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Eine Branche zwischen Florenz und New York

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Jür­gen Mül­ler

Flo­renz war das übli­che gro­ße Hal­lo: spä­te Neu­jahrs­wün­sche, Berich­te von der Anrei­se, die das Wet­ter, Flug­aus­fäl­le, Bahn- und Taxi­streiks zum Aben­teu­er gemacht haben, und – ach ja – ums Geschäft ging es natür­lich auch.

Die Flu­re und Mes­se­stän­de beim Pit­ti Uomo waren voll, jeden­falls am ers­ten Tag. Dar­un­ter wie seit eh und je etli­che Deut­sche. Das anhal­tend hohe Inter­es­se zeigt, dass die­se inter­na­tio­na­le Leit­mes­se für Män­ner­mo­de funk­tio­niert. Es wür­de einen nicht wun­dern, wenn das erhöh­te Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis zugleich ein Indiz für die tie­fe Ver­un­si­che­rung ist, die den Markt zur­zeit umtreibt.

Das mie­se Weih­nachts­ge­schäft steckt dem Han­del noch in den Kno­chen. 2025 war für vie­le ein annus hor­ri­bi­lis, in dem sich nicht nur kon­junk­tu­rel­le, son­dern für vie­le Unter­neh­men ganz grund­sätz­li­che, um nicht zu sagen: exis­ten­zi­el­le Fra­gen stell­ten.

Die TW mel­det für 2025 im sta­tio­nä­ren Han­del ein Umsatz­mi­nus von durch­schnitt­lich 4 Pro­zent. Das dürf­te sich unter dem Strich bei vie­len dra­ma­tisch dar­stel­len. Die Indus­trie muss mit einer wei­te­ren anstren­gen­den Order­run­de rech­nen. Und es wer­den nicht nur die übli­chen Groß­kun­den sein, die Ernst machen mit einer Redu­zie­rung ihrer Vor­or­ders.

Apro­pos Groß­kun­den: Der am Mon­tag ver­kün­de­te Abgang des P&C‑Einkaufschefs war natür­lich ein The­ma. Jason Mor­gan hat­te sich, soviel lässt sich sagen, kei­ne Freun­de unter den Lie­fe­ran­ten gemacht. Auch auf die Per­so­na­li­en bei Gale­ria ver­such­te man sich einen Reim zu machen.

Das Kon­sum­kli­ma ist zur­zeit jeden­falls kei­ne Stüt­ze. Der HDE regis­triert eine sin­ken­de Anschaf­fungs­nei­gung bei stei­gen­der Spar­quo­te. Immer­hin sei­en die Erwar­tun­gen der Ver­brau­cher auf eine all­ge­mei­ne Kon­junk­tur­er­ho­lung etwas posi­ti­ver als zuletzt. Nach der aktu­el­len Ifo-Kon­junk­tur­um­fra­ge rech­nen 60 Pro­zent der Unter­neh­men, dass ihre wirt­schaft­li­che Lage 2026 unver­än­dert bleibt, ledig­lich jeder Sieb­te (15%) glaubt an eine Ver­bes­se­rung. Auch in Flo­renz hieß es nicht sel­ten "Pari ist das neue Plus". Gene­rell ist der Han­del pes­si­mis­ti­scher als die Indus­trie. Der HDE hat recht, wenn er jetzt die Poli­tik auf­for­dert, für bes­se­re Rah­men­be­din­gun­gen zu sor­gen.

Das ist ange­sichts der vie­len Kri­sen natür­lich leich­ter gesagt als getan. Der Trump­sche Wahn­sinn geht 2026 wei­ter, ja man hat das Gefühl, die Dyna­mik, mit der die Welt sich ändert, nimmt sogar noch zu. Es ist eine Bin­se: aber wir müs­sen akzep­tie­ren, dass das Busi­ness unbe­re­chen­bar bleibt und per­ma­nen­te Ver­än­de­rung das neue Nor­mal ist. Letzt­lich bleibt uns nichts ande­res übrig, unse­re Geschäfts­mo­del­le und Orga­ni­sa­tio­nen so wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, dass sie mit dem rapi­den poli­tisch, wirt­schaft­lich und tech­no­lo­gisch getrie­be­nen Ver­än­de­rungs­tem­po Schritt hal­ten kön­nen.

Selbst Google fürchtet, wegen ChatGPT & Co irrelevant zu werden

Apro­pos Tech­no­lo­gie: Par­al­lel zur Pit­ti fand Anfang die­ser Woche in New York die NRF statt. Das ist die Jah­res­ta­gung des US-ame­ri­ka­ni­schen Ein­zel­han­dels­ver­bands, des Pen­dants zum deut­schen HDE. Als ich vor über 25 Jah­ren das ers­te Mal dort war, wähn­te ich mich eher auf der Cebit (Gott hab sie selig) als auf einem Han­dels­kon­gress – bei "Retail's Big Show" ging es damals bereits prak­tisch aus­schließ­lich um Tech­no­lo­gien.

Die­ses Jahr pro­mo­te­te Goog­le-CEO Sun­dar Pichai in New York sein neu­es ‚Uni­ver­sal Com­mer­ce Pro­to­col‘ (UCP). Seit­her kennt die Retail Tech-Sze­ne kein ande­res The­ma. Was dar­aus folgt, hat Ste­fan Wen­zel am Diens­tag auf pro­fa­shio­nals sehr ver­ständ­lich aus­ge­führt. Dass Goo­gles Ober­boss sich höchst­per­sön­lich die Ehre gab, zeigt nicht zuletzt, wel­che Bedeu­tung der Such­ma­schi­nen­kon­zern sei­ner neu­en AI-Com­mer­ce-Infra­struk­tur bei­misst.

Es ist schon eine denk­wür­di­ge Koin­zi­denz. Wäh­rend die Ein­käu­fer in Flo­renz wie seit eh und je ihr Gehirn­schmalz dar­auf ver­wen­den, WAS sie im kom­men­den Herbst/Winter in ihren Läden und Web­shops ver­kau­fen sol­len, ver­han­deln die Techi­es in New York, WIE Han­del und Indus­trie künf­tig ver­kau­fen wer­den.

Und an WEN wir ver­kau­fen wer­den. Die Online Retail­er mögen im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt die gro­ßen Gewin­ner gewe­sen sein. Aber auch Zalan­do & Co müs­sen sich jetzt Sor­gen machen, den Kun­den­zu­gang dem­nächst an AI-Agents zu ver­lie­ren.

Dass selbst Goog­le fürch­tet, wegen ChatGPT & Co irrele­vant zu wer­den, ist frei­lich ein schwa­cher Trost.

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