Hm, also in Hamburg weniger, soweit ich beobachten kann. Dabei wäre es definitiv kalt genug. Aber ich weiß natürlich, was gemeint ist: Laufsteg, Fendi, lauter Luxus etc. pp. Ich fürchte bloß, einen griffigen one-liner als Antwort kann ich dazu auch nach längerem Grübeln nicht raushauen. Dafür kommt seit Monaten schlicht zu viel zusammen und fliegt zugleich auseinander. Und für diesen wahnwitzigen Tanz auf dem Vulkan, zu dem wir uns gerade global unterhaken, dürfte ein Tierfell wahrlich die adäquate Garderobe sein. Gut, die Mode geriert sich gern als Spiegel aktueller Gesellschaftslaunen, dann versuche ich mich mal an ein paar Skizzen auf dem Figurinenblock.
Der Pelz als … Wärmespender. Ein Klassiker. In einer entfremdeten TechnoBrokratie fehlt es an Nähe, der Körpertemperatur anderer, an Mitgefühl. Da will man sich einmummeln, notfalls mit roadkill für fünfstellige Beträge. Verständlich, oder? Mancher Männlichkeits-Praktikant kann sich zudem nicht recht zwischen Kämpfen und Kuscheln entscheiden, da ist es perfekt, dass Pelz beide kleidet – den Sofatiger und den Krypto-Gladiator.
Der Pelz als … Luxusobjekt. An den „stillen Luxus“ habe ich eh nie geglaubt (das ist hier nachzulesen), aber jetzt röhrt er jedenfalls wieder unüberhörbar, wie ein Maserati mit Nebenhöhlenkatarrh. Wenn wir schon alle bald in den WWIII ziehen oder zumindest für unsere Milliardär-Overlords bis zum Umfallen Prime-Pakete packen müssen, dann lässt man doch jetzt lieber noch mal die Sau Tierwohlklasse 3 raus, oder? Party like it’s 1929. Fette Nerze, klobige Klunker, Austern bis man grün anläuft und danach mit den drei Rottweilern ein Schampusbad im Pool. Sustainability ist was für loser, klingt schon total gay und enthält zudem kein einziges „E“. „E“ wie Exzess, harharhar…
Der Pelz als … Zeitmaschine: Daran anknüpfend lässt sich in den US of A‑hole bei der jungen Elite bereits eine Sehnsucht nach old-time Glamour à la „Der große Gatsby“ beobachten. Auf rauschenden Bällen mit üblen Prom-Kleidern, schmierigen Scheiteln und Flaggen, die eigentlich ins Archiv gehören. Wie der „Gatsby“ ausgeht, hat auch niemand im Kleinsthirn behalten. Schade eigentlich. Na ja. Jetzt wo das Bildungsministerium abgeschafft ist, gilt endlich das Bonmot von Comedienne Kathleen Madigan über ihre Landleute: „We don’t need no book-learnin’.“ Damn right. Also auch doof anziehen, warum nicht. Pelz drüber und von Reagan träumen. Und von mickrigen Schnurrbärtchen in der Oberlippenmitte.
Du kriegst den Mann aus der Höhle, aber den Höhlenmenschen eben nicht aus dem alpha male
Der Pelz als … Belohnung. Laut einer neuen Umfrage der „New York Times“ sollte für knapp die Hälfte der republikanischen Wähler „die Frau“ am besten wieder zwischen Kind, Küche und Kirche pendeln. Rund 30 Prozent der weiblichen Trump-Anhänger wären darüber total happy. Siehste, war einfach zu viel mit der Karriere und den Power-Schultern, wobei ich solch kantige Blazer auch wieder recht häufig beworben sehe. Wer braucht solche textilen Rüstungen, wenn er bzw. Sie eine fesch bestickte Schürze hat? Der Pelz, ja, der ist für den Valentinstag, den Hochzeitstag oder das Begräbnis der Schwiegermutter. Wie früher.
Der Pelz als … Maskulinitäts-Viagra: Du kriegst den Mann aus der Höhle, aber den Höhlenmenschen eben nicht aus dem alpha male raus. Echt blöd. Wenn üppiges Gehalt, üppiger Fuhrpark und Braut mit üppigen, Sie wissen schon, sowie alle Eisbad-Rituale und Joe-Rogan-Podcasts einfach nichts mehr bringen, Mann sich trotzdem noch hanswurstig fühlt, dann bleibt bloß noch die Keule in der Hand, das umgeschlungene Fell und darin in Muttis ausgebautem Keller nächtlich Anti-Trans-Kommentare auf X absondern. Stimmt, dafür reicht das Wort erbärmlich eigentlich schon nicht mehr. Schlimmer aber wäre ärmlich, und davor steht ja der Price tag des Pelzes. Puh, Glück gehabt.
Der Pelz als … letztes Aufbäumen: … der alten Welt, die wir, gerade in der progressiven Mode-Bubble, doch längst überwunden glaubten. Jetzt kommt die große Rolle rückwärts, und zwar über ein Nagelbrett. Ein Pelz ist dafür als Symbol ebenso tauglich wie der Hörner-Helm des „6. Januar-Schamanen“ oder die Umwidmung des Weißen Hauses in eine Tesla-Resterampe. Spiel’s noch einmal, Uncle Sam (oder Onkel Merz), und der Letzte macht den Kronleuchter aus.

Siems Luckwaldt ist seit rund 20 Jahren ein Experte für die Welt der schönen Dinge und ein Kenner der Menschen, die diese Welt möglich machen. Ob in seinem aktuellen Job als Lifestyle Director von Capital und Business Punk, für Lufthansa Exclusive, ROBB Report oder das Financial Times-Supplement How To Spend It.