
Manche möchten es vielleicht nicht wahrhaben. Aber Modeprofis sind auch nur Menschen.
Als solcher wusste man am Wochenende gar nicht, wo man zuerst hinschauen sollte. Da füllten sich die Social Media Feeds mit Fotos und Reels von Demnas Gucci-Premiere, und zeitgleich waren überall Clips von Raketen und Bombardierungen in Iran und Israel. Die Mailänder Schauen am Wochenende – Ferragamo, Dolce & Gabbana, Bottega Veneta, Giorgio Armani – gingen medial unter. Wäre man Zyniker, würde man aus PR-Sicht von schlechtem Timing sprechen.
Angesichts von Tod und Leid erscheint es fast frivol, sich mit Modenschauen zu befassen. Aber es hilft ja nichts – this show must go on. Man muss traurigerweise zudem davon ausgehen, dass viele in den Chefetagen im Moment weniger an die Menschen im Iran denken als an die Folgen, die der Krieg für Konjunktur, Energiepreise, Lieferketten und damit für die Unternehmen, das Konsumklima und die Aktienkurse hat.
Apropos: Der Kurs von Kering ist am Montag erstmal um 6 Prozent abgesackt. Das lag mehr oder weniger im Trend der anderen Luxusaktien. Einer Bewertung durch die Börse konnte sich der Gucci-Designer damit unbeabsichtigt elegant entziehen.
Das Urteil der Fachwelt ist zwiegespalten. Wer Demna schon immer für überschätzt hielt, fand sein Gucci einen billigen Tom Ford-Abklatsch. Man war durch die KI-generierten Instagram-Posts, die vergangene Woche die Runde machten, bereits vorgewarnt.
BoF sah dagegen ehrfurchtsvoll "eine dringliche Meditation über Schönheit und Sex" und spürte 'Basic Instinct'-Vibes. Der Spiegel jubelte: "Der Tanga ist zurück"
Der Kreative selbst fand seine Arbeit auf keinen Fall retro, sondern "very Gucci, very Italy" – "Gina Lollobrigida im heutigen Kontext". Darauf muss man erstmal kommen. Wie dächte die 2023 verstorbene Diva darüber? Immerhin ist es Demna gelungen, Gucci-Großmeister Alessandro Michele endgültig vergessen zu machen. Der Valentino-Designer gratulierte seinem Nach-Nachfolger nach der Show überschwänglich, gemeinsam mit Donatella Versace.
Gibt Kerings Cash Cow Gucci mehr Milch, wenn jetzt Demna an den Zitzen zieht?
Die entscheidende Frage für Kering lautet nun: Gibt die Cash Cow Gucci mehr Milch, wenn jetzt Demna an den Zitzen zieht?
Die Luxusmarkt-Analysten von Bernstein sehen laut TW nach der Show in Mailand "mehr Licht als Schatten": 7,6 auf einer 10er-Skala. Das Urteil basiert angeblich auf einer KI-basierten Auswertung der Reaktionen im Netz. Künstliche Intelligenz als Ersatz für Modekritik – so weit ist es schon gekommen. 7,6, das ist indes genauso Wischiwaschi wie das, was die meisten Journalisten sich zu schreiben trauen, da Gucci ja mit Anzeigenentzug drohen könnte.
Aber was die Fachleute denken, ist im D2C-Kontext eh nicht wirklich relevant. Viel wichtiger ist, einen Hype um eine Marke zu erzeugen, der die KundInnen glauben lässt, dass sie modisch ganz vorne mitspielen. Und dazu greift Demna auf eine simple Rezeptur zurück, die seinerzeit schon Tom Ford für Gucci angerührt hat: Sex sells.