Berlin: Wir arbeiten dran

x2Was hat man erwartet von Berlin? Hoffentlich nicht zuviel, dann wurde man nicht enttäuscht. Natürlich waren alle wieder positiv gestimmt. Gegenüber den Medien sowieso. Es ist schließlich nicht die Funktion eines Messeplatzes, gemeinsam Trübsal zu blasen. Unter der Oberfläche aber brodelt es vielerorts. Am Mittwoch veröffentlichte die TW die Halbjahresumsatzbilanz für den Modehandel: minus 3 Prozent. Seit 2010 wächst der Markt nach TW-Angaben nicht mehr, gefühlt schrumpft er schon viel länger.

Der Markt ist unter Druck. Für die Frequenz auf den Messen muss das noch nichts heißen. Gerade in schwierigen Zeiten ist Information Pflicht und der Messebesuch Risikomanagement. Trotzdem war augenscheinlich weniger los in der Stadt. Sicher, die Richtigen waren da, wie es so schön heißt. Aber internationale Einkäufer kommen immer noch viel zu wenige. Dabei liegt hier eine wesentliche Existenzberechtigung für Berlin. „Wir brauchen eine große Koalition der Kreativität“, proklamierte Staatsminister Michael Roth am Montag bei der Verleihung der European Fashion Awards. Das klingt schmissig. In erster Linie brauchen wir aber jemanden, der im Ausland für Berlin und die deutsche Mode die Trommel rührt. Einen „großen Einsatz für Export“, wenn man so will. Aber das kostet die Politik halt mehr als eine Stunde Händeschütteln auf Empfängen und Messerundgängen.

Immerhin hat sich diese Woche auch das globale Zentralorgan des Modebusiness‘ mit Berlin befasst. Wahrscheinlich hat geholfen, dass man BoF-Gründer Imran Amed letztens eingeflogen hat. Der revanchierte sich jetzt: Mit einem Link zu einer Fashion Week-Elegie in der internationalen Ausgabe des Handelsblatts („Falling out of Fashion„). Dazu gab es gestern noch einen Archivbeitrag aus dem Jahr 2014 (!): „Why isn’t Germany a bigger fashion player?“ Dabei gehört die deutsche Bekleidungsindustrie zu den größten der Welt. Als wäre das noch nicht genug, heftete die Pariser Bürgermeisterin am Dienstag Karl Lagerfeld einen Orden an die schmale Brust – für seine Verdienste um die Modestadt Paris. Na gut… hätte er vor 60 Jahren etwa in Hamburg bleiben sollen? Die Frage ist freilich, ob die Designer, die dieser Tage in Berlin ausgezeichnet wurden, in 60 Jahren mal einen Verdienstorden bekommen werden. Wir arbeiten dran.

Die Bemühungen von German Fashion Council und anderen, Deutschland als Designland zu positionieren, mögen aus Sicht vieler in der Industrie vergeblich und überflüssig sein. Sie sind es nicht. Deutsche Mode genießt im Ausland einen guten Ruf für Qualität und Preis-Leistung und zuverlässige Lieferung. Wenn es um Kreativität und Design geht, wendet sich der Blick doch wieder in Richtung Italien und Frankreich. Hier einen Akzent zu setzen, ist auch eine Funktion von Berlin. Und das sollte man nicht dem dieser Tage in den Medien wieder omnipräsenten Michael Michalsky allein überlassen, der ja leider auch nur in Deutschland weltberühmt ist.

Ungünstig war, dass die Fashion Week dieses Mal wirklich eine ganze Woche dauerte. Der Berliner Modesalon startet erst heute Mittag. Wegen der Haute Couture-Schauen in Paris! So lange sind die Einkäufer, die in der Regel Dienstag und Mittwoch anreisen, nicht in der Stadt. Das kann der Veranstaltung nicht gut tun.

Zu allem Überfluss hatte Marc O’Polo gestern Abend zum 50. Jubiläum nach Stephanskirchen geladen. 1800 Gäste waren da. Alle Richtigen sowieso. Selten hat man im Vorfeld so viel Unverständnis über eine tolle Einladung vernommen. Am Ende hat Robbie Williams alle wieder versöhnt. Und wie.

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profashionals

Mehr als 20 Jahre journalistische Arbeit bei der TextilWirtschaft. Als Redakteur, Korrespondent, Business-Ressortleiter. Chefredakteur von 2006 bis 2011. Die TextilWirtschaft ist das führende Medium für das Modebusiness im deutschsprachigen Europa. Seit 2012 selbstständig in der Personalberatung. 2016 Gründer von SUITS. Executive Search.

2 thoughts on “Berlin: Wir arbeiten dran

  1. Irgendjemand muss sich jetzt mal bereit erklären diesen Scheiß in Berlin zu organisieren, bevor das komplett den Bach runter geht. Mit dem blosen Verkauf von Quadratmetern ist es schließlich ja nicht getan. Die Lösung wäre, mal darüber nachzudenken TRAFFIC zu verkaufen. Und der ist nicht nur zwischen Flensburg und Oberstdorf zu finden, sondern zwischen dem Nordkap und Tarifa. Da stellt sich halt schnell die Frage, warum die alle nach Berlin kommen sollen. Dass Messen auch der Mode unterworfen sind, sieht man ja an Florenz. Die sind gerade Hip. Aber dafür gibt es gute Gründe. Also: was sind die guten Gründe für Berlin? Es ist ja nicht so, dass es keine gäbe…. Von daher gibt es Hoffnung. Hoffentlich…

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