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Wenn der Algorithmus zum besten Kunden wird

Googles neues „Universal Commerce Protocol“ verändert die bisher geltenden Maßstäbe im Online Retail, warnt Stefan Wenzel. Aber auch die Stationären müssen sich fragen: Wo entsteht die eigene Wertschöpfung?
Stefan wenzel
Ste­fan Wen­zel

Vor­ges­tern auf der NRF-Tagung hat Goog­le das auf Open Source basie­ren­de „Uni­ver­sal Com­mer­ce Pro­to­col“ vor­ge­stellt. Wäh­rend neue Shop­ping-Funk­tio­nen in Chat­bots wie ChatGPT oder Per­ple­xi­ty Shop­ping regel­mä­ßig für Auf­merk­sam­keit sor­gen, ist die­ses Pro­to­koll außer­halb der Tech-Sze­ne weit­ge­hend unbe­ach­tet geblie­ben.

Das “Uni­ver­sal Com­mer­ce Pro­to­col” (UCP) wur­de ent­wi­ckelt, um agen­ten­ba­sier­te Erleb­nis­se im gesam­ten Com­mer­ce-Öko­sys­tem zu ermög­li­chen. Es schafft eine ein­heit­li­che Spra­che für Ver­brau­cher­ober­flä­chen – wie den Goog­le-KI-Modus bei der Suche, Goog­le Gemi­ni und ande­re –, um sich auf stan­dar­di­sier­te und siche­re Wei­se mit Busi­ness-Backends für die Pro­dukt­su­che, den Waren­korb, die Kas­se usw. zu ver­bin­den.

UCP ist also kei­ne wei­te­re Shop­ping-Funk­ti­on, es ist eine infra­struk­tu­rel­le Wei­chen­stel­lung. Chat­bots zei­gen heu­te, wie künf­tig ein­ge­kauft wer­den könn­te, UCP beschreibt – aus der Feder des domi­nie­ren­den Gate­kee­pers im Netz -, wie Han­del dafür orga­ni­siert sein muss. Es geht nicht um eine neue Ober­flä­che, es geht um die tech­ni­sche und struk­tu­rel­le Grund­la­ge des Kau­fens. Genau dar­in liegt die Spreng­kraft die­ses Pro­to­kolls. Der Kauf­pro­zess wird sys­te­ma­tisch von der Ober­flä­che ent­kop­pelt. Der Kauf­akt löst sich vom Ort des Ein­kau­fens – Han­del als Pro­to­koll, nicht als Desti­na­ti­on. Nicht über­all. Nicht sofort. Aber struk­tu­rell.

Was die­se Ent­wick­lung mit Web­shops macht, hat der sta­tio­nä­re Han­del bereits erlebt. Das Laden­ge­schäft ist nicht ver­schwun­den. Aber es ist schon lan­ge nicht mehr der Ort für jeden Kauf. Ent­we­der es hat sich spe­zia­li­siert. Oder es kämpft ums Über­le­ben, weil eine Spe­zia­li­sie­rung nicht gelun­gen ist. Die Insol­ven­zen im Mode­ein­zel­han­del sind kein Zufall. Sie sind die Fol­ge einer unbe­que­men Wahr­heit. Vie­le Händ­ler haben die Trans­for­ma­ti­on nicht geschafft. Sie haben weder die Effi­zi­enz des Online­han­dels erreicht noch eine Rele­vanz und Bezie­hungs­stär­ke auf­ge­baut, die ihr Geschäft dau­er­haft trägt. Sie ste­cken in einem Mit­tel­feld, das nie­mand mehr braucht.

Genau in die­se Fal­le lau­fen jetzt auch Web­shops.

Sie ver­schwin­den nicht. Aber sie ver­lie­ren ihren Anspruch, für jeden Kauf die Desti­na­ti­on zu sein. Auf der K5 Kon­fe­renz habe ich im ver­gan­ge­nen Som­mer die The­se for­mu­liert, der eige­ne Online-Shop wer­de für vie­le Mar­ken eine ähn­li­che Rol­le ein­neh­men wie die Vinyl-Schall­plat­te in der Musik­in­dus­trie: ein bewusst gewähl­tes For­mat für beson­de­re, hoch invol­vier­te Momen­te, wäh­rend der Mas­sen­kon­sum längst über Strea­ming-Platt­for­men läuft.

Wo wildes Suchen und Browsen zunehmend durch KI-Trichter und agentische Aufträge ersetzt werden, verliert der gewohnte Werkzeugkasten des Performance-Marketings seine Relevanz.

