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Wer hat einen Eventmanager?

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Jür­gen Mül­ler

Es sind dra­ma­ti­sche Zah­len, die der HDE die­ser Tage ver­kün­det hat: Über 70.000 Läden wur­den in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren in Deutsch­land geschlos­sen. In die­sem Jahr dürf­te die Zahl der Geschäf­te um wei­te­re 4900 auf dann noch 296.600 sin­ken. Neu­eröff­nun­gen sind dar­in bereits berück­sich­tigt.

Natür­lich hat die Pan­de­mie die­se Sta­tis­tik beein­flusst. Allein 2021 sank die Zahl der Geschäf­te um 11.500, im Jahr dar­auf um wei­te­re 11.000. Dann kamen der Ukrai­ne­krieg und das Trump­sche Zoll­cha­os. Kon­junk­tur und Kon­sum­lust blie­ben im Kel­ler. Gleich­zei­tig sind die Kos­ten gestie­gen. 2025 gab es nach Anga­ben des Kre­dit­ver­si­che­rer Alli­anz Trade im Ein­zel­han­del mit 2571 Plei­ten so vie­le Insol­ven­zen wie noch nie in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren. Nach BTE-Anga­ben hat mehr als die Hälf­te der Mode­händ­ler 2025 ope­ra­tiv mit Ver­lust abge­schnit­ten.

Jetzt lässt der Iran-Krieg die Ener­gie­prei­se explo­die­ren. Je län­ger der Kon­flikt dau­ert, des­to gra­vie­ren­der wer­den die Fol­gen für die hie­si­ge Kon­junk­tur sein. Eine Mehr­wert­steu­er­erhö­hung, wie sie gera­de dis­ku­tiert wird, wer­den zu einem nicht gerin­gen Teil die Betrie­be weg­ste­cken müs­sen.

Was den Sta­tio­nä­ren zudem zu schaf­fen macht, ist der mas­si­ve Wan­del im Kauf­ver­hal­ten. Immer mehr Men­schen kau­fen online. Auch hier­für war Coro­na ein Beschleu­ni­ger. Online hat nicht zuletzt den Preis­kampf ange­heizt. Man fin­det im Web immer einen, der ein Pro­dukt noch mal güns­ti­ger anbie­tet. Platt­for­men wie Temu und Shein haben chi­ne­si­schen Bil­lig­pro­du­zen­ten den direk­ten Zugang zu euro­päi­schen Ver­brau­chern eröff­net, ohne preis­stei­gern­de Umwe­ge über Groß­händ­ler und Impor­teu­re und ohne kos­ten­stei­gern­den Ver­brau­cher­schutz. Und das dann auch noch zoll­frei. War­um dau­ert es so lan­ge, die­se Miss­stän­de zu besei­ti­gen?

Digi­ta­li­sie­rung, Ver­ti­ka­li­sie­rung und Inter­na­tio­na­li­sie­rung haben den Wett­be­werb ver­schärft und den Struk­tur­wan­del im Ein­zel­han­del befeu­ert. Es stirbt bei­lei­be nicht nur Tan­te Emma. Es trifft klei­ne wie grö­ße­re Unter­neh­men. Worm­land ist vom Markt ver­schwun­den. Gale­ria stellt meh­re­re Häu­ser zur Dis­po­si­ti­on. Kik schließt 300 Filia­len. Par­fum­dreams macht zehn sei­ner 18 Akzen­te-Stores dicht. Die Stadt­par­fü­me­rie Pie­per ist in der Insol­venz. Auch der Home­ac­ces­soires-Händ­ler Depot und der Dis­coun­ter Kodi haben ihre Fili­al­net­ze ver­klei­nert. Und das sind nur ein paar Nach­rich­ten der letz­ten Wochen, die einem spon­tan ein­fal­len.

Viele Betriebe verdienen im operativen Geschäft zu wenig Geld – wenn überhaupt. Man lebt von der Hand in den Mund, was auch ein Grund dafür ist, dass die Preisdämme immer früher brechen.

