Passiert large

Stell Dir vor, es ist Messe…

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Jür­gen Müller

…und kei­ner geht hin. Der abge­wan­del­te Pazi­fis­tenslo­gan müss­te bes­ser lau­ten: Stell Dir vor, es ist kei­ne Mes­se, und alle schau­en zu. Denn wer sich die­se Woche vir­tu­ell nach Frank­furt oder digi­tal zu Fashion Cloud bege­ben hat, durf­te kei­ne fal­sche Erwar­tungs­hal­tung haben.

Die Digi­tal Fashion Week war letzt­lich ein ani­mier­ter digi­ta­ler Kata­log mit zuge­schal­te­tem Live Con­tent und Chat-Optio­nen. Es mag sein, dass man sich als Ein­käu­fer auf die­se Wei­se einen ers­ten Über­blick über Kol­lek­tio­nen und Brands ver­schaf­fen konn­te. Für Net­wor­king – was ja ein Haupt­mo­tiv für Mes­se­be­su­che ist – war die digi­ta­le Fashion Week kein adäqua­ter Ersatz.

Die par­al­lel statt­fin­den­de Frank­furt Fashion Week ver­such­te gar nicht erst, einen Markt­platz zu simu­lie­ren, son­dern fokus­sier­te sich voll und ganz auf online über­tra­ge­ne Vor­trä­ge und Dis­kus­si­ons­run­den. Das „FFW Stu­dio“ bot ein in Brei­te und Tie­fe Ehr­furcht gebie­ten­des Pro­gramm rund um die Mega­the­men Digi­ta­li­sie­rung und Sus­taina­bi­li­ty. Wer sowas mal orga­ni­siert hat, weiß, wie­viel Arbeit das bedeu­tet. Für den inter­es­sier­ten Beob­ach­ter war es indes nicht ganz leicht, den Über­blick über die diver­sen Kon­fe­ren­zen zu bekom­men. Und wer sich das dann alles anschau­en woll­te, muss­te irgend­wann pas­sen. Das gilt zumal für die Kern­ziel­grup­pe; die hat schließ­lich ihre Geschäf­te am Lau­fen zu hal­ten. Über­haupt beschlich einen bei man­chen Pro­gramm­punk­ten bis­wei­len das Gefühl, dass hier teil­wei­se über die Köp­fe hin­weg­ge­zielt wur­de, die das Event ab Janu­ar 2022 tra­gen sol­len. Der in der Pres­se­mit­tei­lung ver­kün­de­te Anspruch, die „Trans­for­ma­ti­on der gesam­ten Mode- und Krea­tiv­wirt­schaft hin zu einer moder­nen, res­sour­cen­ef­fi­zi­en­ten Bran­che“ for­cie­ren zu wol­len und eine „akti­ve Rol­le dabei zu spie­len, Lösun­gen für gesamt­ge­sell­schaft­li­che Her­aus­for­de­run­gen zu fin­den“, ist hoch gegrif­fen, wenn man bedenkt, wes­halb die Bran­che sich übli­cher­wei­se zu einer Mes­se versammelt.

Trotz­dem: Die Frank­fur­ter haben das Bes­te aus der Coro­na-beding­ten Absa­ge der Prä­senz­ver­an­stal­tung gemacht und ver­sucht, die Zeit bis zur wirk­li­chen Mes­se-Pre­mie­re im Janu­ar zu über­brü­cken. Dass die Stadt es kaum erwar­ten kann, zeig­te sich an diver­sen Side Events und loka­len Initia­ti­ven. Mit Digi­ta­li­sie­rung und Sus­taina­bi­li­ty posi­tio­niert sich die Frank­furt Fashion Week bei zwei zen­tra­len Zukunfts­the­men der Bran­che. Es war in der Tat ein star­kes Signal. Und es ist natür­lich rich­tig, wenn man nach drei aus­ge­fal­le­nen Ver­an­stal­tun­gen seit dem Umzugs­be­schluss einen wirk­li­chen Neu­start macht und gar nicht erst ver­sucht, Ber­lin am Main zu spielen.

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Und sonst?

…ist Jeff Bezos aus der Ama­zon-Chef­eta­ge aus­ge­stie­gen. Über­nächs­te Woche steigt er in das Shut­tle ein, das ihn in den Orbit beför­dern soll. In der E‑Mail, die sein Nach­fol­ger Andy Jas­sy die­se Woche an die 1,2 Mil­lio­nen „Ama­zo­ni­ans“ ver­sen­det hat, erin­nert der neue CEO an die gro­ße Ver­ant­wor­tung, die das rie­si­ge Unter­neh­men tra­ge. Das habe sich zuletzt wäh­rend der Pan­de­mie gezeigt: „Wie wahr­schein­lich bei vie­len von euch, haben auch zu mir vie­le Men­schen gesagt: ‚Gott sei Dank gibt es Ama­zon – ich wüss­te nicht, wie ich das ohne über­stan­den hätte.‘“

…lau­fen in Paris zur­zeit die Hau­te Cou­ture-Schau­en. Zur sel­ben Zeit launcht Lou­is Vuit­ton eine spek­ta­ku­lä­re Show in Seo­ul, mit den K‑Pop-Super­stars BTS. Inner­halb von 48 Stun­den haben über 14 Mil­lio­nen den Clip allein auf Twit­ter gese­hen. So ver­schie­ben sich die Prio­ri­tä­ten der Luxusbrands.

…haben Uni­q­lo und Inditex Ärger mit der fran­zö­si­schen Staats­an­walt­schaft, die den Fir­men vor­wirft, von Zwangs­ar­beit in der chi­ne­si­schen Pro­vinz Xin­jiang zu pro­fi­tie­ren, die es nach Aus­sa­ge chi­ne­si­scher Offi­zi­el­ler natür­lich nicht gibt, wes­halb jeder, der ande­res behaup­tet, dort mit Boy­kott und Stra­fen rech­nen muss. H&M darf das zur­zeit bit­ter erfah­ren. Xin­jiang wird zum Stress­test für west­li­che CSR-Strategien.