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Die neue Hasenfüßigkeit

Während man sich auf YouTube und Instagram vor herumbrüllenden Alpha-Male-Coaches mit Testosteron-Koller kaum retten kann, scheint auf mancher Führungsetage die Angst zu regieren. Und zwar die der Chefs vor möglichen Folgen ihrer Worte und Taten. Siems Luckwaldt über Führungskräfte, die der Mut verlässt. Und unsere Mitschuld daran.
Siemsluckwaldt
Siems Luck­waldt

„Mama, ich bin Angst“, sagt der klei­ne Jun­ge. Mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen steht er mit­ten im Raum des New Yor­ker Loft­bü­ros. Die feu­er­ro­ten Strah­len der Nach­mit­tags­son­ne tau­chen die Sze­ne in dra­ma­ti­sches Licht. Für einen Augen­blick schwankt die Mimik der Umste­hen­den ob sei­nes mit zitt­ri­ger Stim­me vor­ge­tra­ge­nen Deng­lisch zwi­schen besorg­ter Mie­ne und brei­tem Grin­sen. Spä­ter, als die aku­te Furcht des Kin­des lan­ge ver­flo­gen ist, wird sein State­ment zum Insi­der­spruch. Raus­ge­kramt, wann immer Team­kol­le­gen einen unan­ge­neh­men Anruf täti­gen, eine mit Bauch­weh erwar­te­te E‑Mail öff­nen müs­sen. „Mama, ich bin Angst“, da steckt halt alles drin.

Rund zwei Jahr­zehn­te nach­dem sich die­ser Moment in mein Gedächt­nis gebrannt hat, den­ke ich wie­der häu­fi­ger dar­an. Weil ich mir vor­stel­le, dass vie­le CEOs, COOs, CFOs oder C[setzen Sie doch selbst Buch­sta­ben ein]s, sicher ähn­li­che Wor­te für mul­mi­ge Gefüh­le in der Magen­gru­be fin­den. Mor­gens im Auf­zug, ehe sich die Türen zur Eta­ge ihres Eck­bü­ros öff­nen. Vor dem Spie­gel überm Wasch­be­cken, in einer Board­mee­ting-Pau­se. An der Ampel, unter­wegs zum über­le­bens­wich­ti­gen Kun­den­ter­min. Und sol­che Momen­te, dar­auf will ich hin­aus, schei­nen sich in letz­ter Zeit zu häu­fen. Schon vor der Corona-Pandemie.

Anders kann ich mir die Ten­denz nicht erklä­ren, dass Top­ma­na­ger von ihren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­fis zuneh­mend in fluffig-dicke Lagen aus Schaum­stoff gehüllt wer­den. Plus Auf­fang­netz, dop­pel­tem Boden, Schwimm­flü­geln und Stütz­rä­dern. Bild­lich gespro­chen, klar. Wäh­rend Bran­ding-Gurus über­all die Vor­zü­ge der Authen­ti­zi­tät beschrei­en, Mar­ken und Machern raten, ganz offen Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen, sich ver­letz­lich, also mensch­lich, zu zei­gen. In mei­ner anek­do­ti­schen Wahr­neh­mung geht der Trend in die Gegen­rich­tung: geschütz­te Flan­ken, geschlos­se­ne Wagen­burg, die Schil­de hoch. Bloß nir­gends anecken: beim Vor­stand, den Aktio­nä­ren, den Kun­den, Behör­den, der öffent­li­chen Twitter-Meinung.

Handlungsfähig bleiben, ohne handlungsauffällig zu werden. Eine kaum zu meisternde Gratwanderung.

Trotz­dem soll­te man, und nun wird es rich­tig ver­trackt, gera­de so viel agie­ren, um den Stem­pel „lame duck“ zu ver­mei­den. Hand­lungs­fä­hig blei­ben, ohne hand­lungs­auf­fäl­lig zu wer­den. Eine kaum zu meis­tern­de Grat­wan­de­rung. Da wird aus gesun­dem Selbst­er­hal­tungs­trieb mit­un­ter eine ner­vö­se, kom­mu­ni­ka­ti­ve Zwangs­stö­rung und jeder Schritt so akri­bisch vor­be­rei­tet, dass ihn am Schluss kei­ner mehr gehen mag. Jede Äuße­rung so lan­ge glatt­ge­bü­gelt, dass die Satz­zei­chen manch­mal die klars­te Spra­che spre­chen. Cor­po­ra­te Respon­si­bi­li­ty wan­delt sich zur läh­men­den Cor­po­ra­te Cowar­di­ce und der angriffs­lus­ti­ge Tiger an der Kon­zern­spit­ze lan­det als kusch­li­ger Bett­vor­le­ger. Par­al­le­len zur Poli­tik sind natür­lich rein zufällig.

Dass wir uns rich­tig ver­ste­hen: Als jemand, der von Rücken­schmer­zen geplagt wird, kann ich die­se Ver­mei­dungs­stra­te­gie durch­aus ver­ste­hen. Wer aku­te Schmer­zen erlebt hat, oder einen shit­s­torm wegen zu gering ent­wi­ckel­ter wokeness im Unter­neh­men, der geht eben zur Schon­hal­tung über. Bewegt sich kaum noch bzw. sagt gar nichts mehr oder ein­zig mit zig Durch­schlä­gen und Kor­rek­tur­schlei­fen. Lei­der führt das jedoch wie beim Len­den­wir­bel-Aua zu neu­en Beschwer­den, aus­ge­löst durch die mal gut gemein­ten Gegen­maß­nah­men von Hirn und Mus­keln. Wer zu viel schweigt, ver­liert an Auf­merk­sam­keit, wer nie Hal­tung gezeigt hat, hat es schwer, sich spä­ter auf mora­li­sche Inte­gri­tät zu beru­fen, und so weiter.

