HR, PR, IR: Zalandos erster D&I‑Report

Jür­gen Müller

Die­ser Novem­ber ist bit­ter. Der Wel­len­bre­cher-Lock­down drückt Fre­quen­zen und Umsät­ze uner­bitt­lich ins Minus. Mit der Faust in der Tasche spielt man beim Black Fri­day mit, obwohl man vor­her schon weiß, dass die­ser nur Mar­gen­ver­lus­te brin­gen wird. Jetzt muss der Han­del auch noch Mit­ar­bei­ter als Fre­quenz­zäh­ler am Ein­gang abstel­len. Es ist schlimm.

Im Mode­han­del kämp­fen zur­zeit nicht weni­ge ums Über­le­ben. Und was macht Zalan­do? Führt das Gen­der­stern­chen ein, ver­kauft Beau­ty­pro­duk­te in allen Haut­tö­nen, sorgt für behin­der­ten­ge­rech­te Web­sites und will 70 neue Mode­mar­ken lis­ten, die von schwar­zen Per­so­nen geführt wer­den. Haben die in Ber­lin denn sonst kei­ne Pro­ble­me? Bestimmt. Aber halt andere.

Man mag die Maß­nah­men, die Zalan­do gera­de in sei­nem ers­ten Diver­si­täts- und Inklu­si­ons­be­richt auf­lis­tet, im Ein­zel­fall albern fin­den. Die Kon­se­quenz und Pro­fes­sio­na­li­tät, mit der die The­ma­tik umfas­send ange­gan­gen wird, beein­druckt aber. Die Ernst­haf­tig­keit und Sorg­falt, die Zalan­do auf die­se vor­der­grün­dig fürs Geschäft nicht ent­schei­den­den The­men ver­wen­det, zeigt, wie mei­len­weit sich der Online Retailer von den Pro­ble­men abge­kop­pelt hat, die Mode­händ­ler ansons­ten so umtrei­ben. Kei­ne schlech­te Poin­te für ein Unter­neh­men, dem anfangs vie­le als Geld­ver­bren­nungs­ma­schi­ne kei­ne Zukunft gege­ben hat­ten. Nicht zuletzt doku­men­tiert das Manage­ment, dass Unter­neh­mens­kul­tur nicht etwas ist, das irgend­wie gewach­sen oder ein­fach da ist, son­dern ein nach­hal­tig wir­ken­der Erfolgs­fak­tor, den man aktiv zu gestal­ten gedenkt.

Zalan­do befin­det sich inter­na­tio­nal in guter Gesell­schaft. Ja, man hat fast den Ein­druck, dass es sich um ein aus­ge­spro­che­nes Mode-The­ma han­delt. Levi Strauss, Nike, Pra­da, Bur­ber­ry, Cha­nel – alle haben sie in den letz­ten Mona­ten Diver­si­ty & Inclu­si­on-Beauf­trag­te instal­liert, fast durch­gän­gig peop­le of color übri­gens. Auch Hugo Boss hat­te eine ent­spre­chen­de Stel­le aus­ge­schrie­ben. Nicht immer ist ganz klar, mit wel­chen Kom­pe­ten­zen die­se Posi­tio­nen aus­ge­stat­tet sind, und ob sie in der HR oder doch eher in der PR ange­sie­delt sind. Natür­lich geht es auch um Öffent­lich­keit, dar­um, sich bei Kun­den und Beschäf­tig­ten als ver­ant­wor­tungs­be­wußt und zeit­ge­mäß zu posi­tio­nie­ren. Angriffs­flä­chen zu mini­mie­ren ist für bör­sen­no­tier­te Unter­neh­men nicht zuletzt IR-rele­vant. Das hat das The­ma Diver­si­ty & Inclu­si­on übri­gens mit der Nach­hal­tig­keit gemein­sam, das für vie­le in der Indus­trie ent­ge­gen anders­lau­ten­den Bekennt­nis­sen kei­ne Her­zens­an­ge­le­gen­heit, son­dern in ers­ter Linie eine kos­ten­trei­ben­de ‚pain in the ass‘ ist.

Heu­te kann man sich damit noch pro­fi­lie­ren. Zalan­do nutzt die­se Chan­ce. Aber schon bald wer­den die Sicher­stel­lung von Viel­falt und Gleich­be­rech­ti­gung in Unter­neh­men sowie die sozia­le und öko­lo­gi­sche Ver­träg­lich­keit von Pro­duk­ten von Kun­den wie Mit­ar­bei­tern als selbst­ver­ständ­lich betrach­tet wer­den. Und – sofern die Poli­tik auf gesell­schaft­li­che Stim­mun­gen reagiert – in der einen oder ande­ren Form auch in staat­li­cher Regu­lie­rung mün­den. Das viel dis­ku­tier­te Lie­fer­ket­ten­ge­setz ist ein Bei­spiel. Die von der Regie­rung am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de auf den Weg gebrach­te Frau­en­quo­te ein weiteres.

Der nächs­te Zalan­do-Vor­stand wird so oder so mit hoher Wahr­schein­lich­keit eine Vor­stän­din sein. Die ers­te übri­gens in die­sem Gre­mi­um. Kei­ne guten Aus­sich­ten für die SVPs in der zwei­ten Rei­he, soweit sie mit einem Y‑Chromosom aus­ge­stat­tet sind: Die wer­den sich eine bal­di­ge Beför­de­rung wohl abschmin­ken können.

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Und sonst?

…ver­schiebt Frank­reich den Black Fri­day um eine Woche nach hin­ten. Dann sol­len die Läden auch wie­der geöff­net sein. Ama­zon zieht gnä­di­ger­wei­se mit.

…eröff­net am kom­men­den Mon­tag das “Kauf­haus Öster­reich”. Die­se Initia­ti­ve der Wirt­schafts­kam­mer wird in den Medi­en bereits zum Anti-Ama­zon hoch­ge­jazzt. Was wohl zuviel der Ehre ist für die­ses mit Steu­er­mit­teln finan­zier­te bes­se­re Adressverzeichnis.

…schließt Aber­crom­bie sei­ne Flagships in Mün­chen, Lon­don und Paris. Jetzt erst?

…will Mythe­re­sa in den USA an die Bör­se gehen. Dass die­ses Unter­neh­men eines Tages mal an der Wall Street notiert sein könn­te, hät­ten Susan­ne und Chris­toph Bot­schen im Leben nicht gedacht, als sie ihren Laden 1987 in der Münch­ner Fuß­gän­ger­zo­ne eröffneten.

…über­bie­ten sich die Desi­gner in krea­ti­ven Schau­en-Alter­na­ti­ven. Nach Jere­my Scotts Pup­pen­show und Ales­san­dro Miche­les Film­fest­spie­len setzt Dem­na Gva­sa­lia für Balen­cia­ga auf ein Video­spiel. Ein Ego Shoo­ter, aller­dings wohl kaum für Schnäppchenjäger.