In einer Welt, in der digi­ta­le Assis­ten­ten mit stei­gen­dem Anteil für Kun­den ein­kau­fen, ist der Algo­rith­mus eine neue Ziel­grup­pe mit stei­gen­der Wich­tig­keit. Sicht­bar­keit in die­ser Ziel­grup­pe ent­steht aber nicht mehr durch gute Bil­der, gutes Sto­rytel­ling oder cle­ve­re Kam­pa­gnen, son­dern durch Daten­qua­li­tät, Ver­füg­bar­keit, Lie­fer­ge­schwin­dig­keit, Pri­cing und Ver­läss­lich­keit. Wo wil­des Suchen und Brow­sen zuneh­mend durch KI-Trich­ter und agen­ti­sche Auf­trä­ge ersetzt wer­den, ver­liert der gewohn­te Werk­zeug­kas­ten des Per­for­mance-Mar­ke­tings sei­ne Rele­vanz. Con­ver­si­on-Opti­mie­rung ist wir­kungs­los, wenn nie­mand die Sei­te besucht. Reich­wei­te wird rela­tiv, wenn Sys­te­me aus­wäh­len. Es kommt nicht mehr dar­auf an, wie laut Sie sind, son­dern wie ver­ständ­lich Sie für die KI sind.

Die Ana­lo­gie der Vinyl-Schall­plat­te funk­tio­niert aber nur unter einer Vor­aus­set­zung: der Web­shop muss ein wort­wört­lich her­aus­ra­gen­des Nut­zungs­er­leb­nis bie­ten. Tut er das nicht, ist er kei­ne Lieb­ha­ber­schei­be, son­dern nur eine schlecht gepfleg­te Spo­ti­fy-Play­list. Hier liegt eine stra­te­gi­sche Ent­schei­dung, die vie­le Händ­ler nie bewusst getrof­fen haben. Eine sau­be­re Daten­ba­sis mit voll­stän­di­gen Infor­ma­tio­nen und ver­läss­li­chen Ver­füg­bar­kei­ten ist Pflicht. Wer in einer auto­ma­ti­sier­ten Han­dels­welt gefun­den wer­den will, braucht sie. Jedes Pro­dukt voll­stän­dig beschrie­ben. Mate­ri­al, Attri­bu­te, Pass­form, Pfle­ge­hin­wei­se, Arti­kel­ma­ße, Grö­ßen­läu­fe. Ver­füg­bar­kei­ten in Echt­zeit. Ver­läss­li­che Lie­fer­zei­ten.

Das ist die Ein­tritts­kar­te. Aber nicht jeder braucht sie. Wer als Ein­zel­un­ter­neh­mer zwei Läden führt, mit begrenz­ten Res­sour­cen und einem über­schau­ba­ren Sor­ti­ment in Brei­te und Tie­fe, dem stellt sich die Fra­ge, ob er sei­ne Zeit wirk­lich in einen Web­shop inves­tie­ren soll­ten, der in auto­ma­ti­sier­ten Aus­wahl­pro­zes­sen sowie­so kei­ne Rele­vanz ent­fal­ten wird. Die ehr­li­che Ant­wort lau­tet: Nein.

Fokus­sie­ren Sie sich auf das, was Sie kön­nen. Machen Sie Ihr Geschäft zum Erleb­nis. Pfle­gen Sie Ihre Stamm­kun­den, blei­ben Sie rele­vant und dif­fe­ren­ziert. Kom­mu­ni­zie­ren Sie über Whats­App, Insta­gram oder Tik­Tok.

Das Vinyl-Erleb­nis ist die wei­ter­ge­hen­de Kür – und sie ist eben­falls auf­wen­dig. Wer sei­nen Web­shop zu einem Ort machen will, den Men­schen bewusst auf­su­chen, braucht trotz aller KI-Tools: Res­sour­cen, Zeit und vor allem Kom­pe­tenz. Gestal­tung. Con­tent. Insze­nie­rung. Redak­tio­nel­le Arbeit. Sto­rytel­ling. Ein 08/15-Web­shop wird kein Vinyl-Moment, er bleibt eine digi­ta­le Sack­gas­se. Der Mit­tel­weg stirbt. Web­shops, die weder eine exzel­len­te Daten­ba­sis noch ein inspi­rie­ren­des Erleb­nis bie­ten, ver­ur­sa­chen vor allem Kos­ten. Für vie­le klei­ne­re Händ­ler heißt das: weni­ger digi­ta­le Prä­senz, dafür fokus­sier­ter und mit dem Ziel, die phy­si­sche Kun­den­be­zie­hung zu stär­ken.

Für Zalando wie für viele andere Händler stellt sich weniger die Frage, ob sie diese Entwicklung mitgehen, sondern wie. Wer früh dabei ist, kann Standards mitprägen. Wer zögert, findet sich später in einer Rolle wieder, die andere definiert haben.

