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Großer Wurf?

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Jür­gen Mül­ler

Ist das jetzt die gro­ße Revo­lu­ti­on, die das Geschäft für immer ver­än­dert? Wenn man den auf­ge­reg­ten Con­tent Crea­tors folgt, dann hat an die­sem Mon­tag eine neue Ära begon­nen: "Oh my god, Leu­te – jetzt wer­det Ihr alle rich!" Tik­Tok-Shop ist da. Und damit der wohl rele­van­tes­te Ver­such, Social Com­mer­ce auch in Deutsch­land zu eta­blie­ren.

Das media­le Begleit­kon­zert ist ent­spre­chend laut: "Die Gen Z ent­deckt das Tele­shop­ping", schreibt der Spie­gel. Die Wirt­schafts­woche stellt eine Volon­tä­rin für den kom­plet­ten Start­tag auf Tik­Tok ab. "Wie QVC auf Speed", so ihr Fazit. BILD spricht vom Risi­ko Tik­Tok-Shop und gibt Tipps, "wie Sie Ihr Kind schüt­zen". Ger­rit Hei­ne­mann spricht im Spie­gel vom nächs­ten Ama­zon und warnt zugleich vor gefähr­li­chen Abhän­gig­kei­ten. Digi­tal­ex­per­te Alex­an­der Graf rech­net damit, dass Tik­Tok in zwei Jah­ren in die Top5 der deut­schen Online­shops auf­steigt.

Tat­säch­lich ent­steht auf Tik­Tok ein neu­es Öko­sys­tem fürs Ver­kau­fen. Das wird neue Anbie­ter her­vor­brin­gen, die unter dem Radar der Bran­che Mil­lio­nen schef­feln wer­den, bis sie dann auf der Suche nach Wachs­tum mit den Eta­blier­ten ins Geschäft kom­men wer­den wol­len. So wie der eins­ti­ge Ama­zon-Sel­ler Snocks. Mit Tik­Tok sinkt die Markt­ein­tritts­schwel­le auf nahe­zu Null. Man kann als User zum Händ­ler wer­den, ohne selbst Pro­duk­te zu besit­zen. Die holt man sich bei einem der vie­len No Name-Pro­du­zen­ten und Dienst­leis­tern. Das Medi­um wird zum neu­en User Inter­face für chi­ne­si­sche und sons­ti­ge Her­stel­ler und damit auch zu einer rele­van­ten Kon­kur­renz für Temu & Co. Anders als bei den eta­blier­ten Online Retail­ern mit ihren sta­ti­schen Pro­dukt­ka­ta­lo­gen geht es auf Tik­Tok ums Ent­de­cken von Neu­em und Sti­mu­lie­ren von Kon­sum­wün­schen, von denen man zuvor gar nicht wuss­te, dass man sie hat. Das Geld, das hier aus­ge­ge­ben wird, fehlt dann aber in allen ande­ren Kas­sen.

Inwie­weit der Kanal auch für Mode­mar­ken rele­vant ist, ist noch nicht raus. Zum Start war von den gro­ßen Play­ern ledig­lich Abou­tY­ou dabei. Bei den Live Shows war jedes Mal ledig­lich eine zwei­stel­li­ge Zahl von Usern zuge­schal­tet, wie meh­re­re spon­ta­ne "Store Checks" zeig­ten. Bei über 24 Mil­lio­nen Tik­Tok-Usern in Deutsch­land ist das wohl eher ent­täu­schend. Das muss aber noch nichts hei­ßen. Auch Tele­shop­ping neh­men vie­le in der Branche bis heu­te nicht ernst, wäh­rend Desi­gner wie Tho­mas Rath dort Mil­lio­nen schef­feln.

Mit hoher Wahr­schein­lich­keit wird sich Tik­Tok als Kanal für Spon­tan­käu­fe, Schnäpp­chen und All­tags­hel­fer­lein eta­blie­ren. Wir wer­den sehen. Dass man den Kanal als Händ­ler ernst zu neh­men hat, zeigt das Kauf­in­ter­es­se von Ama­zon. Der Online-Rie­se möch­te Medi­en­be­rich­ten zufol­ge die US-Akti­vi­tä­ten von Tik­Tok über­neh­men, die die Biden-Regie­rung dicht­zu­ma­chen ver­fügt hat. Mag sein, dass Donald Trump das Gesetz allein des­we­gen vor­über­ge­hend aus­ge­setzt hat. Aber Jeff Bezos wird das Geschäft bestimmt nicht nur ange­hen, um sei­nem neu­en Bud­dy einen Gefal­len zu tun.

Womit wir beim zwei­ten gro­ßen The­ma die­ser Woche wären, das defi­ni­tiv Aus­wir­kun­gen auf die Geschäf­te haben wird: Die Zoll­po­li­tik des US-Prä­si­den­ten trifft das dor­ti­ge Mode­busi­ness ins Mark. 98% der Beklei­dung in den USA wird impor­tiert. Die Ver­brau­cher wer­den sich auf höhe­re Prei­se und die Ein­zel­händ­ler auf eine rück­läu­fi­ge Nach­fra­ge ein­stel­len müs­sen. Trumps Pro­tek­tio­nis­mus wird sich als wirt­schaft­li­ches Hara­ki­ri erwei­sen.

Die deut­schen Beklei­dungs-Expor­teu­re wird das, von Aus­nah­men abge­se­hen, weni­ger tan­gie­ren. In die USA gehen laut Ger­man Fashion ledig­lich 1,4% der deut­schen Beklei­dungs­expor­te. Anders ist es bei Sport­ar­ti­keln. Die Kur­se von Adi­das & Co sind prompt ein­ge­bro­chen. Der von Trump ohne Sinn und Ver­stand vom Zaun gebro­che­ne Han­dels­kon­flikt ist grund­sätz­lich Gift für eine Bran­che wie die Beklei­dungs­in­dus­trie, die wie wenig ande­re glo­bal auf­ge­stellt ist. Wenn alles so kommt, wie es heu­te aus­sieht, wer­den wei­te­re Kos­ten­stei­ge­run­gen unver­meid­lich sein. Ganz gene­rell braucht die export­ab­hän­gi­ge deut­sche Wirt­schaft einen Han­dels­krieg wie einen Kropf. Die Unter­neh­men, allen vor­an die Auto­mo­bil­her­stel­ler, ste­hen auch so schon unter Druck. Wenn die Indus­trie Arbeits­plät­ze abbaut, wird auch das Kon­sum­kli­ma lei­den.

Umso mehr kommt es jetzt auf die nächs­te Bun­des­re­gie­rung an. Es braucht Struk­tur­re­for­men und nied­ri­ge­re Steu­ern für Unter­neh­men – einen gro­ßen Wurf. Der Appell der 100 Wirt­schafts­ver­bän­de vor­ges­tern fin­det in den Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen hof­fent­lich Gehör.

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