„I don't have to focus on inventing.“
Nein, das stammt aus keinem Silicon-Valley-Pitch für irgendeine beknackte neue App oder aus dem Bordbuch des nächsten Teslas. Diese Worte gab Demna Gvasalia über sein Gucci-Debüt zu Protokoll. Ich musste diesen Satz dreimal lesen. Der Chef eines der größten Modehäuser der Welt erklärt öffentlich, dass er nicht erfinden muss. Er hätte auch „Ich bin hier auf der Arbeit und nicht auf der Flucht“ sagen können. Seine Pre-Fall 2026? Eine Hommage an Tom Ford, Frida Giannini, Alessandro Michele, an George Gina, Lucy und ihre Mutter. Marketinggeschwurbel wie „Generation Gucci“ und die „imaginäre Show, die nie stattgefunden hat“ machten das Recycling mit Millionenbudget kaum besser. Was mich zurück zu der Frage führt: Braucht man dafür wirklich noch einen Kreativdirektor – oder reicht ein gut trainierter Midjourney-Prompt?
Das ist weniger zynisch, als es sich anhört. Schließlich erklärten in einer Umfrage aus dem Jahr 2024 stolze 73 Prozent der befragten Mode-Profis den Einsatz von generativer KI zur Priorität. Dementsprechend wird dem Markt für Fashion-AI bis 2034 ein Wachstum von jetzt 2,2 auf dann 60 Milliarden Dollar prognostiziert. Der Designer von morgen tippt vermutlich nur noch „Lieber Chatty, entwirf mal rasch eine minimalistische Handtasche für die Gen Z. Im Stil von Bottega Veneta, aber mit dem Sexappeal von Tom Ford.“ Klingt absurd? So in etwa scheint Herr Gvasalia seine Aufgabe angegangen zu sein. Noch allerdings manuell.
Das große Stühlerücken spricht ohnehin Bände: Jonathan Anderson übernimmt bei Dior, Matthieu Blazy zu Chanel, Sabato De Sarno fliegt nach zwei Jahren bei Gucci wieder raus. Da ist mehr Kontinuität in einer WhatsApp-Gruppe als in den Ateliers der Luxuslabel. Designer, das sind heute wohl eher kreative Söldner – angeheuert, wenn die Quartalszahlen einen „newness boost“ brauchen, gefeuert, wenn der Hype abebbt.
Und jetzt die unbequeme Wahrheit: Während über die letzten Jahre 50 Millionen Kunden laut Bain & Company dem Hochpreissegment ihren Rücken zugekehrt haben, legt der Markt für Influencer-Marketing jährlich mit bis zu 34 Prozent zu. Wer braucht hier eigentlich wen? Im Direct-to-Consumer-Segment geht die Rechnung bereits jetzt wunderbar auf: 6,50 Dollar Umsatz pro investiertem Marketing-Dollar, bei Top-Kampagnen über 20 Dollar. Bis zu 69 Prozent der Konsumenten vertrauen Influencern mehr als Marken.
Für die Luxushäuser sieht es komplizierter aus. Kering und LVMH tun sich schwer – trotz massiver Influencer-Kooperationen. Das Problem: Luxus lebt von Exklusivität, Influencer-Marketing von Reichweite. Ein Widerspruch, den bisher niemand wirklich elegant aufgelöst hat. Was die Konzerne dagegen kapiert haben: Sie müssen selbst zu Sendern werden. Kommunizieren wie Influencer – mit Taktung, Timing, Nahbarkeit.
Nun folgt, klar, dieser Einwand: Reichweite ist doch kein Ersatz fürs Design-Studium! Stimmt. Influencer mögen meist wenig Ahnung von Schneiderpuppen oder Fadendichte haben. Wobei auch nicht jeder traditionelle Modemedienmensch einen Knopf annähen kann. Dafür haben Insta Dudes und TikTok Girlies ein eingebautes Publikum. Macht sie das zu (besseren) Designern? Nein. Zu Blaupausen dafür, wie Modekommunikation heute funktioniert? Leider ja.
Wer nicht senden kann, wird nicht gehört, nicht entdeckt. Egal, wie gut die Naht sitzt.
Fragen Sie zehn Leute in der Fußgängerzone nach dem Creative Director von Chanel – neun wissen es nicht. Vermutlich eher zehn. Fragen Sie nach Chiara Ferragni – bei U40-Jährigen könnte da eine Antwort kommen. Maybe. Allerdings nicht mehr die, die sich Marken wünschen. Seit dem Pandoro-Skandal ist Ferragni vom Testimonial zur Warnung mutiert. Das Vertrauen, auf dem das Influencer-Modell basiert, ist so schnell verspielt wie aufgebaut. Plötzlich wird aus dem Reichweiten-Rockstar ein Reputations-Risiko.
Und genau hier, zwischen Archiv-Recycling und Influencer-Logik, geraten Designer in eine fiese Mühle. Zu kreativ fürs Quartalsdenken, zu langsam für den Algorithmus, zu anonym für die Fußgängerzone. Eingeklemmt zwischen Konzernen, die Archive plündern, und einer Aufmerksamkeitsökonomie, die Followerzahlen höher bewertet als Handschriften.
Demgegenüber haben Influencer – wir reden hier von den professionellen, fantasievollen, Scam-freien und nicht nervtötenden Vertretern dieses Berufsstandes – schlicht verstanden, was Marken und Macher erst lernen müssen: Mode wird nicht mehr von oben diktiert, sondern in Echtzeit verhandelt. Und dabei schlägt Nähe den Nimbus.
Die Antwort auf die Frage, was Design, was ein:e Designer:in noch wert ist, werden nicht die Privatschulen liefern, die oft weiterhin den Traum vom Atelier in Paris oder wenigstens in einem Neuköllner Hinterhaus verkaufen. Das wird der Markt tun, vor allem der im Netz. Bisher vernimmt man von dort: Wer nicht senden kann, wird nicht gehört, nicht entdeckt. Egal, wie gut die Naht sitzt.
Ein kleiner Trost: Auf YouTube macht seit Monaten die Theorie der „post peak influencer era" die Runde. Algorithmus-Burnout, Creator-Verdruss, ein Publikum, das immun wird gegen den Einfluss seiner online buddies und budettes. Und Chiara Ferragnis Absturz zeigt, wie rasch das Vertrauenskapital verplempert ist. Vielleicht dreht sich das Rad also noch einmal weiter. Bis dahin scheint zu gelten: Denk wie ein Influencer oder sieh’ zu, wo du bleibst.
Siems Luckwaldt berichtet seit 25 Jahren über die Luxus- und Lifestylebranche und interviewt deren prägende Köpfe. Bei Capital verantwortet er das Ressort Leben mit den Themen Mode, Uhren, Beauty, Design, Reise und Genuss. Zudem organisiert er seit 2018 den von ihm initiierten Capital Watch Award für die besten Uhren des Jahres.