Kennst du diesen Moment, wenn du morgens, noch im Bett, durch Instagram scrollst und plötzlich ein Gefühl der Desorientierung eintritt, wie sonst nur nach dem fünften Negroni? Nein? Okay, dann hast du deine Bildschirmzeit und dein Leben offenbar besser im Griff als ich. Ich erblickte mit dem einen, schon dauerhaft geöffneten Auge neulich um 6:23 Uhr eine Influencerin in Swimwear samt obligatorischer Hashtags wie #bodypositive, #loveyourself und einer Bildunterschrift, die klang, als hätte sie ein Therapie-Bot nach 30 Überstunden zusammengeschraubt. Soweit, so gewöhnlich.
Um 19:47 Uhr spülte mir der nimmermüde Algorithmus ein Foto vom selben Account in den Feed. Diesmal eine Vorher-Nachher-Collage, versehen mit Infos wie „minus 15 Kilo“ und „Lifestyle-Transformation“. Ein erstaunliches Makeover, bei dem die bedingungslose Selbstliebe nur bis zum nächsten Arzttermin reichte. Ich musste spontan an Steakhouse-Werbung auf einem Veganer-Kanal denken. Als Mann muss man an dieser Stelle der Überlegungen achtsam voranschreiten, zu Recht!, und sich plakative Polemiken wie „pharmazeutischer Feminismus“ verkneifen. Ebenso rhetorische Seitenhiebe wie, dass nun endlich Selbstakzeptanz und Semaglutid, der Ozempic-Wirkstoff, so innig harmonieren wie Anna Wintour und Jeff „Met Gala“ Bezos.
Nein, ich mag am Moralapostel schon das altbackene Wort nicht, und bin ausdrücklich für Wahlfreiheit. An der Urne, an der Waage, everywhere. Wer abnehmen möchte, der oder die soll. Wer „Ich will so bleiben, wie ich bin“ trällert, soll fröhlich weiterträllern. Mir versetzt weniger die Fett-weg-Spritze einen mentalen Stich, als die Verlogenheit um ihren Einsatz. Diese seltsame kollektive Amnesie, die einsetzt, sobald jemand sein „Weihnachtswunder“ (Robbie Williams) präsentiert. Ja, „Berühmtheiten“ wie Amy Shumer oder Elon Musk waren diesbezüglich beichtfreudiger. Aber wohl auch nur, damit zu ihren Namen in der Google-Suche mal weniger diskussionswürdige Schlagworte fielen.
Doch warum überhaupt die ganze Geheimniskrämerei, wenn doch angeblich jeder Körper schön ist. Was immer „schön“ aktuell gerade bedeutet. Wie bei Botox, bei Fillern oder Haartransplantationen gilt für mich – dein Körper, deine Regeln. Aber bitte weder als Trophäe vor sich hertragen wie Schlauchbootlippen, noch tabuisieren.
Zur Wahrheit gehört auch, dass die, hm, Notwendigkeit (?) von „Ozempic“ und Co. eben kein reiner Hollywood-Quatsch ist, wie das „Vampir“-Lifting oder „Avatar 3“. Der Blick in die Zahlen ist unangenehmer als das eigene Spiegelprofil nach einem All-you-can-eat-Buffet. Laut WHO sind 60 Prozent der Erwachsenen in Europa übergewichtig, etwa ein Fünftel adipös. Das deckt sich annähernd mit den Waagen in Deutschland.
10 Kilo in 10 Wochen weg. Und dann bald wieder drauf. Das klingt ein bisschen wie Fast Fashion für die Physis.
Es wäre also förderlicher, von einem systemischen Problem zu sprechen, statt mehr oder minder bekannte Einzelkörper zu stigmatisieren – als zu dick oder auch gelegentlich zu dünn. Vergleiche hierzu: „Grande, Ariana“. Wir müssten eine ganze Essens- und Lebenskultur hinterfragen. Dringend. Aber hey, das verkauft sich nun mal schlechter als „10 Kilo in 10 Wochen“. Von mir aus auch 15 bis 20 Prozent des Körpergewichtes innerhalb eines Jahres, und hoffentlich unter ärztlicher Aufsicht. Interessant: In einigen Studien gewannen die Probanden im ersten Jahr nach Absetzen von Spritze oder Pillen rund zwei Drittel der abgespeckten Pfunde zurück. Klingt ein bisschen wie Fast Fashion für die Physis, oder?
Ach ja, und wer andere wegen des vermeintlichen „Ozempic Face“ verlacht, der macht nur dort weiter, wo das „fat shaming“ die Betroffenen zur (teils) teuren Spritze hat greifen lassen. Der meist aufschlussreiche „Self-Esteem-Report“ von Dove berichtet, dass jede zweite befragte Jugendliche „toxische Beauty-Ratschläge“ als Selbstwert-Killer erlebt. Eingekeilt auf sozialen Medien zwischen „alle Körper sind gut“ und „So habe ich meinen Kieferwinkel operativ optimieren lassen“. Mit Rabattcode für die Klinik. Wie soll man da noch in der Balance bleiben? Nicht zu vergessen besonders verletzliche Gruppen, etwa Menschen mit Essstörungen und starken Körperbild-Problemen. Dort also, wo die Grenze zwischen medizinischer Notwendigkeit und ästhetischem Druck so dünn ist wie eine Nadel.
Die eigentliche Heuchelei entsteht derweil dort, wo sich Menschen tugendhaft aufschwingen, aus Body Positivity eine signalstarke Botschaft formulieren, während das Management bereits an Diät-Shakes und Pharma-Partnerschaften tüftelt. Ja, das Leben ist eine einzige Grau, und oft auch Problemzone. Aber Heuchlerei, Geschäftemacherei und Gier – auf Geld, nicht Käsekuchen – darf, nein, muss man benennen. Und ruhig mal anprangern. Gesittet.
Nicht leicht, wenn wir bei diesem und anderen Themenkomplexen in einem Medienumfeld leben, wo Algorithmen die Extreme belohnen. Den Wahnsinns-„Glow-up“, den 400-Kilo-Wanst, die Frau mit Bart wie auf einem mittelalterlichen Jahrmarkt. So werden Körper zu Geschäftsmodellen und wir konsumieren news feeds, die uns nicht stärken, sondern kleiner machen wollen. Denn wer sich richtig mies fühlt, gestresst, unter Druck, der lässt sich kinderleicht etwas aufschwatzen.
Wenn wir unbedingt etwas optimieren wollen, dann vielleicht zuerst unsere Debatte: weniger Doppelmoral, mehr Zugewandtheit; weniger „richtige“ Körper, dafür mehr echte Menschen.

Siems Luckwaldt ist seit rund 20 Jahren ein Experte für die Welt der schönen Dinge und ein Kenner der Menschen, die diese Welt möglich machen. Ob in seinem aktuellen Job als Lifestyle Director von Capital und Business Punk, für Lufthansa Exclusive, ROBB Report oder das Financial Times-Supplement How To Spend It.