Passiert large

Aldis A und der Arbeitsmarkt

Img
Jür­gen Mül­ler

Wenn andern­orts Häu­ser zer­bombt wer­den, ist mög­li­cher­wei­se nicht die Zeit, über Neu­bau­ten zu sin­nie­ren. Noch dazu wir­ken Büro­ge­bäu­de nach zwei Jah­ren exzes­si­ven Home­of­fices reich­lich démo­dée. Schlech­tes Timing also für Aldi Nord?

Nein. Die neue Fir­men­zen­tra­le des Han­dels­kon­zerns, die vor ein paar Tagen in Essen-Kray eröff­net wur­de, ist in vie­ler­lei Hin­sicht zeit­ge­mäß. Ein iko­ni­scher Bau in A‑Form und weit­hin sicht­ba­res archi­tek­to­ni­sches Aus­ru­fe­zei­chen. Ein State­ment für Trans­pa­renz und Moder­ni­tät, das wohl auch für einen Kul­tur­wan­del ste­hen soll. Das ist bemer­kens­wert, ins­be­son­de­re wenn man bedenkt, wer der Bau­herr ist.

Aldi ist bekannt­lich so etwas wie der Ahn­herr der Geheim­nis­krä­mer. Ein­zel­han­del ist zwar im Grun­de eine öffent­li­che Ver­an­stal­tung, zur der mög­lichst vie­le Men­schen Zutritt haben sol­len. Zugleich betrach­ten vie­le Kauf­leu­te ihre Unter­neh­men tra­di­tio­nell als rei­ne Pri­vat­sa­che, die nie­man­den etwas anzu­ge­hen hat. So eine Hal­tung kann man sich heu­te viel­leicht noch als Kiosk­be­trei­ber leis­ten, aber nicht als inter­na­tio­na­ler Kon­zern mit einem Brut­to­um­satz von über 24 Mil­li­ar­den Euro, der jeden Tag Mil­lio­nen von Kun­den bedient und Ver­ant­wor­tung für 80.000 Mit­ar­bei­ter trägt.

Jetzt also Aldis A, Apple-like “Cam­pus” genannt. Ein 14 Fuß­ball­fel­der gro­ßes Are­al, mit licht­durch­flu­te­ten Groß­raum­bü­ros für aktu­ell 1200 Arbeits­plät­ze, auf Begeg­nung und Kom­mu­ni­ka­ti­on ange­leg­ten Plazas und Außen­ter­ras­sen sowie einer öffent­lich zugäng­li­chen Kita. Natür­lich wur­de der Kom­plex errich­tet aus regio­na­len und teil­wei­se recy­cle­ten Bau­stof­fen, wird ener­gie­ef­fi­zi­ent betrie­ben, die Dächer sind begrünt. Nach­hal­tig­keit zeigt sich heu­te eben nicht nur im Sor­ti­ment.

Man muss davon aus­ge­hen, dass es bei der neu­en Fir­men­zen­tra­le nicht dar­um ging, den Albrechts ein eit­les Denk­mal zu set­zen. Ein wesent­li­ches Motiv dürf­te gewe­sen sein, für Mit­ar­bei­ter attrak­tiv zu sein. Somit ist der Neu­bau auch ein State­ment in Sachen Employ­er Bran­ding. Was zeigt, wel­cher Auf­wand heu­te betrie­ben wer­den muss, um qua­li­fi­zier­te Mit­ar­bei­ter und Talen­te anzu­zie­hen. Denn die sind ein rares Gut, um das sich vie­le Unter­neh­men bemü­hen.

Ein großer Name ist im ‘war for talents’ erstmal von Vorteil. Dass Unternehmen wie Adidas seit Jahren die Arbeitgeber-Rankings dominieren, heißt aber nicht zwangsläufig, dass das Arbeiten dort erfüllender ist.

Der Ein­zel­han­del hat in Sachen Nach­wuchs­wer­bung seit jeher schlech­te Kar­ten – die Arbeits­zei­ten, das Image, die Bezah­lung – was durch die in der Pan­de­mie gewach­se­nen remo­te work-Ansprü­che nicht eben bes­ser gewor­den ist. Das Geschäft pas­siert im Han­del trotz fort­schrei­ten­der Digi­ta­li­sie­rung halt immer noch in wei­ten Tei­len auf der Flä­che und eben nicht im Home­of­fice. Die schlech­ten Nach­rich­ten aus dem von Coro­na in wei­ten Tei­len beson­ders getrof­fe­nen Wirt­schafts­zweig spre­chen aus Sicht von Absol­ven­ten und kar­rie­re­ori­en­tier­ter Talen­te nicht für Zukunfts­fä­hig­keit. Und dass spe­zi­ell das Beklei­dungs­ge­schäft als dre­cki­ge Bran­che gilt, hat sich eben­falls in den Köp­fen fest­ge­setzt.

