
Studien offenbaren, dass sich der Geschmack von Menschen nach Anfang Dreißig kaum noch ändert. Von da an hören sie zum Beispiel einfach immer die gleiche Musik. Dieser sogenannte „Taste Freeze“ zeigt natürlich auch im Kleidungsstil: Die meisten Menschen entscheiden sich in ihren Zwanzigern für eine Silhouette und bleiben dieser dann bis ans Ende ihrer Tage treu.
Entsprechend gibt es derzeit viele Frauen und Männer, die seit den Nuller-Jahren unbeirrt skinny Jeans und enge Kleidung tragen. Parallel dazu gibt es aber auch Frauen und Männer, die in den Zehner-Jahren baggy Pants und weite Kleidung zu ihrem Ding gemacht haben und jetzt partout nicht mehr davon abzubringen sind. Und parallel zu all dem gibt es Jugendliche, die jetzt gerade figurbetonte Kleidung und deren erstaunliche Wirkung für sich entdecken. Diese Gemengelage führt zu Abverkaufsstatistiken, die verwirrend sein können.
Fest steht jedoch, dass die modische Avantgarde auf den Laufstegen und daneben angefangen hat, sich mit aufregenden Undersize-Looks effektvoll vom inzwischen Mainstream gewordenen Oversize-Look abzusetzen. Und damit ist klar, dass nicht nur eine schlankere Silhouette zurückkommt, sondern auch ein schlankeres Körperbild.
In den zurückliegenden Jahren hatten unsere Gesellschaft und damit auch die Mode einen ungewohnt hohen moralischen Anspruch. Und entsprechend hat man sich für viele moralische Anliegen ungewohnt stark engagiert.
Aber jetzt schwingt das Pendel zurück zu amoralischem Kapitalismus und gedankenlosem Hedonismus. Gemeinsam mit vielem anderen ist dabei auch das Engagement gegen unrealistische Körperbilder und untergewichtige Schönheitsideale, für Size Inclusivity und Body Positivity ersatzlos gestrichen worden. Laut Vogue Inclusivity Report ist der Anteil an Mid-Size- und Plus-Size-Models, der zwischenzeitlich bei fünf Prozent lag, bereits wieder auf unter drei Prozent zurückgefallen – bei den Männern sogar unter zwei.
"In der Mode kommt ja alles wieder“? Nichts kommt wieder. Zumindest nie genauso. Die Mode kann nicht wieder so werden, wie sie damals war. Weil die Welt nicht mehr so ist, wie sie damals war.
Der Look der Jahrtausendwende, also known as Y2K, hat gerade ein massives Comeback. Und zur Mode jener Zeit gehörten nicht nur Blazer, die so eng waren, dass man sie zum Autofahren ausziehen musste, und Hosen, die so eng waren, dass man bei den Männern die Religionszugehörigkeit erkennen konnte, sondern auch ein Casting, das so ungesund war, dass es als „Heroin Chic“ in die Modegeschichte eingegangen ist: Mädchen, die die spitzen Enden ihrer Beckenknochen wie Elchgeweihe vor sich hertrugen, und Jungs, bei denen der Oberarm dünner war als der Ellbogen.
Wenn man sich wie wir bei DMI ernsthaft mit Trends auseinandersetzt, dann ist einer der nervigsten Sätze, die man zu hören bekommt: „Es kommt ja alles wieder.“ Denn es kommt ja eben nichts wieder. Zumindest nie genauso. Seit Hedi Slimane Anfang des Jahrhunderts mit seinen extrem schlanken Silhouetten die Mode revolutioniert hatte, ist bereits ein Viertel dieses Jahrhunderts ins Land gegangen. Und die Welt hat sich weiter gedreht. Die Mode kann nicht wieder so werden, wie sie damals war, weil die Welt nicht mehr so ist, wie sie damals war:
Der Markt für gebrauchte Kleidung wächst inzwischen dreimal so schnell wie der für Neukleidung. Weil dieser Boom von süßen jungen Menschen initiiert wurde, wird das Tragen von Second-Hand-Kleidung plötzlich nicht mehr als arm oder geizig wahrgenommen, sondern als jugendlich, sexy, nachhaltig und zukunftsweisend.
