Vogue kamala harris cover jpg

Ab heute im Amt. Und gleich nochmal auf der Vogue.

Die Aufregung über ein Titelblatt ist groß: Die neue US-Vizepräsidentin Kamala Harris auf dem Cover der amerikanischen Vogue. Die Irritation über das Foto war so groß, dass die Vogue nun nachbessern muss. Aber was hat die Gemüter nun so sehr erregt, fragt sich Jeroen van Rooijen.
Jero­en van Rooijen

Mode ist Kom­mu­ni­ka­ti­on. Mit Klei­dung teilt man sich sei­nem Gegen­über ohne Wor­te mit. Man erzählt mit einem Out­fit von sei­nen Vor­lie­ben und Gewohn­hei­ten, aber auch von sei­nen Über­zeu­gun­gen und Idea­len. Inso­fern ist Klei­dung immer eine Mes­sa­ge – des­we­gen haben sowohl die gro­ßen Frie­dens- und Pro­test­be­we­gun­gen der jün­ge­ren Geschich­te, aber auch die gro­ßen Des­po­ten und Dik­ta­to­ren der Welt Mode als Mit­tel zur Durch­set­zung ihrer Ideen genutzt.

Was also sagt uns das aktu­el­le, umstrit­te­ne Cover der ame­ri­ka­ni­schen Vogue, auf dem die neue US-Vize­prä­si­den­tin Kama­la Har­ris zu sehen ist, die ers­te far­bi­ge Frau in die­sem hohen Amt? Dar­über wird online und in den Stil­ga­zet­ten hef­tig debat­tiert. Den einen ist Mrs. Har­ris’ selbst gewähl­ter Look zu salopp und bei­läu­fig, also des Amtes nicht wür­dig; den ande­ren ist ihre Haut­far­be zu weiß­ge­tüncht, wie­der ande­re fin­den die im Hin­ter­grund auf­ge­häng­ten Deko-Stof­fe schlimms­te Ama­teur­li­ga der Por­trät­fo­to­gra­fie. Die Auf­re­gung um das Foto war so groß, dass die Vogue am Diens­tag vor Har­ris’ Amts­ein­füh­rung ange­kün­digt hat, nach­zu­bes­sern. Was die­se Auf­re­gung zugleich ein wenig län­ger köcheln lässt.

Blei­ben wir aber, bevor wir uns selbst ein Urteil bil­den, kurz bei den bekann­ten Fak­ten: Auf dem Cover der wich­tigs­ten Mode­zeit­schrift der Welt ist eine ent­spannt wir­ken­de Frau mitt­le­ren Alters zu sehen, die fron­tal vor dem Betrach­ter steht und ein biss­chen ver­blüfft lächelt, die Hän­de vor dem Bauch wie zum Gebet ver­schränkt. Im Hin­ter­grund ist ein apfel­grü­ner Bro­kat auf­ge­spannt, davor «plät­schert» lachs­ro­sa Taft her­ab und legt sich unter die Füße der Abgebildeten.

An den Füßen trägt die­se schwar­ze Stoff-Turn­schu­he des Typs Chuck Tay­lor All Star Low Top, offen­bar eine Art Mar­ken­zei­chen von Kama­la Har­ris. Die schwar­zen Jeans sind schmal, das wei­ße T‑Shirt sehr basic, der knapp hüft­lange, kaf­fee­brau­ne Bla­zer kas­tig. Er soll von einem befreun­de­ten Desi­gner namens Donald Deal sein (ist der Name nicht eine Art Witz!?). Als Schmuck trägt die Vize­prä­si­den­tin eine Art Per­len­ket­te und am lin­ken Hand­ge­lenk eine Uhr.

So bei­läu­fig das Out­fit, so bewußt ist das Bild des Foto­gra­fen Tyler Mit­chell kom­po­niert: Die Far­ben der Stof­fe im Hin­ter­grund ver­wei­sen auf die afro­ame­ri­ka­nisch gepräg­te Stu­den­ten-Schwes­tern­schaft Alpha Kap­pa Alpha, wel­che 1908 an der Howard Uni­ver­si­ty gegrün­det wur­de und der Kama­la Har­ris ange­hör­te. Wenn man das weiß, mag man das Signal schät­zen – wenn nicht, dann sieht es ein­fach nach einem häss­li­chen Thea­ter­vor­hang aus, den die Set­de­si­gne­rin Julia Wag­ner im Stu­dio hoch­ge­zo­gen hat.