Wegen der zuneh­men­den Pro­fes­sio­na­li­sie­rung und Spe­zia­li­sie­rung in vie­len Funk­tio­nen stei­gen zugleich die Ansprü­che der Unter­neh­men an die Qua­li­fi­ka­tio­nen. Ins­be­son­de­re Techi­es für die lau­fen­de digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on sind gesucht. Die kann man allein über das The­ma Mode nicht mehr locken. Und Manage­ment- High Poten­ti­als gehen lie­ber in Bera­tun­gen oder in den Finanz­sek­tor oder ver­su­chen sich gleich selbst an Star­tups.

Ein gro­ßer Name ist im ‘war for talents’ erst­mal von Vor­teil. Dass Unter­neh­men wie Adi­das seit Jah­ren die Arbeit­ge­ber-Ran­kings domi­nie­ren, heißt aber nicht zwangs­läu­fig, dass das Arbei­ten dort erfül­len­der ist. Im Retail wird das Mar­ken­image erst­mal durch die Läden, den Web­auf­tritt und die Mar­ke­ting­kom­mu­ni­ka­ti­on geprägt. Aber auch die tat­säch­li­chen Arbeits­be­din­gun­gen und das Umfeld spie­len natür­lich eine wesent­li­che Rol­le.

So wie man als Kun­de die Ver­fas­sung eines Kauf­hau­ses am Zustand der Toi­let­ten erken­nen kann, zeigt sich die DNA eines Unter­neh­mens für Arbeit­neh­mer am Auf­tritt und den Arbeits­be­din­gun­gen im Back Office. In die­ser Hin­sicht war für Aldi Nord mit dem alten 70er Jah­re-Bau an der Esse­ner Ecken­berg­stras­se kein Blu­men­topf zu gewin­nen. Der war ein Monu­ment der Knaus­rig­keit, wo es nicht ein­mal war­mes Was­ser gab, und stand seit lan­gem im Wider­spruch zu den immer hoch­wer­ti­ger daher­kom­men­den Filia­len und der moder­nen Selbst­dar­stel­lung im Web.

Es muss auch beim Employ­er Bran­ding alles zusam­men­pas­sen. Das gilt für alle Unter­neh­men, und erst recht für Mode­un­ter­neh­men, die visu­ell ori­en­tier­te und ästhe­tisch anspruchs­vol­le Mit­ar­bei­ter anspre­chen wol­len. Wer den Cam­pus von Best­sel­ler in Bran­de kennt, das Adi­das-Are­al in Her­zo­gen­au­rach, die Ber­li­ner Zalan­do-Zen­tra­le oder die Lie­gen­schaf­ten von Hugo Boss in Met­zin­gen, der spürt, wel­cher Wind dort weht.

+++++

Und sonst?

…war Fashion Week in Ber­lin. Es war eine eher loka­le Ver­an­stal­tung, in der sich nur wenig Han­del und Indus­trie bli­cken ließ. Der Krieg war all­ge­gen­wär­tig, ange­fan­gen beim blau­gelb ein­ge­färb­ten Logo, über Auf­ru­fe zu Spen­den bis hin zu Sire­nen­ge­heul und blu­ti­gen Klei­dern auf dem Cat­walk.

… geht die Mes­se Frank­furt im Som­mer der Ter­min­kol­li­si­on mit der Ber­li­ner Pre­mi­um aus dem Weg und zieht nach vor­ne. Ende Juni fin­den nun Tech­tex­til, Tex­pro­cess und Heim­tex­til Sum­mer Spe­cial gemein­sam statt, und die Neonyt wird zur B2C-Ver­an­stal­tung. De fac­to begräbt Frank­furt damit sei­ne ursprüng­li­chen Plä­ne, zur neu­en deut­schen Mode­mes­sen-Haupt­stadt wer­den zu wol­len. Eine klu­ge Ent­schei­dung.

…öff­net sich die Pre­mi­um im Juli stär­ker als bis­her für Main­stream Brands, ver­stärkt die Sus­taina­bi­li­ty-Aus­rich­tung der Seek und plant mit The Ground ein End­ver­brau­cher-Mode­fes­ti­val. Man darf gespannt sein, ob die Ber­li­ner Mes­se-Macher es schaf­fen, den Ber­lin-Hype wie­der zu ent­fa­chen. Im Janu­ar soll­te die Ber­lin Fashion Week dann wie­der par­al­lel zu den Mes­sen statt­fin­den, um für wei­te­ren Wumms zu sor­gen.