­ger, als das in der Ver­gan­gen­heit war.

Neh­men wir mal an, ich bin Inves­tor mit zuviel Geld und ich ste­cke Dir ein paar Mil­lio­nen zu, mit der Maß­ga­be, das Geld zur Grün­dung eines Mode­han­dels­un­ter­neh­mens zu ver­wen­den: Was für ein Unter­neh­men wäre das?

Das ist eine her­vor­ra­gen­de Fra­ge. Auf der einen Sei­te sind die Bar­rie­ren, eine Mode­mar­ke zu grün­den oder irgend­was mit Mode zu machen, nied­ri­ger als sie jemals waren. Alles das, was frü­her irgend­wie kom­pli­ziert war, Herr­schafts­wis­sen erfor­der­te und hohe Kos­ten hat­te, ist heu­te deut­lich güns­ti­ger. Und wenn du den Zeit­geist irgend­wie triffst und kul­tu­rel­le Rele­vanz hast, dann kannst du auch aus dem Nichts etwas schaf­fen, was nach­fragt wird.

Aber?

Wenn wir mal sehr nüch­tern drauf gucken: Wer hat es denn wirk­lich geschafft, in den letz­ten 15 Jah­ren etwas wirk­lich Gro­ßes am Markt zu eta­blie­ren. Da fal­len einem nicht so vie­le ein. Auf der Sport­sei­te viel­leicht ein Lulu­le­mon und ein On. Im Luxus­markt ein Toteme oder The Row. Dann gab es Direct-to-Con­su­mer-For­ma­te wie Skims, Ever­la­ne oder All­birds und im Resa­le ein Ves­ti­ai­re Coll­ec­ti­ve. Am Ende geht es weni­ger um neue Brands, son­dern um Geschäfts­mo­del­lin­no­va­tio­nen. Shein mit sei­nen 35 Mil­li­ar­den Umsatz ist da der abso­lu­te Super­star. Aber so nach dem Mot­to "Ich bin ein krea­ti­ves Talent und ich mache jetzt mal eine tol­le Kol­lek­ti­on" –  das wird mit hoher Wahr­schein­lich­keit nicht funk­tio­nie­ren.

Das heißt, ich müss­te dir, wenn du grün­den soll­test, ziem­lich viel Geld geben.

Ja, das ist schon so. Frag dich doch mal, wes­halb die gro­ßen Kon­zer­ne nur sehr sel­ten neue Mar­ken laun­chen, son­dern lie­ber wel­che über­neh­men. Das Offen­sicht­lichs­te wäre ja zum Bei­spiel eine nach­hal­ti­ge Mode­mar­ke an den Markt zu brin­gen. War­um hat das denn noch kei­ner pro­biert?

Indi­tex hat mit den Jah­ren schon ein paar neue Ket­ten an den Markt gebracht. H&M eben­so.

Aus­nah­men bestä­ti­gen die Regel. Aber erfolg­reich zu sein, ist defi­ni­tiv nicht ein­fa­cher gewor­den. Jetzt haben wir hier aber ganz schön schwarz­ge­malt.

Du hast recht. Gibt es denn auch Grün­de, zuver­sicht­lich zu sein?

Natür­lich. Der Mode­markt wächst welt­weit. Mode ist nach wie vor ein pro­ba­tes Mit­tel, sich zu dif­fe­ren­zie­ren. Wir kön­nen auf den Hedo­nis­mus der Men­schen ver­trau­en. Ich glau­be auch, dass das Nach­hal­tig­keits­the­ma zurück­kom­men wird. Ich glau­be, dass tech­ni­sche Inno­va­ti­on hilf­reich ist und kei­ne Bedro­hung. Und natür­lich wird wei­ter­hin Geld ver­dient wer­den, auch wenn die Mar­gen wei­ter run­ter­ge­hen. Nach Tech und Finan­ce sind die meis­ten Mil­li­ar­dä­re auf der For­bes-Lis­te Unter­neh­mer, die mit Han­del, Beklei­dung, Luxus­gü­tern reich gewor­den sind: die Ottos, die Orte­gas, die Pers­sons, die Arnaults, die Pinaults. Ich bin sicher, in die­sem Markt wird auch künf­tig Geld ver­dient wer­den.

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