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The revolution will not be panel-ized

Jede Krise erzeugt reichlich Gesprächsbedarf, und der füllt Diskussionsrunden und Mehrzweckhallen. Siems Luckwaldt fragt sich, ob die boomende Input-Industrie uns nicht vom Selbstdenken und vor allem vom Handeln abhält. Sein Fazit: The revolution will not be panel-ized.
Siemsluckwaldt
Siems Luck­waldt

„Und, haben Sie ein­mal ver­sucht, was wir letz­te Woche bespro­chen haben?“

– Zitat mei­ner Psy­cho­lo­gin

Nö. Die glei­che Ant­wort wür­de ich übri­gens auch auf die fol­gen­den Fra­gen geben: „Haben Sie in der Pan­de­mie eine wei­te­re Fremd­spra­che gelernt?“ „Schon ein paar Coro­na­ki­los abge­speckt?“ „Mit dem Online­kurs in Por­trät­fo­to­gra­fie von Annie Lei­bo­vitz begon­nen?“ „Neben­bei ein MBA-Stu­di­um ange­fan­gen?“ „End­lich das Medi­ta­ti­ons­ri­tu­al im Tages­ab­lauf eta­bliert?“ Nö. Lei­der nein. Non, nada, nix.

Am ver­füg­ba­ren Input auf allen erdenk­li­chen Kanä­len sind die­se guten Vor­sät­ze und Plä­ne nicht geschei­tert. Ich könn­te die E‑Books, Webi­na­re, News­let­ter, Pod­casts, ver­folg­ten Influ­en­cer und bestell­ten Pro­duk­te zu mei­nen Wün­schen, Träu­men und total cle­ve­ren, dis­rup­ti­ven Busi­ness­ideen haus­hoch und ter­ra­byte­wei­se sta­peln. Es trägt auch nicht man­geln­de Wil­lig­keit des Geis­tes die Schuld am kaum ver­stoff­wech­sel­ten Con­tent. Es krankt eher an der Moti­va­ti­on, an einer straff orga­ni­sier­ten Exe­ku­ti­ve. Dazu kom­men Sabo­ta­ge­ak­te durch die vie­len Wid­rig­kei­ten des Lebens, die es für mich wie für die meis­ten Men­schen zu meis­tern gilt. Das Extra­pro­jekt im Job, die Sor­ge wegen eines dro­hen­den Atom­krie­ges, die kran­ke Pfo­te des Fami­li­en­hun­des, die Fan­ta­sie­prei­se an der Zapf­säu­le. Kurz: Ich schei­te­re an zu viel „busy work“, zu vie­len ver­füg­ba­ren Inhal­ten – und zu wenig „Makro­bio­tisch leben­der Digi­tal-Noma­de auf Bali“-Glückseligkeit.

Und obwohl ich dank vie­ler Stun­den auf der The­ra­pie­couch weiß, dass ich weder zu faul noch men­tal unter­be­lich­tet bin, und im Umgang mit mir selbst eher Samt­hand­schu­he als Dau­men­schrau­ben gefragt sind, trotz all die­ser Erkennt­nis­se also schaf­fen es die hau­sie­ren­den Selb­st­op­ti­mie­rer, mir ihren „Be your best self“-Rotz anzu­dre­hen. Unsi­cher­heit, das lernt man in Mar­ke­ting und Ver­trieb, ist ein­fach das per­fek­te Ver­kaufs­kli­ma. Ein Mensch, der an sich zwei­felt, dem lässt sich nahe­zu alles offe­rie­ren. Coa­chings, Fal­ten­cremes, Smoot­hie-Pul­ver, Cha­kra-Kie­sel. In zwölf Raten zu je 29,99 Euro.

Was im pri­va­ten Kon­text so tri­vi­al klingt, hat im Busi­ness ein fieb­ri­ges Niveau erreicht. Die Bran­che spielt dabei kaum eine Rol­le. Ohne Bera­ter, Work­shops, Key­note Spea­ker, Panel-Dis­kus­sio­nen, Best Cases und White­pa­per scheint kein zukunfts­wei­sen­des Wei­chen­stel­len mehr mög­lich. Wer etwas auf sich hält, sichert sich für kur­ze Zeit ein Eck­chen vom Groß­hirn heiß begehr­ter Visio­nä­re, Entre­pre­neu­re, Exper­ten und Chan­ge­ma­ker. Und wer es nicht bis 40 in die FIRE-Ren­te schafft, der besucht hof­fent­lich bereits ein Rhe­to­rik-Trai­ning, um es die­sen Miet-Kory­phä­en bald gleich tun zu kön­nen. Dei­ne Bre­gen­sup­pe ist zu dünn für einen TED Talk? Dann pla­ne ein­fach dein eige­nes TEDx-Event oder schwa­dro­nie­re auf You­Tube her­um.

