@GDI: „Jeden Morgen eine neue Welt“

DSC07968

„Wir leben gefühlt in einer linearen Welt, sagt David Bosshart. „Aber unsere Realität entwickelt sich exponentiell.“ Die Veränderungsgeschwindigkeit nimmt stetig zu. „Wachstum heißt heute, stärkere Risiken einzugehen“, so der CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) in seiner Einführung zur 64. Internationalen Handelstagung, die vergangene Woche in Rüschlikon bei Zürich stattfand. „Früher hieß es mal ‚Jede Woche eine neue Welt. Heute gilt ‚Jeden Morgen eine neue Welt‘.“

Die industrielle Welt wird zu einer Software-dominierten Welt, analysiert Bosshart. In sehr vielen Branchen würden Innovationen nicht mehr Produktverbesserungen im engeren Sinne sein, sondern durch Software generiert, so Bosshart. „Die Technologie killt viele klassische Branchen.“ Wir kommen von einer Branchen- zu einer Funktionsorientierung. „Retailing is essential. Retailers are not.“

DSC07983

Douglas Rushkoff zeichnete ein desillusionierendes Bild der Digital Economy: Die Digitalisierung habe die Gesellschaft und die Arbeitswelt nicht vorangebracht, sondern nur ein paar Arschlöcher reicher gemacht, so der Bestsellerautor und Vordenker der Digitalisierung. Im Gegenteil sei der Vormarsch des Silicon Valley in vielerlei Hinsicht ein Rückschritt in vorindustriellen Kapitalismus, wenn auch im modernen Gewand. „Ein Unternehmen wie Uber tut doch nichts anderes als der Wirtschaft Werte zu entziehen und diese in Kapitalerträge für ihre Inhaber umzuwandeln.“. Es gebe bei den meisten der neuen Unternehmen einen gewaltige Lücke zwischen der Kapitalisierung und dem tatsächlichen Wert. „Twitter ist großartig. Aber ein Dienst zur Übermittlung von 140 Zeichen-Nachrichten kann doch kein Multi-Milliarden-Unternehmen sein“, ätzte Rushkoff.  Die neuen Milliardäre sollten ihr Geld lieber mal zur Disruption von Wall Street nutzen.

Aber was ist die Lösung? Für Rushkoff sind klassische Familienunternehmen und lokale Strukturen, bei denen es nicht nur um die Mehrung von Kapital, sondern um Menschen und um nachhaltigen sozialen Nutzen geht, die Zukunft. „Unternehmen, die leben, die mal wachsen und mal schrumpfen. Diese Unternehmen spielen, um das Spiel aufrechtzuerhalten, nicht um zu gewinnen. Denn das ist das Ende des Spiel.“

DSC08039

Ist Innovation und Start-up-Kultur auch in Großunternehmen möglich? fragte Hans-Jörg Dohrmann. Als Geschäftsführer der Migros-Tocher m-way konnte er nur eine Antwort auf diese Frage geben: „‚Make‘ ist auch für Konzerne eine echte Alternative zu ‚Buy‘! Just do it!“ Aber natürlich nur unter bestimmten Rahmenbedingungen, so Dohrmann. Ganz wichtig sei das Setup, die separate Einheit, die eine eigene Identität entwickeln könne und der Zeit und Raum zur Entwicklung gegeben werde.  Natürlich brauche es Leitplanken, eine klare Definition der Erwartungen, eine Kostenplanung. Controlling und Ergebnisrechnungen sollte man sich anfangs besser schenken. Zentraler Erfolgsfaktor seien die richtigen Menschen, so Dohrmann. „Gute Leute erschaffen plan- und wiederholbar Außergewöhnliches. Die Idee ist da manchmal schon fast zweitrangig.“

Start ups im Konzern aufzusetzen, sei durchaus von Vorteil. „Das Unternehmertum steht im Fokus, nicht das Geldsammeln.“ Ideen könnten oft länger reifen und auch komplexe Ansätze eher umgesetzt werden. Anders als bei freien Start-ups sei im Konzern allerdings kein schneller Reichtum drin, sagt Dohrmann. „Aber ein optimales Betätigungsfeld für junge Menschen auf der Suche nach einem bedeutungsvollen Tun.“

