
Florenz war das übliche große Hallo: späte Neujahrswünsche, Berichte von der Anreise, die das Wetter, Flugausfälle, Bahn- und Taxistreiks zum Abenteuer gemacht haben, und – ach ja – ums Geschäft ging es natürlich auch.
Die Flure und Messestände beim Pitti Uomo waren voll, jedenfalls am ersten Tag. Darunter wie seit eh und je etliche Deutsche. Das anhaltend hohe Interesse zeigt, dass diese internationale Leitmesse für Männermode funktioniert. Es würde einen nicht wundern, wenn das erhöhte Informationsbedürfnis zugleich ein Indiz für die tiefe Verunsicherung ist, die den Markt zurzeit umtreibt.
Das miese Weihnachtsgeschäft steckt dem Handel noch in den Knochen. 2025 war für viele ein annus horribilis, in dem sich nicht nur konjunkturelle, sondern für viele Unternehmen ganz grundsätzliche, um nicht zu sagen: existenzielle Fragen stellten.
Die TW meldet für 2025 im stationären Handel ein Umsatzminus von durchschnittlich 4 Prozent. Das dürfte sich unter dem Strich bei vielen dramatisch darstellen. Die Industrie muss mit einer weiteren anstrengenden Orderrunde rechnen. Und es werden nicht nur die üblichen Großkunden sein, die Ernst machen mit einer Reduzierung ihrer Vororders.
Apropos Großkunden: Der am Montag verkündete Abgang des P&C‑Einkaufschefs war natürlich ein Thema. Jason Morgan hatte sich, soviel lässt sich sagen, keine Freunde unter den Lieferanten gemacht. Auch auf die Personalien bei Galeria versuchte man sich einen Reim zu machen.
Das Konsumklima ist zurzeit jedenfalls keine Stütze. Der HDE registriert eine sinkende Anschaffungsneigung bei steigender Sparquote. Immerhin seien die Erwartungen der Verbraucher auf eine allgemeine Konjunkturerholung etwas positiver als zuletzt. Nach der aktuellen Ifo-Konjunkturumfrage rechnen 60 Prozent der Unternehmen, dass ihre wirtschaftliche Lage 2026 unverändert bleibt, lediglich jeder Siebte (15%) glaubt an eine Verbesserung. Auch in Florenz hieß es nicht selten "Pari ist das neue Plus". Generell ist der Handel pessimistischer als die Industrie. Der HDE hat recht, wenn er jetzt die Politik auffordert, für bessere Rahmenbedingungen zu sorgen.
Das ist angesichts der vielen Krisen natürlich leichter gesagt als getan. Der Trumpsche Wahnsinn geht 2026 weiter, ja man hat das Gefühl, die Dynamik, mit der die Welt sich ändert, nimmt sogar noch zu. Es ist eine Binse: aber wir müssen akzeptieren, dass das Business unberechenbar bleibt und permanente Veränderung das neue Normal ist. Letztlich bleibt uns nichts anderes übrig, unsere Geschäftsmodelle und Organisationen so weiterzuentwickeln, dass sie mit dem rapiden politisch, wirtschaftlich und technologisch getriebenen Veränderungstempo Schritt halten können.
Selbst Google fürchtet, wegen ChatGPT & Co irrelevant zu werden
Apropos Technologie: Parallel zur Pitti fand Anfang dieser Woche in New York die NRF statt. Das ist die Jahrestagung des US-amerikanischen Einzelhandelsverbands, des Pendants zum deutschen HDE. Als ich vor über 25 Jahren das erste Mal dort war, wähnte ich mich eher auf der Cebit (Gott hab sie selig) als auf einem Handelskongress – bei "Retail's Big Show" ging es damals bereits praktisch ausschließlich um Technologien.
Dieses Jahr promotete Google-CEO Sundar Pichai in New York sein neues ‚Universal Commerce Protocol‘ (UCP). Seither kennt die Retail Tech-Szene kein anderes Thema. Was daraus folgt, hat Stefan Wenzel am Dienstag auf profashionals sehr verständlich ausgeführt. Dass Googles Oberboss sich höchstpersönlich die Ehre gab, zeigt nicht zuletzt, welche Bedeutung der Suchmaschinenkonzern seiner neuen AI-Commerce-Infrastruktur beimisst.
Es ist schon eine denkwürdige Koinzidenz. Während die Einkäufer in Florenz wie seit eh und je ihr Gehirnschmalz darauf verwenden, WAS sie im kommenden Herbst/Winter in ihren Läden und Webshops verkaufen sollen, verhandeln die Techies in New York, WIE Handel und Industrie künftig verkaufen werden.
Und an WEN wir verkaufen werden. Die Online Retailer mögen im vergangenen Jahrzehnt die großen Gewinner gewesen sein. Aber auch Zalando & Co müssen sich jetzt Sorgen machen, den Kundenzugang demnächst an AI-Agents zu verlieren.
Dass selbst Google fürchtet, wegen ChatGPT & Co irrelevant zu werden, ist freilich ein schwacher Trost.