Die Auf­re­gung um das mit­tel­präch­ti­ge Foto kam zustan­de, weil bekannt wur­de, dass es ein zwei­tes und auf den ers­ten Blick wesent­lich prä­si­dia­le­res Foto gab, das aber nicht als Vogue-Cover zum Ein­satz kam, son­dern nur im Innen­teil des Maga­zins. Schein­bar, so wird nun kol­por­tiert, haben sowohl der Foto­graf wie die Por­trä­tier­te von der US-Vogue die Zusi­che­rung bekom­men, dass die­ses Bild, wel­ches Kama­la Har­ris in einem him­mel­blau­en Anzug (von Micha­el Kors) mit vor der Brust ver­schränk­ten Armen zeigt, als Titel­fo­to gebraucht wer­den soll.

Alter­na­ti­ves Vogue-Cover

Dann aber habe Anna Win­tour, Che­fin der US-Vogue, das Bild ohne Abspra­che aus­ge­tauscht und die bei­den rein­ge­legt, was der bösen Frau Win­tour nun als Akt der ras­sis­tisch moti­vier­ten Unter­wan­de­rung der neu­en Vize­prä­si­den­tin und ihres Por­trät-Foto­gra­fen ange­dich­tet wird. Die Wel­len schlu­gen so hoch, dass die Vogue zäh­ne­knir­schend ein­knick­te: Kurz vor dem Inau­gu­ra­ti­ons­ter­min in Washing­ton ver­kün­de­te der Ver­lag Con­dé Nast, dass das ande­re, «bes­se­re» Foto «wegen enor­men Inter­es­ses» doch als Cover erhält­lich sein wird – aller­dings nur auf Bestel­lung, nicht im Ein­zel­ver­kauf am Kiosk.

Anna Win­tour mag im Lau­fe ihrer Kar­rie­re nicht die pro­gres­sivs­te Ver­fech­te­rin von kul­tu­rel­ler und eth­ni­scher Diver­si­tät gewe­sen sein – aber dass sie damit heim­lich einen Ball ins Trump-Lager gespielt habe, ist doch arg an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen. Sie hat ein­fach einen schlech­ten Ent­scheid gefällt, als sie in der Redak­ti­on vor der Pin­wand mit den bei­den Cover-Vari­an­ten stand – that’s it. Und sie hat die­se Ent­schei­dung, wie sie es gewohnt ist, ohne Rück­sicht auf die Betrof­fe­nen gefällt. Mrs. Win­tour agiert nun mal so: Allein, auto­kra­tisch, abso­lut. Dumm gelau­fen –hin­ter­her weiß man es bes­ser, auch wenn Migh­ty Anna dies nie zuge­ben würde.

Bleibt der Vor­wurf des White­wa­shings, also der Weiß­tün­chung der im ech­ten Leben doch eine deut­li­che Nuan­ce dunk­le­ren Haut­far­be von Kama­la Har­ris. Die­se hät­te ja der Foto­graf zu ver­ant­wor­ten, der das final retu­schier­te Bild druck­fer­tig an die Redak­ti­on lie­fert. Es ist nicht wahr­schein­lich, dass der 26-jäh­ri­ge Tyler Mit­chell, selbst afro­ame­ri­ka­ni­scher Abstam­mung und ein wich­ti­ger Doku­men­ta­list der Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gung, dies bewusst getan hat. Viel­mehr, so ana­ly­sie­ren Fach­leu­te, die sich mit Bild­be­ar­bei­tung aus­ken­nen, hät­te der Foto­graf das gan­ze Bild etwas ent­sät­tigt, also die Far­ben zurück­ge­nom­men und aufgehellt.

Ob das wie­der­um eine gute Idee war? Im Hin­blick auf den Auf­trag­ge­ber, also die Vogue, mag man es nach­voll­zie­hen kön­nen, aber ange­sichts des Motivs und Moments, hat auch Mit­chell einen schwe­ren Feh­ler gemacht und sich zu sehr ange­bie­dert. Ein sol­ches Foto – von einer solch epo­cha­len Per­son! – hät­te doch eigent­lich gar nicht satt und leben­dig genug sein dürfen.

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