In vie­len Unter­neh­mer­fa­mi­li­en dürf­ten beim Abend­essen inzwi­schen ganz grund­sätz­li­che Fra­gen dis­ku­tiert wer­den: Was bedeu­ten die­se gan­zen Ent­wick­lun­gen für unse­re Fir­ma? Trägt unser Geschäfts­mo­dell nich? Was ist unser Platz im Markt? Was unse­re Per­spek­ti­ve? Was ist zu tun, um mit­tel­fris­tig wie­der wach­sen zu kön­nen? Kön­nen wir das leis­ten? Wol­len wir das?

Jahr­zehn­te­lang haben mit­tel­stän­di­sche Fami­li­en­be­trie­be das Bild des Tex­til­ein­zel­han­dels in Deutsch­land geprägt. Seit den 90er-Jah­ren hat sich die­ses Bild rapi­de ver­än­dert. Aus den 1a-Lagen der Groß­städ­te haben sich die Selb­stän­di­gen weit­ge­hend ver­ab­schie­det. Dort bestim­men die immer glei­chen Filia­lis­ten das Bild, in vie­len Klein- und Mit­tel­städ­ten sieht es inzwi­schen nicht mehr viel anders aus. Die Selb­stän­di­gen wer­den zuneh­mend in Markt­ni­schen gedrängt und spe­zia­li­sie­ren sich, das lukra­ti­ve Geschäft mit der Mas­se machen ande­re. Aus­nah­men wie Wald­kir­chen, Olden­burg, Osna­brück oder Erding gibt es nicht weni­ge, sie bestä­ti­gen den­noch die Regel.

Dazu kom­men spe­zi­fi­sche Pro­ble­me von mit­tel­stän­di­schen Fami­li­en­be­trie­ben wie feh­len­de Nach­fol­ge und chro­ni­sche Unter­fi­nan­zie­rung. In der eige­nen Immo­bi­lie sit­zend und bei vol­lem Fami­li­en­ein­satz war es bis­lang leicht mög­lich, sich sei­nen Laden schön zu rech­nen. Vie­le Betrie­be ver­die­nen im ope­ra­ti­ven Geschäft aber zu wenig Geld – wenn über­haupt. Man lebt von der Hand in den Mund, was auch ein Grund dafür ist, dass die Preis­däm­me immer frü­her bre­chen. Wo der Ein­kauf der nächs­ten Sai­son im gro­ßen Stil mit Lie­fe­ran­ten­kre­di­ten finan­ziert wer­den muss, läuft etwas falsch.

Hin­ter den meis­ten der gro­ßen Online Play­er und auch der expan­si­ven Filia­lis­ten wie NKD, Action oder TK Maxx steht dage­gen mil­li­ar­den­schwe­res Fremd­ka­pi­tal, das in den Ver­drän­gungs­wett­be­werb inves­tiert wer­den kann. Aber auch ope­ra­tiv ist die ver­ti­ka­le Kon­kur­renz nicht sel­ten mit zwei­stel­li­gen Umsatz­ren­di­ten unter­wegs. Was bekannt­lich mit ihrer Fähig­keit zusam­men­hängt, die rich­ti­ge Ware bedarfs­ge­recht, schnell und kos­ten­güns­tig an den Point of Sale zu brin­gen. Das funk­tio­niert des­halb, weil sie die kom­plet­te Lie­fer­ket­te von den Vor­stu­fen bis zu den Läden kon­trol­lie­ren.

Das ist natür­lich eine Fra­ge der Grö­ße. Aber auch klei­ne­re Mul­ti­la­bel-Fach­händ­ler müs­sen die Opti­mie­rungs­po­ten­zia­le der Sup­p­ly Chain für sich erschlie­ßen. Dar­an führt kein Weg vor­bei. Ande­re Ein­spa­run­gen, etwa beim Per­so­nal, sind nur auf Kos­ten der Bera­tungs­qua­li­tät drin. Aber das ist gefähr­lich, denn hier liegt der USP eines Fach­ge­schäfts.

Jedes Einzelhandelsunternehmen hat Einkäufer. Wer beschäftigt einen Eventmanager?

Es geht u.a. dar­um, die Beschaf­fung effi­zi­en­ter zu gestal­ten. Koope­ra­ti­on kann hel­fen. Im Ver­bund mit ande­ren Händ­lern kön­nen Men­gen­vor­tei­le rea­li­siert und güns­ti­ge­re Stück­kos­ten erzielt wer­den. Eigent­lich soll­te jetzt die Stun­de der Ver­bund­grup­pen schla­gen. Aber wenn jeder sein eige­nes wei­ßes T‑Shirt haben möch­te, ist eine Men­gen­bün­de­lung nicht mög­lich.

