Fusion der Scheinriesen

x31Es ist alles gesagt. Auch von mir. Kar­stadt und Kauf­hof mögen im Ver­gleich zu Ama­zon & Co mitt­ler­wei­le Schein­rie­sen sein. Aber die Fusi­on ist dann doch ein so epo­cha­les Ereig­nis (zumal für jeman­den, der sei­ner­zeit schon Nach­ru­fe auf Her­tie und Hor­ten geschrie­ben hat), dass das hier noch­mal The­ma sein muss.

Was vor über einem Jahr­zehnt mal eine Power­point-Prä­sen­ta­ti­on war, wird jetzt also Rea­li­tät: Die ‚Deut­sche Waren­haus AG‘ bzw. ‘Deut­sche Waren­haus Hol­ding‘. „Das klingt wie die Zusam­men­le­gung der Mie­der­wa­ren­ab­tei­lung mit dem nächst­ge­le­ge­nen Laden für Stütz­strümp­fe“, ätzt Gabor Stein­gart in sei­nem Morning Brie­fing. Von „Not­ge­mein­schaft“ und „Han­dels­zom­bies“ spricht der Online-Pro­pa­gan­dist und Sta­tio­när-Ver­äch­ter Jochen Krisch in Exci­ting Com­mer­ce. Kar­stadt und Kauf­hof befin­den sich selbst ver­schul­det in einem erbar­mungs­wür­di­gen Zustand, schreibt Micha­el Kläs­gen in der SZ, sie haben den Anschluss an die moder­ne Ein­kaufs­welt kom­plett ver­schla­fen und nun kaum eine ande­re Wahl, als sich zu ver­ei­nen. „Alle ande­ren Mög­lich­kei­ten wären schlech­ter gewe­sen als die­ses Bünd­nis.“ Unter­mau­ert wer­den die­se Ein­schät­zun­gen durch die vor­ges­tern ver­öf­fent­lich­ten kata­stro­pha­len Quar­tals­er­geb­nis­se von HBC Euro­pe; nach einem Bericht der Wirt­schafts­Wo­che soll auch Kar­stadt wie­der rote Zah­len schreiben.

Es ist para­dox: Rene Ben­ko fusio­niert zwei Ver­lie­rer und gilt doch als der gro­ße Gewin­ner im Mil­li­ar­den­po­ker mit HBC. Was ger­ne durch Fotos mit Ehe­frau vor gla­mou­rö­ser Kitz­bü­hel-Kulis­se illus­triert wird, wäh­rend Richard Baker mit sei­nem Schoß­hünd­chen der Fan­ta­sie der Leser über­las­sen bleibt. Ben­kos lang­fris­ti­ges Inter­es­se sind die Immo­bi­li­en. Das pro­ble­ma­ti­sche Waren­haus­ge­schäft nimmt er dafür buch­stäb­lich in Kauf. Kläs­gen nennt den Deal in der SZ des­halb auch ein Spe­ku­la­ti­ons­ge­schäft. „Ware Haus statt Waren­haus.“ Wie auch immer: Die Häu­ser wer­den noch einen Wert haben, selbst wenn es eines Tages kei­ne Waren­häu­ser mehr geben sollte.

Letz­te­res frei­lich ist noch lan­ge nicht aus­ge­macht. Der sta­tio­nä­re Ein­zel­han­del ins­ge­samt und die groß­flä­chi­gen Mul­tila­bel-Gene­ra­lis­ten ins­be­son­de­re haben zwei­fels­oh­ne Gegen­wind. Platz­hir­sche wie L&T in Osna­brück, Engel­horn in Mann­heim, Hage­mey­er in Min­den, Loden­frey, Hir­mer, Konen und Lud­wig Beck in Mün­chen, Bre­u­n­in­ger in Stutt­gart, Kas­t­ner & Öhler in Graz – um nur eini­ge weni­ge zu nen­nen – oder inter­na­tio­na­le Tou­ris­ten­des­ti­na­tio­nen wie Sel­fri­d­ges, Har­rods oder Har­vey Nichols in Lon­don, Prin­temps oder Bon Mar­che in Paris und das Kadewe in Ber­lin machen vor, wie es gehen kann. Ent­schei­dend ist nicht nur Grö­ße, sprich: Ein­kaufs­macht, son­dern zu aller­erst: Kun­den­nä­he. Und Exzel­lenz am POS. Und da sind im Sta­tio­när­han­del gro­ße, lokal ver­an­ker­te Soli­tä­re ten­den­zi­ell bes­ser als zen­tra­lis­tisch und damit zwangs­läu­fig kun­den­fern geführ­te Fili­al­be­trie­be. In die­ser Hin­sicht wird es für Kauf­stadt mit sei­nen künf­tig 243 Stand­or­ten in drei Län­dern nicht einfacher.