Ich habe aber noch aus einem ande­ren Grund volls­tes Ver­ständ­nis für die Hasen­fü­ßig­keit bei Mar­ken­len­kern und Par­la­men­ta­ri­ern: und das sind wir selbst. Weil wir zu sel­ten beloh­nen, wenn umge­setzt wird, was wir weni­ge Atem­zü­ge zuvor wut­schnau­bend ein­ge­for­dert haben. Ja, nein, so hat­ten wir uns das aber nicht … Weil uns kom­ple­xe Sach­ver­hal­te immer öfter über­for­dern und wir mit andau­ern­der Unge­wiss­heit erstaun­lich schlecht umge­hen kön­ne, Kri­sen allen­falls in Form von „Her­aus­for­de­run­gen“ ertra­gen. Statt­des­sen sind wir mitt­ler­wei­le gro­ße Meis­ter der Auto­sug­ges­ti­on gewor­den. Wir glau­ben dem Sili­con Val­ley, dass der Welt­frie­den bloß eine App ent­fernt ist. Dass Kli­ma­schutz und Tier­wohl ohne jeg­li­chen Ver­zicht erreicht wer­den und Armut ohne geteil­ten Reich­tum. Und man­che glau­ben, dass Arz­nei für die Vieh­ent­wur­mung gro­ßes Poten­zi­al als Covid-19-Kil­ler hat.

Ist es da ver­wun­der­lich, dass man­cher Ent­schei­der Skru­pel bekommt, uns rei­nen Ver­bal-Wein ein­zu­schen­ken oder mit sei­ner fun­dier­ten, deut­li­chen Ant­wort auf ein Pro­blem allein im sozi­al-media­len Stark­re­gen zu ste­hen? Wenn wir so offen­sicht­lich mit den unbe­que­men Wahr­hei­ten des Erwach­se­nen­le­bens hadern?

Mut zur Offenheit, zur Strategieunsicherheit und Wissenslücke könnte helfen. Sich die Mühe zu machen, zu einem Sachverhalt zwei gleichzeitig gültige Wahrheiten im Kopf zu behalten.

Wohin die­se Ent­wick­lung führt – die Angst vor der auch mal kon­tro­ver­sen Akti­on und die Bestä­ti­gung die­ser Angst durch ein Publi­kum, das am liebs­ten schwim­men lernt, ohne nass zu wer­den – kann man bereits bei jun­gen Grün­dern beob­ach­ten. Wer nach deren mil­lio­nen­schwe­ren ABC-Run­den kurz mal die Reagan’sche Fra­ge „Where’s the beef?“ stellt, ris­kiert prompt, in Ungna­de und aus der Club­house-Grup­pe zu flie­gen. Zu vie­le Teil­neh­mer­ur­kun­den und elter­li­che „Du kannst alles wer­den, was du willst“-Beteuerungen, ver­mut­lich. Da ver­kraf­tet kein Dis­ruptor-Traum mehr einen rea­li­ty check.

Nun wün­sche auch ich mir den cho­le­ri­schen Chef alter und übler Schu­le kei­nes­wegs zurück. Dafür habe ich zu Beginn mei­nes Berufs­le­bens zu vie­le Adern auf puter­ro­ten Stir­nen zu Mak­ka­ro­ni anschwel­len sehen. Eben­so wenig Bedarf habe ich für eine #bro­cul­tu­re hin­ter deren Hemds­är­me­lig­keit und Bubi-Charme sich ähn­li­che mit­mensch­li­che Abgrün­de auf­tun, wie beim Patri­ar­chen mit Vor­zim­merfrol­lein und Zigar­ren­kis­te auf dem Mahagonischreibtisch.

Die Lösung? Tja, auf die kön­nen wir wohl nur gemein­sam zustre­ben. Mut zur Offen­heit, zur Stra­te­gie­un­si­cher­heit und Wis­sens­lü­cke könn­te hel­fen. Sich die Mühe zu machen, zu einem Sach­ver­halt zwei gleich­zei­tig gül­ti­ge Wahr­hei­ten im Kopf zu behal­ten. Gera­de in der Mode soll­te das klap­pen: Quer­strei­fen sind „in“ UND machen optisch dick. Bär­te sind cool UND zu omni­prä­sent. „House of Guc­ci“ wird viel­leicht kein guter Film aber sicher ein guter Gaga-Film. Sie wis­sen, was ich meine.

Das Leben ist kom­plex, nicht zu ändern. War­um da von den obe­ren Spros­sen der Hier­ar­chie-Lei­ter stets ein­fa­che (geschön­te, gelo­ge­ne) Ant­wor­ten ein­for­dern? Das ergibt kei­nen Sinn, auch wenn sich unser Gehirn wirk­lich ungern anstrengt. Dann eher mal „Mama, ich bin Angst“ mur­meln. Das ist wenigs­tens authentisch.