Passiert large

Online geht public

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Jür­gen Müller

3,9 Mil­li­ar­den ist About You wert. Nicht schlecht für ein Unter­neh­men, das gera­de mal sie­ben Jah­re alt ist und auch in die­sem Jahr immer noch kein Geld ver­die­nen wird. Dass man im Inter­net lan­ge Zeit Geld ver­bren­nen muss, um eine Ver­kaufs­ma­schi­ne zu befeu­ern, dar­an hat man sich inzwi­schen ja gewöhnt. Ama­zon und Zalan­do haben erfolg­reich vor­ge­macht, wie man Markt­an­teils­ge­win­ne lang­fris­tig in Unter­neh­mens­ge­win­ne ummünzt.

Natür­lich wird About You jetzt mit dem Ber­li­ner Bran­chen­pri­mus ver­gli­chen. An dem ver­meint­li­chen Ant­ago­nis­mus der bei­den wer­den sich die Medi­en noch lan­ge abar­bei­ten. So wie frü­her an C&A vs. H&M oder spä­ter an H&M vs. Zara. Die­se Kon­kur­renz wird die Wei­ter­ent­wick­lung bei­der Unter­neh­men eben­so anspor­nen wie der Druck des Kapi­tal­mark­tes, der mit dem Bör­sen­gang nun auch für About You zuneh­men wird. Dass man im ers­ten Schritt nur an insti­tu­tio­nel­le Anle­ger ver­kauft hat, ist in die­sem Kon­text womög­lich mehr von Vor- als von Nach­teil. So oder so wird wahr­schein­lich schon bald eine*r her­um­krit­teln, dass unter den drei Grün­dern kei­ne Frau ist. Dre­ad­locks allein machen halt noch kei­ne Diver­si­ty. Wenigs­tens sind kei­ne alten wei­ßen Män­ner im About You-Vor­stand, und ein Tho­mas ist auch nicht dabei.

Doch im Ernst: Der IPO ver­schafft About You über 600 Mil­lio­nen Euro fri­sches Kapi­tal, das in die tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung und die inter­na­tio­na­le Expan­si­on inves­tiert wer­den soll. Was bör­sen­no­tier­te Online Play­er mit ihrem vie­len Geld so anstel­len kön­nen, hat man nicht zuletzt in Groß­bri­tan­ni­en gese­hen, wo Asos Top­shop und Boo­hoo Deben­hams über­nom­men haben. Im Aus­bau der B2B-Tech­no­lo­gie­spar­te könn­te beson­ders viel Musik lie­gen. Die Offen­heit, selbst­ent­wi­ckel­te Infra­struk­tur auch ande­ren Play­ern im Markt anzu­bie­ten, gehört seit jeher zur Otto-Kul­tur, und in Sachen Ertrags­ge­ne­rie­rung lie­fert Ama­zon mit AWS die Blaupause.

About You ist der vor­läu­fi­ge Höhe­punkt einer Wel­le von Online-IPOs. Zuletzt gin­gen Mythe­re­sa, Fashio­net­te und die Resa­le-Markt­plät­ze Posh­mark und Thre­dup public. Seit die­ser Woche wird auch der bri­ti­sche Möbel­händ­ler made.com an der Bör­se gehan­delt, noch im Juni wird Bike 24 fol­gen. Signa Sports United, der Online-Opti­ker Mis­ter Spex, der Mode­dis­coun­ter Shein und die Mode-Such­ma­schi­ne Lyst haben IPOs ange­kün­digt. Auch Spreadshirt und MyMu­es­li wer­den als Bör­sen­kan­di­da­ten gehan­delt. Und wer weiß, ob Per­mi­ra dem­nächst nicht auch Best Secret aufs Par­kett schickt.

Die Aus­gangs­la­ge für die Bör­sen­aspi­ran­ten ist his­to­risch ein­ma­lig. Die Bör­se boomt. Kapi­tal schreit im Nied­rig­zins­um­feld nach Anla­ge. Der DAX reisst eine Rekord­lat­te nach der ande­ren. Dazu kommt die Pan­de­mie, die den Online Play­ern gewal­ti­ge Wachs­tums­ra­ten beschert hat, was sich in Inves­to­ren­kon­fe­ren­zen natür­lich super auf Power­point-Charts macht. Die Bör­sen­no­tier­ten haben alle­samt mas­siv vom Lock­down pro­fi­tiert. Ama­zon ist seit dem ver­gan­ge­nen Früh­jahr um über 70 Pro­zent im Wert gewach­sen. Zalan­do hat sei­ne Bewer­tung seit März 2020 ver­drei­facht, Westwing hat sich ver­fünf­facht, Far­fetch sogar versechsfacht.

Aber das wird nicht ewig so wei­ter­ge­hen. Nach Coro­na wer­den die Men­schen auch wie­der woan­ders kau­fen kön­nen, was die Wachs­tums­ra­ten der Onliner zwangs­läu­fig klei­ner wer­den las­sen wird. Einen klei­nen Vor­ge­schmack gab es im Novem­ber letz­ten Jah­res. Mit den ers­ten Mel­dun­gen von einem Durch­bruch bei den Impf­stof­fen sind die Kur­se der Online-Anbie­ter gleich mal abge­sackt. Über kurz oder lang wer­den die Inves­to­ren wie­der genau­er hin­se­hen. Die Bei­spie­le von made.com die­se Woche und Deli­ver­oo im April zei­gen, dass Bör­sen­gän­ge kei­nes­wegs auto­ma­tisch zum Selbst­läu­fer werden.

Ein span­nen­der Fall ist in die­sem Zusam­men­hang Signa Sports United. Die Signa-Retail-Toch­ter wird unter Auf­er­bie­tung sämt­li­cher ange­sag­ter Buz­z­words als „Lea­ding Glo­bal Sports E‑Commerce and Tech­no­lo­gy-Platt­form“ ange­prie­sen. Tat­säch­lich han­delt es sich um ein Sam­mel­su­ri­um von diver­sen über Jah­re zusam­men­ge­kauf­ten Online­shops, das nur im Fahr­rad-Markt und bei Ten­nis wirk­li­ches Gewicht auf die Waa­ge bringt. Und das nun auch noch die wenig trans­pa­ren­te Abkür­zung über eine SPAC nimmt. Doch Fan­ta­sie war an der Bör­se stets noch wich­ti­ger als Sub­stanz. Und pro­fes­sio­nel­le Sto­ry­tel­ler kön­nen zur­zeit mit offe­nen Ohren rechnen.