Passiert large

Angler bei Olympia. Coup für Zara. Exitus im Handel.

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Jür­gen Mül­ler

Es ist ja nicht so, dass sich nie­mand mehr für Klei­dung inter­es­siert. Und das nicht nur zu Kar­ne­val, wo die­ses Jahr angeb­lich Wed­nes­day Adams, Dis­co-Kos­tü­me und die Hexe Elphe­ba aus 'Wicked' ganz oben auf der Lis­te der belieb­tes­ten Kos­tü­me ste­hen. Mar­kus Söder hat sich für Bra­ve­he­art ent­schie­den, den schot­ti­schen Frei­heits­kämp­fer Wil­liam Wal­lace. Der war bekannt­lich am Ende ein Ver­lie­rer und wur­de im Jah­re 1305 wegen Hoch­ver­rats zum Tode durch Erhän­gen, Aus­wei­den und Vier­tei­len ver­ur­teilt. Es steht zu ver­mu­ten, dass der Kino­fan Söder eher Mel Gib­sons Hel­den­epos im Sinn hat­te.

Der Ang­ler taucht in den Kar­ne­vals-Top Ten nicht auf. Noch nicht. Denn Adi­das hat die­sem The­ma bei Olym­pia glo­ba­le Auf­merk­sam­keit ver­schafft. Regen­pon­cho und Ang­ler­hut sorg­ten tage­lang für hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen in Social Media. Sol­che Kri­tik ist nicht neu. Wir erin­nern uns an die bun­ten Jacken, in die Wil­ly Bogner "unse­re" Ath­le­ten alle vier Jah­re gezwun­gen hat, bis der DOSB die Zusam­men­ar­beit nach 80 Jah­ren 2014 been­det hat. Seit­her zahlt Adi­das. Man kann die Out­fits der deut­schen Olym­pio­ni­ken geschmack­los und miss­lun­gen fin­den. Von "natio­na­ler Selbst­ver­zwer­gung" zu spre­chen, wie es die Welt jetzt bei Pon­cho­ga­te getan hat, ist aber doch etwas arg dick auf­ge­tra­gen. Jörg Nowi­cki hat dazu auf Lin­ke­dIn die pas­sen­den Wor­te gefun­den. Dem ist nichts hin­zu­zu­fü­gen.

Modisch heiss dis­ku­tiert wur­de die­se Woche dann auch noch der Super Bowl, das Ame­ri­can Foot­ball-Fina­le, bei dem für die meis­ten Men­schen nicht das Spiel, son­dern die Halb­zeit­pau­se im Mit­tel­punkt zu ste­hen scheint. Die Adi­das-Snea­k­er, die Bad Bun­ny & Co an den Füs­sen tru­gen, spiel­ten dabei nur eine Neben­rol­le. Zara gelang ein Über­ra­schungs-Coup: eine Mode­mar­ke stiehlt der Sport­mar­ke beim angeb­lich größ­ten Sport­er­eig­nis der Welt die Show: wenn das kei­ne Zei­ten­wen­de ist!

Wer Kid Rock ausgestattet hat, ist nicht bekannt.

Für die Prot­ago­nis­ten ist es jeden­falls Win-win. Bad Bun­ny signa­li­siert mit dem Fast Fashion-Label "Ich bin einer von Euch". Wenn der Mega­star wie sei­ne Vor­gän­ger in Celi­ne Hom­me oder Dol­ce & Gab­ba­na auf­ge­tre­ten wäre, hät­te dies nicht halb so viel Auf­merk­sam­keit erzeugt. Zara bekam welt­weit Publi­ci­ty und kann sei­ne Mar­ke zudem kul­tu­rell auf­la­den. Bad Bun­ny steht nicht nur für Musik, son­dern auch für das libe­ra­le Ame­ri­ka. Wes­we­gen die MAGA-Dep­pen ihre eige­ne "All Ame­ri­can Halft­i­me Show" auf You­tube insze­nier­ten. Wer Kid Rock aus­ge­stat­tet hat, ist übri­gens nicht bekannt.