Man hört sich keinen Vortrag mehr an, man pilgert zu einem Guru. Die Fachtagung wird zum Festival, die Verpackung hat die Verwertbarkeit eingeholt, der Botschafter überragt die Botschaft.

Wer’s braucht, wer­den Sie jetzt den­ken. Nicht falsch, denn wer Stütz­rä­der benö­tigt, phy­si­sche oder gedank­li­che, der ist natür­lich froh, dass das Ange­bot so üppig und leicht kon­su­mier­bar aus­fällt. Wie gesagt: Ich stra­pa­zie­re an der Selbst­hil­fe-Front auch regel­mä­ßig mein PayPal-Kon­to. (Luxus-)Problematisch wird es mei­ner Mei­nung nach, wenn aus der inhalt­li­chen Schüt­zen­hil­fe für Mana­ger, Macher, Men­schen eine in sich geschlos­se­ne, selbst­re­fe­ren­ti­el­le Sze­ne ent­steht. Eine „Das kannst du besser“-Bubble, für die weni­ger der hand­fes­te Nut­zen des Kun­den oder Publi­kums im Fokus steht als der Pro­fit. Die sich ein paar Buz­z­words krallt und über Mona­te bis Jah­re das letz­te Quänt­chen her­aus­presst, um es in irgend­ein lukra­ti­ves Con­tent-Pro­dukt zu ver­wan­deln. Die weni­ger zu Klar­heit und zeit­na­her Akti­on bei­trägt als zum white noi­se, das uns ablenkt und lähmt.

Ein (lei­der) gutes Bei­spiel sind da so nebu­lö­se wie essen­zi­ell dring­li­che The­men wie Nach­hal­tig­keit und Diver­si­tät, bei­spiels­wei­se in der Mode. Ich ver­mu­te mal, kaum einer von Ihnen wird aus dem Stand wis­sen, bei wie vie­len Talks und Semi­na­ren Sie in den letz­ten Jah­ren dabei gewe­sen sind oder hät­ten teil­neh­men kön­nen. Online, off­line, als Mes­se, Kon­fe­renz oder Pop-up-For­mat. Nach einer Hand­voll sol­cher Ter­mi­ne merkt man nicht nur, dass sich die Reden und Argu­men­te wie­der­ho­len wie eine Gebets­müh­le, nein, auch die Vor­tra­gen­den ent­stam­men dem glei­chen Cas­ting-Rolo­dex. Bekannt aus Film, Funk, Fern­se­hen und von irgend­ei­ner Kon­gress­büh­ne. Man ist per Du und lädt sich unter­ein­an­der ein. Zum Panel, zur Buch-Prä­sen­ta­ti­on, für Insta­gram Live. In den USA hat das im Audio­be­reich mitt­ler­wei­le so gro­tes­ke For­men ange­nom­men, dass sich Pod­cas­ter einer Nische fast aus­schließ­lich gegen­sei­tig ver­hö­ren. Zehn ver­schie­de­ne Sen­dun­gen, zehn­mal stän­di­ge Cross Pro­mo­ti­on, zehn­mal end­lo­se Lan­ge­wei­le. Man fühlt sich wie Bill Mur­ray in „Und täg­lich grüßt das Mur­mel­tier“: jeden Tag „I Got You Babe“ zum Auf­wa­chen.

Längst hat die­ses Phä­no­men des „Sama­ri­ters als Rock­star“ auch hier­zu­lan­de ein nerv­tö­ten­des Niveau erreicht. Man hört sich kei­nen Vor­trag an, man pil­gert zu einem Guru. Die Fach­ta­gung wird zum Fes­ti­val, die Insze­nie­rung hat in der Bedeu­tung zum Inhalt auf­ge­schlos­sen, die Ver­pa­ckung die Ver­wert­bar­keit ein­ge­holt, der Bot­schaf­ter über­ragt die Bot­schaft. Wer nicht vor Ort sein kann, schaut den Live­stream, liest im News­let­ter nach, kauft das T‑Shirt. Das Ren­nen um die letz­ten unge­stör­ten, nicht mit Appel­len voll­ge­müll­ten Sekun­den unse­res Tages ist in vol­lem Gan­ge. Viel­leicht schon ent­schie­den.

Nun mag ich Las Vegas, habe also mit pom­pö­sen Auf­trit­ten und Laser­shows kein Pro­blem. Auch nicht mit einer ordent­li­chen Dosis Star­power. Bloß ver­spricht mir der Cir­que du Soleil eben nicht, mei­ne E‑Com­mer­ce-Per­for­mance in die Stra­to­sphä­re zu kata­pul­tie­ren und mich über Nacht zum Mini-Musk umzu­schu­len. By the way: Kön­nen wir irgend­wann auf­hö­ren, die Leis­tung ein­zel­ner „Licht­ge­stal­ten“ mes­sia­nisch zu beju­beln, bei denen min­des­tens zwi­schen­mensch­lich und oft auch im Manage­ment-Hirn so man­che Bir­ne durch­ge­brannt ist? Gefei­er­te Genies, höchs­tens einen Tweet von der geschlos­se­nen Abtei­lung ent­fernt.

