We will survive!

Jeroen van Rooijen erklärt, warum Einzelhändler sich jetzt nicht entmutigen lassen sollten.
Jero­en van Rooijen

Man könn­te hys­te­ri­sche Heul­krämp­fe bekom­men: Der sta­tio­nä­re Han­del muss aber­mals dicht machen, wäh­rend die Super­märk­te und die Online-Ver­sen­der erneut von der Gunst der Stun­de pro­fi­tie­ren. Just vor Weih­nach­ten! Soweit, so schräg. Doch die­se irre Zeit der pan­de­mi­schen Ver­wer­fung hat uns auch gelehrt: Es kann mor­gen schon wie­der anders sein. Und an die­ser Hoff­nung soll­te man sich jetzt erbauen.

Hieß es bis vor kur­zem nicht über­all und allent­hal­ben, man müs­se in gas­tro­no­mi­sche Erleb­nis­se inves­tie­ren, um den Kun­den mehr als nur das Ver­gnü­gen des Pro­dukt-Erwerbs zu bie­ten? Cafés statt Rega­le? Nun gut… wer die­sen Weg gegan­gen ist, steht jetzt dop­pelt am Berg. Also, lie­be Ein­zel­händ­ler, bleibt bei Euren Stär­ken und behal­tet die Nerven.

Der sta­tio­nä­re Han­del wird sein Come­back haben. Weil Läden nicht nur der Befrie­di­gung eines Beschaf­fungs-Impul­ses die­nen, son­dern dar­über hin­aus sozia­le Orte der Begeg­nung, des Erle­bens und der Hori­zont­er­wei­tung sind. Im Netz fin­det man das, was man nicht kann­te, in der Regel nicht – weil man ja nicht danach sucht. Im Laden kann genau das pas­sie­ren: Man sieht etwas, von dem man bis­her nicht wuss­te, dass man es haben muss. Man lebt und erlebt.

Um nach dem (hof­fent­lich ziel­füh­ren­den) Shut­down ein glor­rei­ches Come­back zu fei­ern, soll­te der sta­tio­nä­re Han­del sich sei­ner Vor­tei­le bewusst wer­den. Denn ein Laden hat vie­les zu bie­ten, das ein rei­ner Online-Shop nicht hat.

Schau­fens­ter: Die Läden mögen zwar geschlos­sen sein, die Leu­te gehen trotz­dem raus und an ihnen vor­bei. Ein Schau­fens­ter spricht auch dann zu den Men­schen, wenn sie es nicht erwar­ten. Die­se «Visi­ten­kar­te» bit­te jetzt so beherzt wie nur mög­lich pfle­gen – um Rabat­te geht es ja nun nicht, son­dern um: Hoff­nung. Insze­nie­ren Sie jetzt eine Bot­schaft für die Zukunft – die Pas­san­ten wer­den es Ihnen danken.

Kon­text: Bil­den Sie Ban­den! Der sta­tio­nä­re Han­del hat nur Zukunft, wenn er am glei­chen Strick zieht. Wenn er Com­mu­nities bil­det. Soli­da­ri­sie­ren Sie sich mit Ihren Nach­barn und Ihrer Stra­ße, insze­nie­ren Sie mit die­sen eine gemein­sa­me Bot­schaft. Jedes Quar­tier hat sei­ne Sto­ries, sei­ne Stär­ken, sei­ne Anzie­hungs­kraft. Nut­zen Sie die die umsatz­freie Zeit, um sich zu soli­da­ri­sie­ren, ver­bin­den und kontextualisieren.

Men­schen: War­um wer­den die Leu­te im Lock­down die Läden ver­mis­sen? Nicht der dicken Luft, der engen Kabi­nen und des schlech­ten Lichts wegen! Wohl aber wird jetzt, wo nur noch abge­holt oder online ein­ge­kauft wird, der «human touch» bit­ter feh­len. Gro­ßes Kapi­tal für die Zukunft! Bil­den Sie Ihre Leu­te wei­ter, arbei­ten Sie am Mind­set, schaf­fen Sie eine Kul­tur des mensch­li­chen Mit­ein­an­ders. Es wird sich dann aus­zah­len, wenn die Türen wie­der offen sind.

Sinn­li­che Erleb­nis­se: Ein­kau­fen ist längst nicht mehr nur Bedürf­nis­be­frie­di­gung oder Beschaf­fung von Not­wen­dig­kei­ten. Es ist ein Stück Zivi­li­sa­ti­on, Frei­zeit­kul­tur und Lebens­art. Im sta­tio­nä­ren Han­del kau­fen die Men­schen mit allen Sin­nen. Berei­ten Sie sich jetzt dar­auf vor, dass Ihr Laden im Früh­ling gut aus­sieht, gut klingt, gut riecht und sich gut anfühlt. Wer die Sin­ne der Men­schen berührt, hat einen enor­men Vor­teil gegen­über jenen, die nur auf Klicks hoffen.

Con­ve­ni­en­ce: Wir hal­ten uns über Was­ser, indem wir alle ver­su­chen, klei­ne Ama­zons zu sein: Schnel­le Voll­stre­cker von Online-Bestel­lun­gen. Doch sei­en wir ehr­lich: Nichts ist so bequem, schnell und easy wie der Ein­kauf im Laden. Kei­ne Lie­fer­schei­ne, kei­ne Ver­sand­be­stä­ti­gun­gen, kei­ne Kar­tons, kein War­ten am Post­schal­ter. Ein­pa­cken, kas­sie­ren – und wei­ter: Das kann nur der sta­tio­nä­re Han­del. Berei­ten Sie sich dar­auf vor, die­sen Pro­zess mit moderns­ten Tre­sen, einem neu­en «Check-out» und mobi­len Kas­sen­sys­te­men so ent­spannt wie mög­lich zu machen.

Und jetzt bit­te alle singen:

It took all the strength I had not to fall apart,

kept try­ing hard to mend the pie­ces of my bro­ken heart

And I spent oh-so many nights just fee­ling sor­ry for myself

I used to cry, 

but now I hold my head up high

And you see me:

Some­bo­dy new!

I’m not that chai­ned-up litt­le per­son still in love with you

And so you felt like drop­ping in and just expect me to be free

Well, now I’m saving all my lovin’ for someo­ne who’s loving me

Glo­ria Gay­nor – I will sur­vi­ve (1978)

Jero­en van Rooi­jen betreibt mit sei­ner Frau in Zürich den Con­cept Store „Cabi­net“. Bit­te lesen Sie dazu auch Eine Lan­ze für den Ein­zel­han­del.