Das führt zu dem perversen Phänomen, dass First-Hand angefangen hat, Second-Hand zu imitieren. In allen Preislagen gibt es plötzlich Neuware, die wirklich wie Flohmarkt aussieht. Denn dieser neue Vintage-Look beschränkt sich nicht mehr auf künstliche Gebrauchs- und Alterungsspuren, wie wir sie in der Sportswear schon seit Jahrzehnten kennen. Vielmehr gehört zu dem neuen, um Authentizität bemühten Second-Hand-Look darüber hinaus, dass die Kleidung gerne auch mal absichtlich unpassend geschnitten wird, um zu suggerieren, dass es einen Vorbesitzer gab, der eine andere Figur hatte. Darin liegt ein entscheidender Unterschied zwischen dem Undersize-Look, den Hedi Slimane 2001 gelauncht hatte, und dem Undersize-Look, den Prada und Jil Sander jetzt zeigen: Damals war die Kleidung den Menschen wie auf den Leib geschneidert, während es jetzt eine, im doppelten Sinne, spannende Dissonanz zwischen Kleidung und Körper gibt.
Demi Moores jüngste Auftritte bei Gucci und bei den Actor Awards geben uns einen exemplarischen Ausblick darauf, wie unsere Best-Ager-Kundinnen in naher Zukunft aussehen werden.
Eine andere Entwicklung, die in den Nuller-Jahren noch nicht einmal am Horizont war, ist Ozempic. Das Medikament hat die Wahrnehmung von Schlankheit auf den Kopf gestellt, insbesondere bei Männern: In der Vergangenheit hatten uns die wiederkehrenden Bilder von fetten Milliardären in Begleitung von Topmodels vermittelt, dass ein Sixpack etwas für Verlierer sei, die sich keine Yacht leisten können. Doch seit es Ozempic gibt, ist ein Sixpack etwas für Gewinner, die hundert bis dreihundert Euro im Monat übrig haben. Es signalisiert nicht mehr Armut, sondern im Gegenteil Reichtum. Ein flacher Bauch ist zu einem Statussymbol geworden. Und dieses Statussymbol will man zeigen, insbesondere, wenn man es neu hat. Modehändler in den USA, wo bereits jetzt jeder achte Erwachsene Ozempic nutzt, berichten, dass taillenbetonende Gürtel und figurbetonte Kleidung in kleinen Größen regelmäßig ausverkauft sind.
Die Frage ist nicht, ob das bei uns ankommen wird, sondern wie schnell es bei uns ankommen wird. Falls – wonach es im Moment nicht aussieht – sich nicht doch noch erschreckende Nebenwirkungen zeigen, wird das appetitzügelnde Mittel sehr schnell sehr viel leichter zugänglich werden. Durch die Produktion und den Vertrieb in großen Massen werden die Preise für Wirkstoff und Spritzen fallen. Und am Ende wird fast jeder, der übergewichtig und darüber unglücklich ist, diese Abkürzung nehmen, um endlich die Figur zu bekommen, von der er schon so lange träumt. Was bislang für Kleidung galt, gilt jetzt für Körper: Was nicht passt, wird passend gemacht.
Bislang war die Modeindustrie – insbesondere die deutsche – immer dann am erfolgreichsten, wenn sie an untergewichtigen Menschen gezeigt und an übergewichtige Menschen verkauft hat. Denn wir leben in einem Land, in dem fast die Hälfte aller Frauen und weit über die Hälfte aller Männer übergewichtig sind. Insbesondere in der Lebensphase in der die Menschen besonders kaufkräftig sind, sind sie meist auch sonst schon ein bisschen kräftig. So war das bisher.
Aber all das wird sich ändern – und damit auch all das, was daraus für Kundenprofile, Design, Schnittführung, Passform, Sortimente, Größeneinteilungen und so weiter folgt. Demi Moores jüngste Auftritte bei Gucci und bei den Actor Awards geben uns einen exemplarischen Ausblick darauf, wie unsere Best-Ager-Kundinnen in naher Zukunft aussehen werden.

Carl Tillessen ist Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts (DMI). Sein Buch “Konsum” geht der Frage nach, wie, wo und vor allem warum wir kaufen. www.carltillessen.com