Wer sich tatsächlich aus eigener Kraft ändert, der fällt als Kunde aus. Das will keiner, also werden wir weiter zugeschwallt mit immer neuen Schlagworten und How-tos. Denn wer atemlos dem Morgen hinterherhechelt, der braucht noch mehr kostspielige Anregungen.

War­um sind wir nur so anfäl­lig für die Bera­ter-Bla­se, die „Live your best life“-Verführer, die Just-Do-It-Dau­er­schlei­fe im güns­ti­gen Monats­abo? Wie­so grün­det jeder plötz­lich eine „Aca­de­my“, wo man „Retail Secrets“ und Schein­fas­ten ler­nen kann? Letz­te­res kann ich Ihnen jetzt und hier bei­brin­gen: Ein­fach ganz nor­mal wei­ter essen. Gern gesche­hen. Ver­trau­en wir unse­ren eige­nen Fähig­kei­ten nach jahr­zehn­te­lan­ger media­ler Zer­mür­bung so wenig, dass wir für alles frem­de Hil­fe brau­chen? Die Neu­or­ga­ni­sa­ti­on eines Unter­neh­mens geht nicht ohne Con­sul­tant. Die Out­fit­wahl klappt nicht ohne Sty­list. Das Kochen nicht ohne Paket von Hel­lo Fresh… Das Umden­ken von sozia­ler und öko­lo­gi­scher Aus­beu­tung auf „Sei halt kein Arsch­loch“. Das Geld­an­le­gen als Frau… was immer das heißt. Ist es das, was Sozio­lo­gen als Infan­ti­li­sie­rung der Gesell­schaft beschrei­ben, und dank der sich gut gebuch­te Super­pro­fis ihr drit­tes Haus am See ver­die­nen?

Um Ihnen ein paar Bit­coins zu spa­ren (die Sie ver­mut­lich bald in Wäsche­kör­ben zum Rewe brin­gen müs­sen, wie mei­ne Oma einst die Nach­kriegs­mark) kann ich Ihnen gern noch ein paar Weis­hei­ten ver­ra­ten, die Sie von solch umju­bel­ten Über­flie­gern zu erwar­ten haben: „Das Meta­ver­se wird eine wich­ti­ge Rol­le spie­len.“ Ja, super, wo doch dort bald Power­point funk­tio­nie­ren soll. Geil, oder? „Ohne Influ­en­cer läuft nichts mehr.“ Nur viel­leicht bes­ser kei­nen Fynn ver­pflich­ten. „Ein Unter­neh­men muss Hal­tung zei­gen.“ Nach außen. Innen ist wurscht. „Ich sage nur: Omnich­an­nel.“ Boah, echt jetzt? Ich chan­nel, du chan­nelst, wir chan­neln. „Wir tra­gen als Mar­ke Ver­ant­wor­tung für die Welt, in der wir leben und han­deln.“ Vor allem aber gegen­über unse­ren Share­hol­dern. „Nach­hal­tig­keit ist ein kom­ple­xes The­ma.“ Und mit die­ser Kom­ple­xi­tät lässt sich irre Koh­le ver­die­nen. „Der Kun­de will bei uns in eine auf­re­gen­de Welt ein­tau­chen.“ Nö, er will eigent­lich auf der Couch RTL+ gucken und neben­bei kurz was auf dem iPad ordern. Nicht zu ver­ges­sen: „Hap­py Pri­de mon­th, y’all.“ Rin­gen um Gerech­tig­keit als leicht­ver­dau­li­ches Regi­na-Regen­bo­gen-Mer­chan­di­sing, ne watt schön. Stöß­chen.

Ein Kli­schee-Kanon, der den Zuhö­rer wie­der und wie­der berie­selt und ein­lullt, in ein Gefühl, Zeit­geist und Zukunft ganz nah zu sein. Der lang­fris­ti­ge Erfolg ist mit einer Ver­hal­tens­the­ra­pie ver­gleich­bar: „Stimmt, man müss­te wohl wirk­lich mal … Wir sehen uns dann nächs­te Woche.“ Es siegt der alte Trott. Das ist der Anbie­ter­sei­te eh am liebs­ten, schließ­lich will man vie­le wei­te­re Tickets ver­kau­fen. Wer sich tat­säch­lich aus eige­ner Kraft ändert, den Kar­ren selbst aus dem Dreck zieht, der fällt näm­lich als Kun­de aus. Das will kei­ner, also wer­den wir wei­ter zuge­schwallt mit immer neu­en Schlag­wor­ten, Platt­form-Tricks und How-tos. Denn wer atem­los dem Mor­gen hin­ter­her­he­chelt, der braucht noch mehr kost­spie­li­ge Anre­gun­gen: für Self­ca­re bei der Mega­kar­rie­re, gegen Bur­nout als Influ­en­cer, you name it. Und ganz viel hot shit zur rich­ti­gen Unter­neh­mens­struk­tur sowie zum homöo­pa­thi­schen Per­so­nal­ab­bau, ohne dass Kolleg:innen mer­ken, war­um sie ihren brau­nen Papp­kar­ton packen.