Die Fusi­on – um mich selbst zu zitie­ren – ist des­we­gen nicht die Lösung, son­dern ledig­lich die nächs­te Etap­pe. Man spart Kos­ten und gewinnt Zeit, die man für den Umbau des Geschäfts­mo­dells nut­zen kann. Die Deut­sche Waren­haus Hol­ding wird wohl das Kar­stadt-Nar­ra­tiv vom inte­grier­ten Omnich­an­nel-Markt­platz über­neh­men. Man wird sehen, ob das ope­ra­tiv trägt. Die Digi­ta­li­sie­rung lie­fert Fili­al­be­trie­ben jeden­falls neue Instru­men­te, Kun­den­nä­he wenigs­tens medi­al her­zu­stel­len. Der not­wen­di­ge Umbau muss die Inter­es­sen unter­schied­lichs­ter Sta­ke­hol­der berück­sich­ti­gen – Manage­ment, Mit­ar­bei­ter, Betriebs­rat, Lie­fe­ran­ten, Ban­ken, Ver­mie­ter, Gewerk­schaf­ten, Kom­mu­nen, Poli­tik und so wei­ter. Das wird schwie­rig bis unmög­lich, wenn nicht alle gemein­sam bereit sind, den Top-Ent­schei­dern zumin­dest ein Grund­ver­trau­en ent­ge­gen­zu­brin­gen. Mit der einst­wei­li­gen Sanie­rung von Kar­stadt hat Ste­phan Fan­derl geschafft, wor­an alle sei­ne Vor­gän­ger in Essen geschei­tert sind, selbst unter Insol­venz­be­din­gun­gen. Als Nächs­tes zwei Kul­tu­ren zusam­men­zu­brin­gen, die jahr­zehn­te­lang das grü­ne bzw. blaue Feind­bild gepflegt haben (wäh­rend der „Feind“ längst woan­ders stand), ist frei­lich noch­mal eine ganz ande­re Sache.

In jedem Fall führt der Mer­ger dazu, dass das Unter­neh­men jetzt erst mal mit sich selbst beschäf­tigt sein wird. Die gro­ße Gefahr ist, dar­über erst recht den Anschluss an die Markt­ent­wick­lung zu ver­pas­sen. Des­we­gen tut Eile Not.

Und sonst?

…ist H&M jetzt voll­ends auf den Hund gekom­men. Im Rah­men der Moschi­no-Co-op brin­gen die Schwe­den am 8. Novem­ber eine Pet­we­ar-Cap­su­le in die Läden. Extrem insta­gramm­a­ble Styles von Jere­my Scott. Und eine neue Angriffs­flä­che für Tierschützer.

…ver­zeich­net die Nike-Aktie nach dem kurz­zei­ti­gen Kaeper­nick-Ein­bruch einen nie dage­we­se­nen Höhen­flug. Nix mit Boy­kott und Schuh­ver­bren­nun­gen. Statt­des­sen mas­siv stei­gen­de Umsät­ze. Donald Trump zu ärgern, zahlt sich offen­sicht­lich aus.

…hat Busi­ness of Fashion sei­ne BoF500 öffent­lich gemacht, “the peop­le shaping the $2.4 tril­li­on fashion indus­try”. Aus dem größ­ten euro­päi­schen Beklei­dungs­markt und welt­weit viert­größ­ten Tex­til­ex­port­land Deutsch­land haben es immer­hin 6 auf die Lis­te geschafft, dar­un­ter die Macher von GMBH sowie das Design­duo Man­sur­Ga­v­ri­el. Sie befin­den sich in bes­ter Gesell­schaft. Zum Bei­spiel mit dem neu­see­län­di­schen Make­up-Artist Aaron de Mey oder dem Model Adut Akech aus dem Süd­su­dan. Jeff Bezos steht übri­gens nicht auf der Liste.

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