Passiert large

Beschäftigte unter Druck

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Jür­gen Mül­ler

Ange­sichts der tris­ten Nach­rich­ten­la­ge wür­de man eine Kom­men­tie­rung am liebs­ten sein las­sen. Aber die Augen vor der Rea­li­tät zu ver­schlie­ßen, bringt einen ja nicht wei­ter.

Allein die­se Woche wie­der: Kik berei­nigt sein Fili­al­port­fo­lio, 50 Stand­or­te schlie­ßen. Zalan­do macht in Erfurt dicht und streicht 2700 Stel­len. Kahl­schlag bei Otto: Nach der zwei­ten Ent­las­sungs­wel­le wird sich der Ver­sen­der von 20% sei­ner 5000 Mit­ar­bei­ten­den getrennt haben. Und EY ver­öf­fent­licht eine Stu­die, nach der die deut­sche Tex­til- und Beklei­dungs­in­dus­trie heu­te über 16 Pro­zent weni­ger Beschäf­tig­te zählt als noch vor Coro­na.

Die Ursa­chen sind in jedem Fall ande­re. 50 Filia­len bei Kik klingt viel, bei ins­ge­samt 4300 Märk­ten rela­ti­viert sich die­se Zahl frei­lich. So eine Port­fo­lio­op­ti­mie­rung gehört in Fili­al­be­trie­ben zum Tages­ge­schäft. Dass der Dis­coun­ter nicht mehr so erfolg­reich unter­wegs ist wie einst, ist zugleich ein offe­nes Geheim­nis. Der Wett­be­werb im Bil­lig­preis­seg­ment ist knall­hart, und ein Action setzt neue Bench­marks. Kik-CEO Patrick Zahn wird jeden­falls nicht gegan­gen sein, weil in Bönen alles rund läuft.

Bei Otto regiert die neue Kon­zern-CEO Petra Scharner-Wolff offen­sicht­lich rigo­ro­ser als ihre Vor­gän­ger. Fast sieht es so aus, als habe man dem die­ser Tage in den Ruhe­stand ver­ab­schie­de­ten lang­jäh­ri­gen Otto-Chef Marc Opelt die Exe­ku­ti­on des Stel­len­ab­baus nicht mehr zumu­ten wol­len.

Zalan­do wie­der­um hat nach der Über­nah­me von About You ganz offen­sicht­lich Über­ka­pa­zi­tä­ten in der Logis­tik. Irgend­wo­her müs­sen die Syn­er­gien ja kom­men, die man den Ana­lys­ten ver­spro­chen hat. Mit dem Wider­stand der Erfur­ter, die zurecht empört auf die staat­li­chen Mil­lio­nen­sub­ven­tio­nen hin­wei­sen, die der Online-Rie­se für sei­ne Inves­ti­ti­on in Thü­rin­gen sei­ner­zeit erhal­ten hat, haben die erfolgs­ver­wöhn­ten Ber­li­ner wahr­schein­lich so nicht gerech­net. Das Geld, um ‚Emi­ly in Paris‘-Star Lily Coll­ins als Tes­ti­mo­ni­al zu ver­pflich­ten, ist aber anschei­nend noch vor­han­den.

Um die drei Unter­neh­men muss man sich indes kei­ne wirk­li­chen Sor­gen machen. Die Geschäfts­mo­del­le funk­tio­nie­ren. Natür­lich hän­gen die Spar­maß­nah­men mit der aktu­el­len Markt­si­tua­ti­on zusam­men. Auch wenn ein Arbeits­platz­ver­lust für die Betrof­fe­nen häu­fig eine Kata­stro­phe dar­stellt – aus Sicht der Unter­neh­men ist es umsich­ti­ges Kos­ten­ma­nage­ment. Vie­le Fir­men haben damit zunächst abge­war­tet, auch weil sie fürch­ten muss­ten, wegen des Fach­kräf­te­man­gels Stel­len nicht mehr so schnell beset­zen zu kön­nen, wenn der Markt wie­der dreht. Jetzt, wo es, wie es aus­sieht, erst­mal schwie­rig bleibt und über­all in der Wirt­schaft Arbeits­plät­ze abge­baut wer­den, wird gehan­delt.

