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New Normal kills Old Formal

Wenn die Menschen wieder in die Büros zurückkehren, werden sie nicht zu der Art zurückkehren, wie sie sich in diesen Büros gekleidet haben, sagt Carl Tillessen. Es entsteht eine neue Kultur mit neuen Codes, die es zu beachten gilt, wenn man als Modeanbieter nicht auf der Strecke bleiben will.
Carl Til­less­sen

„Wir wer­den uns wie­der umar­men“, ver­si­chert Zalan­do. Ja, eines schö­nen Tages wer­den wir geimpft oder her­denim­mun sein. Und in vie­len Berei­chen wer­den wir dann zu unse­rem gelieb­ten Old Nor­mal zurück­keh­ren. Die Restau­rants und Clubs, die Thea­ter und Fuß­ball­sta­di­en, die Strän­de und Ski­hüt­ten wer­den sich wie­der mit Men­schen füllen.

Die Büros hin­ge­gen wer­den sich nicht wie­der mit Men­schen fül­len. Denn die Arbeit­ge­ber, die immer dach­ten, dass Home­of­fice bedeu­tet, dass sünd­haft teu­re Büros leer ste­hen, haben im Lau­fe des letz­ten Jah­res ver­stan­den, dass Home­of­fice bedeu­tet, dass sie sich sünd­haft teu­re Büros spa­ren kön­nen. Und das trös­tet sie mühe­los über den mit der Heim­ar­beit ver­bun­de­nen Kon­troll­ver­lust hin­weg. So wol­len laut Umfra­gen zwei Drit­tel aller Arbeit­ge­ber auch jen­seits der Pan­de­mie ver­stärkt auf Remo­te Work set­zen. Aber auch die Hälf­te aller Arbeit­neh­mer, die zunächst zwangs­wei­se ins Home­of­fice geschickt wur­den, will jetzt frei­wil­lig dort blei­ben. Die Men­schen haben sich an die Annehm­lich­kei­ten der Arbeit von zuhau­se gewöhnt.

Dazu gehört, am Schreib­tisch die bequems­te und pfle­ge­leich­tes­te Klei­dung zu tra­gen. Das bleibt nicht ohne Fol­gen: Auch wenn die Men­schen wie­der in die Büros zurück­keh­ren, wer­den sie nicht zu der Art zurück­keh­ren, wie sie sich in die­sen Büros geklei­det haben. Denn die Geschich­te lehrt uns, dass die Men­schen einen in der Mode erlang­ten Kom­fort nie­mals wie­der auf­ge­ben. Genau­so wie es vor hun­dert Jah­ren vom Reform­kleid kein Zurück zum Kor­sett gab, so gibt es jetzt auch kein Zurück vom Snea­ker zum High Heel und vom Sweat­shirt zum Bla­zer. Nicht nur das Home­of­fice, son­dern auch der Home­we­ar-Look wird uns erhal­ten blei­ben. Aus dem Casu­al Fri­day wird für vie­le ein Casu­al Thurs­day und ein Dress-Down-Wed­nes­day, ‑Tues­day und ‑Mon­day werden.

Nach den Erfah­run­gen des letz­ten Jah­res gehen dem Kra­wat­ten­zwang ohne­hin die Argu­men­te aus. Denn der tra­dier­te Busi­ness-Dress­code wur­de ja immer damit gerecht­fer­tigt, dass er eine Respekts­be­kun­dung sei. Wäh­rend des Lock­downs haben wir die­se Behaup­tung mal über­prü­fen kön­nen und fest­ge­stellt: Der Respekt geht nicht ver­lo­ren, nur weil man sich im Video Call nicht im Bla­zer, son­dern im Sweat­shirt gegen­über­sitzt. Der Chef ist immer noch der Chef. Der Kun­de ist immer noch der Kun­de. Die Revol­te bleibt aus. Die Hier­ar­chien bre­chen nicht zusammen.

