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Mietpreisbremse Corona

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Jür­gen Müller

Sams­tag, 17. April.  Die Dis­kus­si­on, die über die Zukunft der Innen­städ­te ent­brannt ist, zeigt, wel­che Bedeu­tung der Ein­zel­han­del für deren Funk­ti­on und Cha­rak­ter hat. Die Städ­te sind his­to­risch gese­hen seit jeher das Ter­rain der Kauf­leu­te, Läden prä­gen dort seit Jahr­zehn­ten das Bild. Das ist nicht in jedem Fall zum Vor­teil, aber man kann und mag es sich eigent­lich nicht anders vor­stel­len. Die Coro­na-Kri­se wird die­ses Bild mas­siv ver­än­dern. Nach dem Lock­down wer­den die Schä­den in den Fuß­gän­ger­zo­nen und Stadt­vier­teln zu besich­ti­gen sein. Um eine unge­fäh­re Idee vom künf­ti­gen Leer­stand zu bekom­men, muss man ja nur auf­merk­sam die Fach­pres­se ver­fol­gen. Allein die­se Woche haben mit Hall­hu­ber und Pim­kie zwei Ket­ten Voll­zug bei der Sanie­rung gemel­det. Bei­de wer­den mit deut­lich aus­ge­dünn­tem Fili­al­sys­tem wei­ter­ma­chen, und sie sind nicht die Ein­zi­gen. Es gibt wohl kaum einen Retailer, der Ende die­ses Jah­res nicht weni­ger Filia­len betrei­ben wird als vor Aus­bruch der Kri­se. Von ins­ge­samt 120.000 Laden­schlie­ßun­gen spricht der HDE.

Hin­ter dem Rück­zug aus viel­fach über­teu­er­ten Miet­ob­jek­ten steht auch ein stra­te­gi­sches Umden­ken bei den gro­ßen Retail Brands; die­se wer­den künf­tig sehr viel stär­ker auf ihre Online-Prä­senz set­zen. Für die Immo­bi­li­en­ei­gen­tü­mer ver­heißt das nichts Gutes. Statt Mie­te zu zah­len, über­wei­sen die Händ­ler das Geld künf­tig an Goog­le, Ama­zon oder Zalan­do. Das Miet­ni­veau wird des­halb vie­ler­orts sin­ken müs­sen. Nach den gro­ßen Ein­zel­händ­ler­insol­ven­zen wer­den wir dem­nächst womög­lich Plei­ten in der Han­dels­im­mo­bi­li­en­sze­ne sehen, ins­be­son­de­re wenn die­se Unter­neh­men sich über Fremd­ka­pi­tal finan­zie­ren und Zusa­gen an die Kre­dit­ge­ber nicht mehr ein­hal­ten können.

Auf lan­ge Sicht steckt dar­in eine Chan­ce. Denn die Han­dels-Mono­kul­tur, die wir in vie­len Städ­ten lei­der haben, ist ja nur des­we­gen ent­stan­den, weil sich nur noch weni­ge ver­gleichs­wei­se gro­ße Play­er, sehr häu­fig Mode­händ­ler, die teil­wei­se irr­wit­zig stei­gen­den Mie­ten leis­ten konn­ten bzw. sich beim Expan­si­ons­po­ker gegen­sei­tig hoch­ge­jazzt haben. Jetzt wird es neu­en Platz geben für alter­na­ti­ve Ange­bo­te – gemisch­te Nut­zun­gen, Gas­tro­no­mie, viel­leicht sogar drin­gend benö­tig­ten Wohn­raum – die vie­le Stand­or­te lang­fris­tig attrak­ti­ver machen könn­ten. Häu­fig genug wird das aber auch wie­der Ein­zel­han­del sein. Vor­aus­set­zung ist, dass die Haus­be­sit­zer nicht blind nur an Kik, Wool­worth, TK Maxx und Kon­sor­ten ver­mie­ten, wo die Expan­si­ons­lei­ter bereits mit den Hufen schar­ren, auch weil für die­se sta­tio­nä­ren Bil­lig­hei­mer der Weg ins Inter­net kei­ne pro­fi­ta­ble Wachs­tums­op­ti­on ist. Es gibt Alter­na­ti­ven. So nut­zen Online Play­er wie Rose Bikes oder Mis­ter Spex die Gele­gen­heit, ihre sta­tio­nä­re Prä­senz aus­zu­bau­en. Zalan­do eröff­net ein Out­let nach dem ande­ren. In Lon­don hat Ama­zon gera­de einen Fri­seur­sa­lon eröff­net. Auch loka­le Platz­hir­sche kön­nen ihr Revier erwei­tern. Und wo Laden­flä­chen wie­der bezahl­bar wer­den, erle­ben wir in Neben­la­gen und Stadt­tei­len womög­lich eine Grün­der­wel­le mit span­nen­den neu­en Ladenkonzepten.

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Mon­tag, 19. April. Jil San­der wech­selt mal wie­der den Besit­zer. Nach Pra­da, Chan­ge Capi­tal und Onward ver­sucht jetzt Ren­zo Ros­so mit sei­ner OTB Hol­ding sein Glück. Die Ein­zi­ge, die zur Zeit Geld mit ihrer Mar­ke ver­dient, ist die 77jährige Jil San­der selbst. Ihre +J‑Kollektion ist aktu­ell bei Uni­q­lo erhältlich.

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Diens­tag, 20. April. Alle wol­len nach­hal­ti­ge Mode, aber zu weni­ge wol­len dafür bezah­len. Das ist nun kei­ne neue Erkennt­nis. Jetzt hat man es auch bei Zalan­do Schwarz auf Weiß. In einer eigens auf­ge­leg­ten Stu­die – pünkt­lich zur Fashion Revo­lu­ti­on Week – zeigt sich die­ser von Zalan­do neu­deutsch beti­tel­te „Atti­tu­de-Beha­vi­or-Gap“: Die Leu­te hal­ten Nach­hal­tig­keit für wich­tig, aber die wenigs­ten infor­mie­ren sich im Vor­feld eines Kaufs über die Her­stel­lungs­be­din­gun­gen. Viel­leicht ist das auch ein­fach zu viel ver­langt. Wes­we­gen Zalan­do das jetzt tech­nisch angeht und in sei­nem Web­shop eine Fil­ter­funk­ti­on für nach­hal­ti­ge Kri­te­ri­en wie Emis­sio­nen, Was­ser­ver­brauch, Tier­wohl und Arbeits­be­din­gun­gen anbie­tet. Man kann natür­lich her­um­krit­teln, wel­che Kri­te­ri­en der jewei­li­gen Ein­ord­nung zugrun­de lie­gen. Aber der Weg ist der rich­ti­ge. Der Report beinhal­tet auch zehn Emp­feh­lun­gen an die Mode­bran­che. Die Lek­tü­re sei empfohlen.

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Don­ners­tag, 22. April. So geht Poli­tik: Eigent­lich fin­det jeder das Gesetz jetzt Mist. Aber die Bun­des-Not­brem­se wur­de trotz­dem ver­ab­schie­det. Die ein­heit­li­chen Regeln tre­ten damit ab Sams­tag in Kraft. Bis zum 30. Juni müs­sen wir nun zwangs­wei­se wei­ter auf die Viro­lo­gen hören. In ein paar Mona­ten inter­es­siert uns dann hof­fent­lich wie­der mehr, was die Meteo­ro­lo­gen sagen.

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