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Modische Spekulationen

In der Mode herrscht derzeit eine Unsicherheit wie sonst nur an der Rohstoffbörse, stellt Barbara Markert fest. Die Designer spekulieren sowohl auf eine Fortsetzung wie auch auf ein Ende der Pandemie. Die Frage ist: Welche Strategie führt zum Gewinn?
Bar­ba­ra Markert

Ein biss­chen Stu­dio 54, ein biss­chen Rock­star-Ambi­en­te, etwas Jer­ry Hall Mit­te der 70er und ein ver­ges­se­ner Film von Clau­de Chab­rol über die Bour­geoi­sie: Das sind die Zuta­ten der Erst­kol­lek­ti­on des jun­gen deut­schen Desi­gners Georg Lux für das Pari­ser Mode­haus Leo­nard. Im pracht­vol­len Show­room mit gol­de­nen Wand­ver­tä­fe­lun­gen ste­hen ganz in die­sem Sin­ne Roben mit glän­zen­dem Lurex, tie­fen Rücken­aus­schnit­ten, eben­so gewag­ten Aus­schnit­ten vor­ne, dazu opu­len­te Schlei­fen und viel Pari­ser Ele­ganz. „Wir müs­sen ver­su­chen, die Lebens­freu­de zurück zu brin­gen“, seufzt Lux und fasst mit einem Satz zusam­men, wel­che Idee hin­ter sei­ner Krea­ti­on steht: „Wir wol­len doch alle nur eines: End­lich mal wie­der aus­ge­hen!“ Auch sei­ne Che­fin, Natha­lie Tri­bouil­lard, CEO von Leo­nard ist über­zeugt: „Die Leu­te haben genug von der Jogginghose.“

Ist das wirk­lich so? Oder anders gefragt: Kön­nen wir denn, wenn die neue Win­ter­mo­de 2021/22 in den Han­del kommt, also im kom­men­den Som­mer, über­haupt aus­ge­hen? Ange­sichts stän­dig auf­pop­pen­der Mutan­ten des Virus und neu­er Lock­down-Dis­kus­sio­nen scheint das eher ein from­mer Wunsch. Als die aktu­el­len Kol­lek­tio­nen ent­wor­fen wur­den, ver­brei­te­ten die For­schungs­er­fol­ge bei den Impf­stof­fen noch eine gewis­se Eupho­rie, dass wir dem Ende der Pan­de­mie nahe sind. Doch bereits heu­te sieht die Lage anders aus und mor­gen wird sie sich womög­lich erneut geän­dert haben.

Kon­kre­te Vor­her­sa­gen sind zur­zeit beson­ders schwie­rig. Die Mode­in­dus­trie, die ansons­ten den Zeit­geist wider­spie­gelt, ist vor die Her­aus­for­de­rung gestellt, dass sich die­ser Zeit­geist von Woche zu Woche ändern kann. Wann also wer­den wir wirk­lich wie­der aus­ge­hen? Und was tra­gen wir dann? Ist der Casu­al-Look dann so hof­fä­hig gewor­den, dass wir im Drei-Ster­ne-Restau­rant mit einer Kasch­mir-Pants zu Luxus-Snea­kern pas­send ange­zo­gen sind? Oder gibt es dann Hybrid-Loo­ks aus Jog­ging mit High Heels oder Trai­nings­ho­sen zum Sak­ko? Viel­leicht  las­sen wir es auch dann modisch wie­der so rich­tig kra­chen – mit Glit­zer, Glim­mer und boden­lan­gen Abend­ro­ben? Im Büro, das wir nur noch spo­ra­disch auf­su­chen, punk­ten wir  in for­mel­ler Busi­ness­mo­de mit Kra­wat­te, Drei­tei­ler und Damen­kos­tüm statt Casu­al-Fri­day-Out­fits? Oder kau­fen wir dann nur noch Vin­ta­ge, weil uns nach mona­te­lan­ger Kurz­ar­beit die finan­zi­el­len Mit­tel feh­len oder weil das Geld eher in einen Urlaub auf den Male­di­ven statt in Desi­gner-Hand­ta­schen fließt?

Alles rei­ne Spe­ku­la­tio­nen. Daher gleicht die Situa­ti­on in der Mode aktu­ell gera­de dem Han­del an der Roh­stoff­bör­se. Die Desi­gner set­zen auf Kuschel-Gar­de­ro­be con­tra Gla­mour-Show-off, Mini­ma­lis­mus con­tra Opu­lenz und Busi­ness con­tra Casu­al. Doch genau­so wie an der Roh­stoff­bör­se birgt die­ses Geschäft hohe Risi­ken. Setzt man alles auf eine Kar­te, kann dies ent­we­der zu hohen Gewin­nen oder star­ken Ver­lus­ten füh­ren. So macht es Leo­nard mit sei­ner Kol­lek­ti­on für ele­gan­te Par­ty­gän­ger. Oder auch Bru­nel­lo Cuci­nel­li, der mit sei­ner gelun­ge­nen Luxus­ver­si­on von Home­we­ar auf eine Fort­set­zung der Pan­de­mie setzt. Und auch Dol­ce & Gab­ba­na, die mit einer kun­ter­bun­ten Edel-Sports­we­ar unse­ren Hun­ger nach Exzen­trik befrie­di­gen. Die eigent­lich char­man­te Idee einer kon­kre­ten Inspi­ra­ti­on, die zur Kol­lek­ti­on eine Geschich­te erzählt, wird in die­ser Zeit zu einem hoch­spe­ku­la­ti­ven Opti­ons­schein. DAs birgt das Risi­ko, auf den Krea­tio­nen sit­zen zu blei­ben, weil sie bei Aus­lie­fe­rung eben nicht mehr dem aktu­el­len Zeit­geist entsprechen.

Wie an der Bör­se fährt man als Ein­käu­fer viel­leicht bes­ser mit einer Risi­ko­streu­ung und setzt auf Kol­lek­tio­nen, die sowohl die Wün­sche der Jog­ging­ho­sen­trä­ger wie der Gla­mour­frak­ti­on befrie­di­gen. Etro, Isa­bel Marant, Gabri­el­la Hearst, Pro­en­za Schou­ler und allen vor­an Lou­is Vuit­ton ist die­ser modi­sche Spa­gat gelun­gen. Die­se Kol­lek­tio­nen lie­fern Tei­le für jede Gele­gen­heit: das Wohl­fühl-Swea­ter in XXL fürs Sofa, das eng­an­lie­gen­de Par­ty­kleid und das schlich­te Out­fit für die nächs­te Business-Live-Konferenz.

Wie lan­ge die­se Design-Stra­te­gie erfolgs­ver­spre­chend ist? Dar­auf kann man nun spe­ku­lie­ren. Oder auch nicht.

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