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Wäh­rend das Mar­ke­ting in San Fran­cis­co und Cor­ti­na d'Ampezzo schö­ne Bil­der pro­du­ziert, herrscht in den Nie­de­run­gen des Geschäfts hier­zu­lan­de Tris­tesse. BTE-Prä­si­dent Mark Rau­schen hat bei der Jah­res­pres­se­kon­fe­renz des Ver­bands eine trü­be Bilanz gezo­gen und einen pes­si­mis­ti­schen Aus­blick für 2026 gege­ben.

Mehr als die Hälf­te der Mode­händ­ler habe im ver­gan­ge­nen Jahr ope­ra­tiv Ver­lust gemacht. Der Umsatz sei nomi­nal zwar gewach­sen, infla­ti­ons­be­rei­nigt aber um 2 Pro­zent geschrumpft. Nur die Onli­ner konn­ten 4 Pro­zent zule­gen und haben jetzt einen Markt­an­teil von 28 Pro­zent. Mehr als dop­pelt so viel übri­gens, wie der Distanz­han­del in Vor-Inter­net-Zei­ten hat­te. Im Schuh­han­del sind die Zah­len sogar noch dra­ma­ti­scher, so Rau­schen. Laut Cre­dit­re­form gibt es im Tex­til­ein­zel­han­del mit 12.050 nur noch halb so vie­le Fir­men wie noch 2010. Ähn­lich das Bild im Schuh­han­del, wo in den ver­gan­ge­nen Jah­ren 2550 der sei­ner­zeit 5000 Unter­neh­men dicht­ge­macht haben. "Der Exitus unse­rer Bran­chen muss gestoppt wer­den", so Rau­schen.

Der BTE-Prä­si­dent sieht einer­seits die Poli­tik in der Pflicht, für kon­sum­freu­di­ge­re Rah­men­be­din­gun­gen zu sor­gen, ande­rer­seits aber auch die Unter­neh­men, an der eige­nen Fir­men­kon­junk­tur zu arbei­ten. Hand­lungs­fel­der lie­gen in der inter­nen Pro­zess­op­ti­mie­rung und ver­bes­ser­ten Waren­ma­nage­ment, in der Sicher­stel­lung von Bera­tung und der Schaf­fung von Ein­kaufs­er­leb­nis­sen, einer Ver­bes­se­rung der Zusam­men­ar­beit mit den Lie­fe­ran­ten sowie einem ver­stärk­ten Enga­ge­ment am Stand­ort.

"Ich würde meinen Kindern nicht mehr empfehlen, eine Ausbildung im klassischen E‑Commerce zu machen"

Kon­zen­tra­ti­on, Inter­na­tio­na­li­sie­rung, Ver­ti­ka­li­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung haben die Wett­be­werbs­si­tua­ti­on im Tex­til­ein­zel­han­del grund­le­gend ver­än­dert. In der Kon­sum­kri­se ver­schärft sich die Kon­kur­renz, und der Struk­tur­wan­del beschleu­nigt sich. Dar­auf müs­sen sich alle ein­stel­len, nicht nur die Sta­tio­nä­ren. Nur zwei Nach­rich­ten dazu aus die­ser Woche:

Ama­zon hat sei­ne Umsät­ze in Deutsch­land 2025 um 12 Pro­zent gestei­gert. Die 46 Mil­li­ar­den sind nicht alles Retail-Umsät­ze, aber es davon aus­zu­ge­hen, dass auch die Shop­ping-Platt­form im ver­gan­ge­nen Jahr trotz Kon­sum­kri­se Zuwäch­se ver­bucht hat. Geld, das das allen ande­ren in der Kas­se fehlt. Auf Ama­zon ent­fal­len bals zwei Drit­tel des gesam­ten Online-Ein­zel­han­dels in Deutsch­land.

Und mit Tik­Tok-Shop ist 2025 der nächs­te gro­ße Wett­be­wer­ber gestar­tet. Laut Exci­ting Com­mer­ce konn­te der Social Shop­ping-Anbie­ter sein GMV  im ver­gan­ge­nen Jahr welt­weit auf geschätz­te 64 Mil­li­ar­den Dol­lar ver­dop­peln. Wenn Tik­Tok-Shop auch in Deutsch­land Erfolg hat, geht das auch auf Kos­ten der Online Retail­er. "Ich wür­de mei­nen Kin­dern nicht mehr emp­feh­len, eine Aus­bil­dung im klas­si­schen E‑Commerce zu machen", schreibt Alex­an­der Graf in Kas­sen­zo­ne.

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