DSC08081

„Kein Wachstum wäre ruinös für unsere Gesellschaft“, so Simonetta Carbonaro. „Ohne Wachstum würde unsere Motivation, unsere Kreativität und unser Erfindungsgeist schrumpfen. Wachsen heißt sich weiterentwickeln, sich zu verändern.“ Die vorherrschende Wachsumsideologie hat aber leider nur zur Zuvielisation geführt, mit allen bekannten negativen sozialen und ökologischen Begleiterscheinungen. „Wir brauchen ein gutes, ein sauberes, ein faires Wachstum“, so die Konsumforscherin. „Statt von ‚wachsen‘, sollten wir lieber von ‚blühen‘ sprechen.“

Carbonaro hat eine Reihe von Konsumtrends ausgemacht. Etwa die Entwicklung vom Ich zum Wir: „Der Individualismus hat sich zu einem narzisstischen Egoismus entwickelt.“ Die Gegenbewegung sei die „Religion der Verbundenheit“, wie sie in sozialen Netzwerken, in Geschäftsmodellen der sharing economy oder in Initiativen wie H&Ms „Close the Loop“ Recycling-Projekt zum Ausdruck komme.

Auch gelte im Konsum zunehmend mehr Sein als Schein oder Haben. Entscheidend für immer mehr Menschen sei der Zugang zu und nicht mehr der Besitz an materiellen Gütern. Statt sich ein Auto zu kaufen, nutzen die Menschen Car Sharing – Hauptsache mobil. Carbonaro hat außerdem ein neues Qualitätsbewußtsein ausgemacht: Bei dem neuen Bedürfnis nach Exzellenz gehe es nicht um teuren Luxus, sondern um ökologisch, ethische und schöne Produkte. Nicht dass zwanghaft distinguierte, sondern die außerordentliche Normalität. In die gleiche Richtung geht der Essentialismus: Die Konzentration auf das Wesentliche, auf das perfekt genug. So wie Ikea oder Motel One, erklärt Carbonaro: preiswert, sicher, gut, sauber, fair. Nicht die beste Lösung, aber eine ideale.

DSC08077

Gesucht würden zudem Produkte, die das sind, was sie sind und nichts anderes vorgeben zu sein. Carbonaro mag das Wort „Authentizität“ ungern in den Mund nehmen. „Warum sprechen immer alle von Authentizität? Wahrscheinlich weil wir keine Authentizität in uns tragen.“ Gemeint ist das zunehmende Mißtrauen vieler Konsumenten gegenüber Fake und den Scheinwelten des Marketing. Kommunikation und Design sollten die Sprache der Markenführung sein, meint Carbonaro, nicht mehr nur das Instrument im letzten Glied der Wertschöpfungskette. Das klassische mechanistische Marketing ist für Carbonaro ohnehin ein Auslaufmodell. Stattdessen predigt sie einen humanistischen Zugang. Marketing bedeute heute für Unternehmen, sich als Teil der Gesellschaft zu verhalten und an der Verbesserung der Welt zu arbeiten.

Ein zentraler Wert für Unternehmen und Marken sei Anstand, so Carbonaro. Es gehe darum, die Konsumenten ernst zu nehmen. „Die Menschen wollen Taten, keine leeren Worte.“

NoPhone

Das No-Phone: Ohne Bluetooth, garantiert batteriefrei, keine lästige Fotografiererei, und keine störenden Mails oder Anrufe. Liegt gut in der Hand. Und kostet nur 12 Dollar. Kann man hier bestellen.

Und hier gibt’s jede Menge Bilder von der 64. Internationalen Handelstagung am GDI.

profashionals

Mehr als 20 Jahre journalistische Arbeit bei der TextilWirtschaft. Als Redakteur, Korrespondent, Business-Ressortleiter. Chefredakteur von 2006 bis 2011. Die TextilWirtschaft ist das führende Medium für das Modebusiness im deutschsprachigen Europa. Seit Januar 2012 Managing Partner der Personalberatung Hartmann Consultants

Was ist Deine Meinung dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s