Und dann gab es da natür­lich auch noch das Argu­ment, dass kor­rek­te Geschäfts­klei­dung die Vor­aus­set­zung für geschäft­li­chen Erfolg sei. „You like money? Wear a suit!“, um es mit RuPaul zu sagen. Doch auch die­ses Ver­spre­chen hat 2020 den letz­ten Rest sei­ner Glaub­wür­dig­keit ein­ge­büßt. Denn wäh­rend der Coro­na-Kri­se haben wie­der die Digi­ta­len das meis­te Geld gemacht. Und die tra­gen bekannt­lich kei­ne Anzü­ge und Kra­wat­ten, son­dern Hoo­dies und Polo­hem­den. Und weil die Men­schen sich auch äußer­lich immer ger­ne auf die Sei­te der Gewin­ner schla­gen, imi­tie­ren sie eben jetzt nicht mehr den Look der Wall Street, son­dern den Look des Sili­con Valley.

Was gestern der perfekte Krawattenknoten war, ist eben heute die perfekte Sneaker-Schnürung

So hat sich in der Coro­na-Kri­se die Art, wie wir uns im Job klei­den, im Zeit­raf­fer­tem­po moder­ni­siert. Für alle Her­stel­ler und Händ­ler, die auf tra­di­tio­nel­le Busi­ness­klei­dung spe­zia­li­siert sind und sich über Jahr­zehn­te die dafür nöti­gen Kom­pe­ten­zen und Struk­tu­ren auf­ge­baut haben, sind die­se dis­rup­ti­ven Ent­wick­lun­gen selbst­ver­ständ­lich extrem schmerz­haft und unge­recht. Dar­über hin­aus kann man das Ver­schwin­den der klas­si­schen Kon­fek­ti­on mit vol­lem Recht als Nie­der­gang der euro­päi­schen Schnei­der­kunst und ‑kul­tur betrauern.

Doch all dies birgt auf der ande­ren Sei­te auch wie­der eine Chan­ce: Wäh­rend der Markt für Anzü­ge und Kos­tü­me schrumpft, öff­net sich ein neu­er Markt, den es vor­her nicht gab, ein Markt für eine beque­me aber wer­ti­ge New-Nor­mal-Busi­ness­klei­dung wie ele­gan­te Polos, clea­ne Hosen, Luxus-Snea­ker und Edel-Sweat­shirts – also Klei­dungs­stü­cke, die wir ursprüng­lich eher aus unse­rer Frei­zeit­gar­de­ro­be ken­nen, die aber jetzt kein Sports­we­ar-Finish mehr haben muss und auch deut­lich mehr kos­ten darf als Sports­we­ar. Denn der neue Dress­code ist zwar läs­si­ger, aber kei­nes­wegs nach­läs­si­ger als der alte.

Und nur weil es bei der neu­en Busi­ness­klei­dung nicht mehr um Anzü­ge mit hand­ge­sto­che­nen Knopf­lö­chern und Maß­hem­den mit Mono­gramm geht, heißt das ja nicht, dass es nicht mehr um sozia­len Sta­tus und kul­tu­rel­le Dis­tink­ti­on geht. Wenn die Che­fin jetzt Snea­ker trägt, dann sind das nicht zwangs­läu­fig die glei­chen Snea­ker wie die Prak­ti­kan­tin. Alte Sta­tus­sym­bo­le ver­lie­ren an Bedeu­tung und neue ent­ste­hen. So war – nach den Zah­len, die uns im DMI vor­lie­gen – die Aus­ga­be­be­reit­schaft für Snea­ker bereits 2019 inner­halb nur eines Jah­res um gan­ze 40 Pro­zent gestiegen.

Wenn eine Tra­di­ti­on zu Ende geht, heißt das noch lan­ge nicht, dass es in der Mode kei­ne Kul­tur mehr gibt. Es ent­steht eine neue Kul­tur mit neu­en Codes, die es zu ver­ste­hen und zu umar­men gilt, wenn man nicht auf der Stre­cke blei­ben will. Was ges­tern der per­fek­te Kra­wat­ten­kno­ten war, ist eben heu­te die per­fek­te Sneaker-Schnürung.

Carl Til­les­sen ist Autor von “Kon­sum – War­um wir kau­fen, was wir nicht brauchen”