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Schluss in Passau

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Jür­gen Mül­ler

Es ist eine Wei­le her, dass der Inha­ber unse­rer Rei­ni­gung sich beklag­te, dass er mich kaum noch sieht. Und es stimmt: Gab ich frü­her alle zwei Wochen einen Sta­pel Hem­den zum Waschen und Bügeln, bin ich jetzt nur noch alle zwei Mona­te dort.

Anders als frü­her muss man auch nicht mehr war­ten, bis die drei Kun­den vor einem abge­fer­tigt sind. Der Chef hat jetzt Zeit. Die nutzt er, um mir sei­ne neu­es­ten Erfin­dun­gen vor­zu­füh­ren. Wie zum Bei­spiel die­sen revo­lu­tio­nä­ren, nie dage­we­se­nen Klo­pa­pier­hal­ter… Aber ich schwei­fe ab.

Ich tra­ge ein­fach nicht mehr so häu­fig ein Hemd. Und ich bin nicht der Ein­zi­ge. Und das auch nicht erst seit Ges­tern. Die Sili­con Val­ley-Boys zeig­ten, dass es kei­nen Anzug braucht, um Mil­li­ar­den zu machen. Zugleich wis­sen wir inzwi­schen, dass auch Kra­wat­ten­tra­gen nicht vor Ver­sa­gen (Stich­wort: Finanz­kri­se) oder Ver­bre­chen (Stich­wort: Cum-Ex) schützt. DAX-Vor­stän­de zei­gen sich im Mana­ger-Maga­zin heu­te nicht mehr mit Bin­der, son­dern im T‑Shirt zum Anzug, ger­ne mit Snea­k­ern. Die Schu­he machen den Unter­schied: Der Snea­k­er ist die neue Kra­wat­te.

Die­se Casua­li­sie­rung hat lan­ge vor Coro­na ein­ge­setzt. Die Pan­de­mie hat sie nur beschleu­nigt. Die Ange­stell­ten mach­ten es sich im Home­of­fice bequem. Wenn es jetzt vie­ler­orts 'Zurück ins Büro' heißt, wird der locke­re Look bei­be­hal­ten.

Es sieht nicht so aus, als wer­de sich die­ser Trend in nächs­ter Zeit umkeh­ren. Wenn über­haupt jemals. Alle, die mit Hem­den Geld ver­die­nen, wer­den sich dar­auf ein­stel­len müs­sen. Wer in die­sem Markt wach­sen will, muss auf Ver­drän­gung set­zen oder sein Ange­bot diver­si­fi­zie­ren.

So weit, so bekannt. Das Aus für Eter­na ist natür­lich auch vor die­sem Hin­ter­grund zu sehen. Wie immer, wenn eine Mar­ke abschmiert, ver­gie­ßen die Ein­käu­fer auch in die­sem Fall Kro­ko­dils­trä­nen. Sie hät­ten ja mehr Eter­na ordern kön­nen, um den Weg­fall ihres zweit­wich­tigs­ten Hem­den­lie­fe­ran­ten zu ver­hin­dern. Und das Gere­de, ein Anbie­ter sei uner­setz­bar, spricht allen­falls für Unin­for­miert­heit, wenn nicht gar für eine gewis­se Brä­sig­keit. Es gibt genug Alter­na­ti­ven am Markt.

Dass die­ser Markt zur­zeit beson­ders anspruchs­voll ist und das Kon­su­men­ten­ver­hal­ten sich fun­da­men­tal geän­dert hat, ist im Fall von Eter­na aller­dings nur die hal­be Wahr­heit. Das 1863 in Wien gegrün­de­te Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­men ist auch ein Opfer von Finanz­in­ves­to­ren.

Eterna verschwindet womöglich trotz allem nicht vom Markt. Für die Markenrechte soll sich ein Käufer gefunden haben.

Es begann 2006 mit der Über­nah­me durch Qua­dri­ga und Alpha. Der Ahlers-Kon­zern hat­te den Pas­sau­er Hem­den­pro­du­zen­ten zehn Jah­re zuvor über­nom­men und nun für 120 Mil­lio­nen Euro wei­ter­ge­reicht, um, wie es damals hieß, in sei­ne bestehen­den Pre­mi­um­mar­ken wie Bal­dessa­ri­ni zu inves­tie­ren und sich für neue inter­na­tio­na­le Akqui­si­tio­nen zu wapp­nen. Aus bei­dem ist bekannt­lich nichts gewor­den. Die Ahlers AG ging 2023 plei­te.

Die neu­en Eigen­tü­mer buch­ten 90 Mil­lio­nen Schul­den auf die Eter­na-Bilanz. Fort­an ächz­te das Unter­neh­men unter der Zins­last, und es fehl­te das Kapi­tal, um den Hem­den­pro­du­zen­ten ope­ra­tiv vor­an­zu­brin­gen. Alpha ver­ab­schie­de­te sich 2013 aus dem Gesell­schaf­ter­kreis. Die Pan­de­mie macht Eter­na 2021 end­gül­tig zum Sanie­rungs­fall, in einem Sta­RUG-Ver­fah­ren befrei­te man sich von Schul­den. Finanz­in­ves­tor Robus trat als neu­er Gesell­schaf­ter ein, 2023 kam Gol­den Squa­re Capi­tal dazu.

Robus hat­te sich zuvor schon bei Bea­te Uhse und Lau­rèl als Toten­grä­ber betä­tigt und auch Hall­hu­ber und Ger­ry Weber über die Klip­pe sprin­gen las­sen. Ange­sichts die­ses trau­ri­gen track records kann es eigent­lich nie­man­den ver­wun­dern, dass es mit Eter­na eben­so gekom­men ist. Die Ver­mu­tung liegt nahe, dass es den Gesell­schaf­tern weni­ger um einen zukunfts­fä­hi­gen Betrieb als vor allem um die Abschöp­fung von Assets ging. Jetzt ist in Pas­sau Schluss. 280 Mit­ar­bei­ten­de ver­lie­ren ihre Arbeits­plät­ze. Eter­na ver­schwin­det womög­lich trotz allem nicht vom Markt. Für die Mar­ken­rech­te soll sich ein Käu­fer gefun­den haben.

2024 hat Robus übri­gens auch den Schmuck­her­stel­ler Amor über­nom­men, eben­falls im Zuge eines Sta­RUG-Ver­fah­rens. Das Manage­ment in Hanau hat nach kur­zer Zeit hin­ge­schmis­sen, ein neu­er CEO hat sich gefun­den. Man wird sehen, wie es dort jetzt wei­ter­geht.

Das Hem­den­ka­rus­sell in unse­rer Rei­ni­gung dreht sich der­weil wei­ter, wenn auch sel­te­ner. Der Chef (übri­gens ein ehe­ma­li­ger Mode­händ­ler) bie­tet inzwi­schen auch Ände­rungs­schnei­de­rei an. Die Klo­pa­pier­hal­ter haben es indes noch nicht zur Seri­en­rei­fe gebracht.

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