Perspektivisch wird es so sein, dass in den Unternehmen weniger, aber besser qualifizierte und leistungsfähigere Menschen gebraucht werden. An jedem einzelnen Arbeitsplatz.

Es wird dabei ger­ne über­se­hen, dass es nicht nur die "klei­nen" Ange­stell­ten trifft, son­dern zugleich etli­che Mana­ger gehen müs­sen. Man­che Ent­schei­der suchen auch den Absprung, weil sie spü­ren, dass es für ihr Unter­neh­men eng wird, oder auch weil der Spaß an der Arbeit unter der aktu­el­len Druck­si­tua­ti­on lei­det. Unse­re Tele­fo­ne in der Per­so­nal­be­ra­tung klin­geln im Moment jeden­falls so häu­fig wie nie zuvor.

Es ist aus Sicht der Unter­neh­men wie aus Sicht der betrof­fe­nen Mana­ger eine heik­le Situa­ti­on. Denn wir haben es ja nicht nur mit einer kon­junk­tu­rel­len Del­le, son­dern mit einem struk­tu­rel­len Wan­del zu tun, der jetzt unter Druck beschleu­nigt abläuft. Neue Geschäfts­mo­del­le stel­len ande­re Anfor­de­run­gen. Die Arbeit eines AL/EKs im Fach­han­del hat mit der eines Ven­dor Mana­gers bei Ama­zon prak­tisch nichts zu tun. Ein Sales Direc­tor bei einer Who­le­sa­le Brand, der heu­te mit Hage­mey­er über einen Shop und mor­gen mit P&C über SMUs ver­han­delt, aber nicht weiß, was ein Zalan­do von ihm will und wie er mit dem Mar­ket­place-The­ma umge­hen soll, wird es schwer haben. Ein Mar­ke­ting-Chef, dem sei­ne jun­gen Mit­ar­bei­ter erklä­ren müs­sen, was in Tik­Tok ankommt und was crin­ge ist, und der statt­des­sen lie­ber wie eh und je nach Süd­afri­ka zum Shoo­ting fliegt (natür­lich „wegen des tol­len Lichts“), wird nicht mehr gebraucht. Und eine Show wie GNTM, die die Prin­zes­sin­nen- und neu­er­dings auch Prin­zen­träu­me jun­ger Men­schen aus­beu­tet, wird voll­ends zur Illu­si­on, wenn Models jetzt durch KI-gene­rier­te Schön­hei­ten abge­löst wer­den. Bleibt nur noch die Kar­rie­re auf Insta­gram. ‚Ger­ma­nys Next Top Influen­cer‘ braucht kein Pro Sie­ben, um Bekannt­heit auf­zu­bau­en.

Die Digi­ta­li­sie­rung hat vie­le Orga­ni­sa­tio­nen bereits mas­siv gestresst, nicht nur weil neue Play­er den Markt enger machen, son­dern auch weil digi­ta­le Tools ein ande­res Arbei­ten mit sich brin­gen. Mit KI rollt nun eine Wel­le her­an, deren Aus­wir­kun­gen noch gar nicht abzu­schät­zen sind und die wahr­schein­lich für jeden ein­zel­nen Arbeits­platz mehr oder weni­ger gro­ße Ver­än­de­run­gen brin­gen wird. Die Mode­leu­te sehen sich ja ger­ne als Inno­va­ti­ons­trei­ber, die ganz vor­ne mit­spie­len. Mit Tech­no­lo­gie tun sie sich indes häu­fig schwe­rer als ande­re Bran­chen. Hier liegt auch ein Grund, wes­halb digi­ta­le Geschäfts­mo­del­le gera­de in die­ser Bran­che so leicht punk­ten konn­ten.

Per­spek­ti­visch wer­den in den Unter­neh­men weni­ger, aber bes­ser qua­li­fi­zier­te und leis­tungs­fä­hi­ge­re Men­schen gebraucht. An jedem ein­zel­nen Arbeits­platz. Die­se Pro­fis sind intern zu ent­wi­ckeln, oder sie sind extern zu gewin­nen. Auch wenn aktu­ell mehr aus- als ein­ge­stellt wird: Der War for Talents wird in Zukunft nicht weni­ger inten­siv geführt wer­den.

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