Auch im Rah­men von Flä­chen­part­ner­schaf­ten mit Lie­fe­ran­ten kön­nen Sor­ti­men­tie­rung, Waren­ver­füg­bar­keit und Lager­hal­tung bedarfs­ge­recht opti­miert und Kos­ten für Ver­kaufs­för­de­rung und Mit­ar­bei­ter­schu­lun­gen gesenkt wer­den. Dies setzt natür­lich vor­aus, dass Mar­ken­part­ner flä­chen­fä­hig sind. Und die Han­dels­part­ner flä­chen­wil­lig. Es geht nur, wenn der Ein­zel­ne bereit ist, auf einen Teil der bis­he­ri­gen Aut­ar­kie im Ein­kauf zu ver­zich­ten und statt­des­sen alle Kraft dem Ver­kauf zu wid­men. Selb­stän­dig­keit bedeu­tet nicht mehr, zwi­schen Karos und Strei­fen zu ent­schei­den, son­dern den für das eige­ne Kon­zept opti­ma­len Sys­tem­part­ner aus­wäh­len zu kön­nen. Und sich dann zu hun­dert Pro­zent auf die Kun­den zu fokus­sie­ren. Eine Com­mu­ni­ty um sich zu scha­ren. Den Laden zum sozia­len Treff­punkt zu machen. Jedes Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men hat Ein­käu­fer. Wer beschäf­tigt einen Event­ma­na­ger?

Im Mode­fach­han­del liegt das Geschäfts­mo­dell der Zukunft in der Kom­bi­na­ti­on loka­ler Kom­pe­tenz und indi­vi­du­el­ler Kun­den­an­spra­che mit kon­kur­renz­fä­hi­gen Sys­te­men. Das gilt zumin­dest für die Selb­stän­di­gen, die im Mas­sen­markt Geschäf­te machen wol­len. Natür­lich braucht es auch Sor­ti­men­te zur Pro­fi­lie­rung. Dafür brau­chen wir wei­ter­hin infor­mier­te und krea­ti­ve Ein­käu­fer. Und auch für klei­ne, hoch­spe­zia­li­sier­te Läden wird dane­ben immer Platz sein. Aber das sind Nischen, die für modi­sche und indi­vi­dua­lis­ti­sche Kun­den wich­tig sind, die für die Betrei­ber aber lei­der all­zu häu­fig nicht genug abwer­fen.

Viel­leicht lohnt der Blick in die Nach­bar­schaft. Im ungleich kon­zen­trier­te­ren Lebens­mit­tel­han­del mit so domi­nan­ten Play­ern wie Aldi und Lidl fah­ren die selbst­stän­di­gen Ede­ka­ner nicht sel­ten die dicks­ten Autos. Ihre Super­märk­te füh­ren alle gän­gi­gen Mar­ken­pro­duk­te – dank des Zen­tral­ein­kaufs über die Ver­bund­grup­pe zu ver­gleich­bar güns­ti­gen Prei­sen wie die Dis­coun­ter. Dar­über hin­aus locken sie mit kom­pe­ten­ten Frisch­wa­ren­ab­tei­lun­gen und Deli­ka­tes­sen, mit der lecke­ren Bäcke­rei oder dem exzel­len­ten Metz­ger – Spe­zia­li­tä­ten, die die gro­ßen Han­dels­kon­zer­ne nicht auf die Rei­he bekom­men. Nicht sel­ten schaf­fen sie so für die Food-Bran­che weit über­durch­schnitt­li­che Ren­di­ten.

"Was ist unser Job?", frag­te Le Bon Mar­ché-CEO Patri­ce Wag­ner auf dem World Depart­ment Store Sum­mit in Ber­lin die ver­sam­mel­ten Waren­haus-Chefs. "Dafür zu sor­gen, dass die Leu­te in unse­ren Laden kom­men." In einem Markt, wo alles jeder­zeit über­all ver­füg­bar ist, muss es gelin­gen, mehr als nur Ware zu bie­ten.