„Die Krise einer Idee“

x32Samstag, 25. Juli. „Wir wollen keine monolithische Innenstadt, die nur für den Handel da ist“, zitiert der Spiegel Stefan Genth. Die Corona-Krise sei die „größte Chance für den Innenstadtumbau seit dem Zweiten Weltkrieg“, so der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands HDE.

Das sind schon bemerkenswerte Töne für einen Vertreter der Handels-Lobby. Unternehmerverbände gehören naturgemäß nicht zu den progressivsten Kräften im Land, sie sind ihren Mitgliedern verpflichtet, und die sind strukturell konservativ. Man erinnere nur an den jahrzehntelangen Kampf der Branche gegen Änderungen des Ladenschlussgesetzes. Dieses war stets auch ein Versandhändlerschutzgesetz; die engen und starren Ladenöffnungszeiten in Deutschland haben den Distanzhandel begünstigt, was so lange koexistent funktionierte, bis E-Commerce die Bequemlichkeit des Bestellens mit der Flexibilität von Retail und der Reichweite des Internets zusammenbrachte. Inzwischen gelten die Digitalen manchem als die eigentliche Zukunft des Einzelhandels. Seit diesem Jahr ist auch Amazon Mitglied im HDE.

Schon der Einkaufszentren-Boom hat viele Innenstädte unter Druck gesetzt. Das Wachstum der Digitalen deckt die Flächenüberkapazitäten nun gnadenlos auf. Corona hat auch diese Entwicklung letztlich nur beschleunigt. Der HDE rechnet durch den Lockdown in diesem Jahr mit 40 Milliarden Euro Umsatzverlust und Tausenden Geschäftsaufgaben im Nonfood-Handel. Der Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA schätzt, dass 70.000 Betriebe schließen werden müssen. Die offizielle Mitteilung des HDE klingt denn auch etwas weniger konziliant als der Hauptgeschäftsführer im Spiegel: „Angesichts vielerorts verödender Innenstädte fordert der Handelsverband Deutschland (HDE) die Einrichtung eines Innenstadtfonds, um die Stadtzentren zu unterstützen. Die Mittel in Höhe von 500 Millionen Euro sollten genutzt werden, um die aktuelle Lage der Innenstädte zu analysieren und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um den Niedergang vieler Zentren aufzuhalten.“

Der Spiegel formuliert es sehr treffend: „Was sich da abzeichnet, ist nicht die Krise einer Branche; es ist die Krise einer Idee.“ Nämlich unserer europäischen Vorstellung, dass Innenstadt und Handel zusammengehören, und die Geschäfte die Identität einer Stadt mit prägen.

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Freitag, 31. Juli. Was früher der Marktplatz war, ist heute der Marketplace. Rund zwei Drittel des Umsatzes auf Amazon.de (65,1%) machten in der Lockdown-Phase von März bis Mai unabhängige Verkaufspartner, vier Punkte mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Amazon ist als Händler auf dem Rückzug – allerdings nur gemessen am Anteil an den Konzernerlösen: Das eigene Handelsgeschäft ist im 2. Quartal um 48% gewachsen.

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Profashionals schaltet wie stets im August für einige Wochen auf Sommerprogramm um. Und wünscht eine schöne Urlaubszeit!

 

profashionals

Mehr als 20 Jahre journalistische Arbeit bei der TextilWirtschaft. Als Redakteur, Korrespondent, Business-Ressortleiter. Chefredakteur von 2006 bis 2011. Die TextilWirtschaft ist das führende Medium für das Modebusiness im deutschsprachigen Europa. Seit 2012 selbstständig in der Personalberatung. 2016 Gründer von SUITS. Executive Search.

Eine Antwort auf „„Die Krise einer Idee“

  1. „Die Krise einer Idee“
    Das Problem sind die Verantwortlichen in den Behörden die ideenlos sind und denen jede Kreativität abgeht. Schon sehr lange stehen in unseren Innenstädten viele Tausend Quadratmeter in bester Lage leer. Meist ab dem 2. oder 3. Stock eines Hauses, je höher je leerer. Bisher hat das keinen gestört, den Vermieter nicht der mit der Vermietung im Erdgeschoss genügend Einnahmen generiert hat und die städtischen Behörden hat es ebenfalls nicht interessiert. Langsam wird es zu spät dieses Thema zu bearbeiten – verödete Innenstädte so wie es das vielfach in der USA gibt drohen nun auch in Deutschland. Ob es dann noch Hipp ist in der Stadt zu wohnen – mal sehen.

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