Früher wurden die gleichen Fehler gemacht wie heute, und manchmal standen sogar die Macher selbst zu ihrer Fehleinschätzung. Ohne Coaches, denen sie die Misere in die Schuhe schieben konnten.

Nur zum Nach­be­rei­ten der unzäh­li­gen Panels, Work­shops, Talks und Fach­bü­cher kommt kaum mehr jemand. Zum Inne­hal­ten, kri­ti­schen Hin­ter­fra­gen, viel­leicht auch zum Ein­fach-mal-vor-sich-hin-Grü­beln. Ohne Guru im Ohr und Sli­des vor der Netz­haut. Zum Wie­der­ent­de­cken der eige­nen Fähig­kei­ten, das Mor­gen zu gestal­ten und klu­ge Gedan­ken von Buz­z­word-Bull­shit zu tren­nen.

Dabei ging das doch frü­her auch. Da haben Chefs ihre Fir­men ohne Bera­ter geführt, ohne vier­tä­gi­ge Kon­fe­ren­zen und „Man könn­te, soll­te, müsste“-Bingo. Da wur­den die glei­chen Feh­ler gemacht wie heu­te, und manch­mal stan­den sogar die Macher selbst zu ihrer Fehl­ein­schät­zung. Ohne Coa­ches, denen sie die Mise­re in die Schu­he schie­ben konn­ten. Dar­um geht es schluss­end­lich bei dem gan­zen Thea­ter: Wis­sen und Ent­schei­dun­gen out­zu­sour­cen, weil sich kei­ner mehr aus der Deckung traut (vgl. hier­zu: „Die neue Hasen­fü­ßig­keit“). Unsi­cher­heit durch eine immer kom­pli­zier­te­re Geschäfts­welt, man­geln­de Muße, sich ein Bild zu machen und die next steps abzu­lei­ten, sowie Feig­heit, auch mal rich­tig was zu ver­sem­meln – aus die­sem Drei­klang gene­riert eine ein­ge­schwo­re­ne, sich bes­tens ver­mark­ten­de Crew gigan­ti­sche Hono­ra­re. Wie­der und wie­der, weil die Umset­zung nur einem win­zi­gen Bruch­teil der Teil­neh­mer und Kun­den gelingt. Der Quell, der nie ver­siegt. Hal­le­lu­ja.

Wenn ich selbst ein­mal wie­der um mei­ne zwei Cents zu stra­te­gi­schen Her­aus­for­de­run­gen gebe­ten wer­de, einem mun­te­ren Brain­stor­ming, dann wer­de ich das wohl ein wenig im Stein­zeit-Stil auf­zie­hen. In All­tags­kla­mot­ten natür­lich, nicht im Säbel­zahn­ti­ger­fell. Dafür im bedäch­ti­gen Tem­po unse­rer Urah­nen, die – wie wir – kei­nen M1-Pro­zes­sor im Stirn­lap­pen ver­baut hat­ten. Die all­abend­lich in ihrer Höh­le am Lager­feu­er saßen, dem Mam­mutsteak beim Brut­zeln zusa­hen und Resü­mee zogen. Von der ers­ten Fähr­te über die gefähr­li­che Jagd bis zum geglück­ten Erle­gen des Puschel-Ele­fan­ten. Was mache ich nächs­tes Mal bes­ser? Brau­che ich eine neue Lan­ze mit Flint­spit­ze? Soll­ten wir die Pirsch­grup­pe ver­grö­ßern? Brau­chen wir Mit­strei­ter mit ande­ren Skills dabei? Hm, mal über­le­gen. Hatz um Hatz ent­stand, ver­mu­te ich, ganz orga­nisch ein Mas­ter­plan, der es wert war, auf die Höh­len­wand gekrit­zelt zu wer­den. Even­tu­ell hat Genos­se Urmensch auch sei­nen Stam­mes­wei­sen befragt, wie Effi­zi­enz und Syn­er­gien erhöht wer­den könn­ten. Die­sen Rat aber mit dem hal­ben Mam­mut zu bezah­len, das wäre wohl kei­nem Nean­der­ta­ler ein­ge­fal­len.