
Ist das jetzt die große Revolution, die das Geschäft für immer verändert? Wenn man den aufgeregten Content Creators folgt, dann hat an diesem Montag eine neue Ära begonnen: "Oh my god, Leute – jetzt werdet Ihr alle rich!" TikTok-Shop ist da. Und damit der wohl relevanteste Versuch, Social Commerce auch in Deutschland zu etablieren.
Das mediale Begleitkonzert ist entsprechend laut: "Die Gen Z entdeckt das Teleshopping", schreibt der Spiegel. Die Wirtschaftswoche stellt eine Volontärin für den kompletten Starttag auf TikTok ab. "Wie QVC auf Speed", so ihr Fazit. BILD spricht vom Risiko TikTok-Shop und gibt Tipps, "wie Sie Ihr Kind schützen". Gerrit Heinemann spricht im Spiegel vom nächsten Amazon und warnt zugleich vor gefährlichen Abhängigkeiten. Digitalexperte Alexander Graf rechnet damit, dass TikTok in zwei Jahren in die Top5 der deutschen Onlineshops aufsteigt.
Tatsächlich entsteht auf TikTok ein neues Ökosystem fürs Verkaufen. Das wird neue Anbieter hervorbringen, die unter dem Radar der Branche Millionen scheffeln werden, bis sie dann auf der Suche nach Wachstum mit den Etablierten ins Geschäft kommen werden wollen. So wie der einstige Amazon-Seller Snocks. Mit TikTok sinkt die Markteintrittsschwelle auf nahezu Null. Man kann als User zum Händler werden, ohne selbst Produkte zu besitzen. Die holt man sich bei einem der vielen No Name-Produzenten und Dienstleistern. Das Medium wird zum neuen User Interface für chinesische und sonstige Hersteller und damit auch zu einer relevanten Konkurrenz für Temu & Co. Anders als bei den etablierten Online Retailern mit ihren statischen Produktkatalogen geht es auf TikTok ums Entdecken von Neuem und Stimulieren von Konsumwünschen, von denen man zuvor gar nicht wusste, dass man sie hat. Das Geld, das hier ausgegeben wird, fehlt dann aber in allen anderen Kassen.
Inwieweit der Kanal auch für Modemarken relevant ist, ist noch nicht raus. Zum Start war von den großen Playern lediglich AboutYou dabei. Bei den Live Shows war jedes Mal lediglich eine zweistellige Zahl von Usern zugeschaltet, wie mehrere spontane "Store Checks" zeigten. Bei über 24 Millionen TikTok-Usern in Deutschland ist das wohl eher enttäuschend. Das muss aber noch nichts heißen. Auch Teleshopping nehmen viele in der Branche bis heute nicht ernst, während Designer wie Thomas Rath dort Millionen scheffeln.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich TikTok als Kanal für Spontankäufe, Schnäppchen und Alltagshelferlein etablieren. Wir werden sehen. Dass man den Kanal als Händler ernst zu nehmen hat, zeigt das Kaufinteresse von Amazon. Der Online-Riese möchte Medienberichten zufolge die US-Aktivitäten von TikTok übernehmen, die die Biden-Regierung dichtzumachen verfügt hat. Mag sein, dass Donald Trump das Gesetz allein deswegen vorübergehend ausgesetzt hat. Aber Jeff Bezos wird das Geschäft bestimmt nicht nur angehen, um seinem neuen Buddy einen Gefallen zu tun.
Womit wir beim zweiten großen Thema dieser Woche wären, das definitiv Auswirkungen auf die Geschäfte haben wird: Die Zollpolitik des US-Präsidenten trifft das dortige Modebusiness ins Mark. 98% der Bekleidung in den USA wird importiert. Die Verbraucher werden sich auf höhere Preise und die Einzelhändler auf eine rückläufige Nachfrage einstellen müssen. Trumps Protektionismus wird sich als wirtschaftliches Harakiri erweisen.
Die deutschen Bekleidungs-Exporteure wird das, von Ausnahmen abgesehen, weniger tangieren. In die USA gehen laut German Fashion lediglich 1,4% der deutschen Bekleidungsexporte. Anders ist es bei Sportartikeln. Die Kurse von Adidas & Co sind prompt eingebrochen. Der von Trump ohne Sinn und Verstand vom Zaun gebrochene Handelskonflikt ist grundsätzlich Gift für eine Branche wie die Bekleidungsindustrie, die wie wenig andere global aufgestellt ist. Wenn alles so kommt, wie es heute aussieht, werden weitere Kostensteigerungen unvermeidlich sein. Ganz generell braucht die exportabhängige deutsche Wirtschaft einen Handelskrieg wie einen Kropf. Die Unternehmen, allen voran die Automobilhersteller, stehen auch so schon unter Druck. Wenn die Industrie Arbeitsplätze abbaut, wird auch das Konsumklima leiden.
Umso mehr kommt es jetzt auf die nächste Bundesregierung an. Es braucht Strukturreformen und niedrigere Steuern für Unternehmen – einen großen Wurf. Der Appell der 100 Wirtschaftsverbände vorgestern findet in den Koalitionsverhandlungen hoffentlich Gehör.