Pro­to­kol­le ver­än­dern kei­ne Ober­flä­chen. Sie ver­än­dern Struk­tu­ren. Das Uni­ver­sal Com­mer­ce Pro­to­col ist kein neu­er Ver­triebs­ka­nal. Es defi­niert die Vor­aus­set­zun­gen, die Han­dels­sys­te­me künf­tig erfül­len müs­sen, um von digi­ta­len Assis­ten­ten und KI-Model­len ver­stan­den und genutzt zu wer­den. Unab­hän­gig davon, ob Händ­ler die­se Ent­wick­lung aktiv trei­ben oder nicht. Com­mer­ce-Infor­ma­tio­nen wan­dern direkt in digi­ta­le Anwen­dun­gen. Der Web­shop wird nicht abge­schafft. Aber er wird durch vie­le neue Ober­flä­chen ersetzt, die alle auf die­sel­be Daten­ba­sis zugrei­fen.

Das hat zwei Kon­se­quen­zen. Ers­tens: Wer maschi­nen­les­bar, ver­läss­lich und voll­stän­dig ist, wird über­all sicht­bar. Nicht nur auf einer Web­site, son­dern in jeder auto­ma­ti­sier­ten Ant­wort auf die Fra­ge nach einer Win­ter­ja­cke. Zwei­tens: Wer das nicht ist, ver­schwin­det nicht nur aus dem eige­nen Shop, son­dern aus allen auto­ma­ti­sier­ten Ant­wor­ten, Emp­feh­lun­gen und Vor­auswah­len. Die Unsicht­bar­keit wird abso­lut.

Dass die­se Ent­wick­lung real ist, zeigt der Blick auf die ers­ten Teil­neh­mer. Mit Zalan­do zählt einer der größ­ten euro­päi­schen Mode­händ­ler zu den frü­hen Unter­stüt­zern von UCP. Das lässt sich unter­schied­lich lesen. Als stra­te­gi­scher Weit­blick. Oder als Ein­ge­ständ­nis, dass sich die Wert­schöp­fung von Händ­lern vom Front­end in Rich­tung Infra­struk­tur unwei­ger­lich ver­schiebt. Für Zalan­do wie für vie­le ande­re Händ­ler stellt sich weni­ger die Fra­ge, ob sie die­se Ent­wick­lung mit­ge­hen, son­dern wie. Wer früh dabei ist, kann Stan­dards mit­prä­gen. Wer zögert, fin­det sich spä­ter in einer Rol­le wie­der, die ande­re defi­niert haben.

Für sta­tio­när gepräg­te Mode­händ­ler führt das zu der glei­chen Fra­ge: wo ent­steht die eige­ne Wert­schöp­fung? Vie­le inha­ber­ge­führ­te Unter­neh­mer leben ihre Stär­ke längst. Oft intui­tiv, oft ohne sie stra­te­gisch zu benen­nen. Wenn Ihre Wert­schöp­fung in Bera­tung, per­sön­li­cher Bezie­hung, loka­lem Ver­trau­en und kura­tier­tem Sor­ti­ment liegt, brau­chen Sie kei­nen Web­shop, der ein digi­ta­les Kauf­haus sein will. Wenn die Ant­wort lau­tet: auch online, auch über­re­gio­nal, auch für Neu­kun­den, dann reicht Mit­tel­maß nicht mehr. Dann brau­chen Sie exzel­len­te Daten oder ein exzel­len­tes Erleb­nis. Oder bei­des.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet nicht mehr, wo der Kauf statt­fin­det, son­dern war­um Kun­den bei Ihnen kau­fen soll­ten. Die­se Zuspit­zung ist nicht neu, sie beglei­tet den Han­del seit Jah­ren. Neu ist der struk­tu­rel­le Kon­text. Mit auto­ma­ti­sier­ten Han­dels­pro­zes­sen auf Basis der neu­en KI-Pro­to­kol­le ver­schwin­det Mit­tel­maß schnel­ler und sys­te­ma­tisch.

Das Uni­ver­sal Com­mer­ce Pro­to­col ist kein lau­tes Ereig­nis. Es bringt kei­ne neue App,  kein sicht­ba­res Front­end. Es ist Infra­struk­tur von und mit dem unan­ge­foch­te­nen Rain­ma­ker im Netz. Genau des­halb ist es erns­ter zu neh­men als jedes ein­zel­ne Shop­ping-Fea­ture in Apps wie ChatGPT, Per­ple­xi­ty und Co. Der gene­ri­sche POS wird unsicht­ba­rer, Kanal egal. Über den ver­blei­ben­den Anteil am Kun­den­zu­gang für Händ­lern ent­schei­det die Bezie­hungs­qua­li­tät. Mit­tel­maß ver­schwin­det. Das ist kei­ne Dro­hung. Es ist die logi­sche Kon­se­quenz einer Bran­che, in der Mit­tel­maß sich nicht mehr rech­net.

Ste­fan Wen­zel ist seit mehr als 20 Jah­ren im digi­ta­len Han­del und einer der pro­fi­lier­tes­ten Köp­fe der Bran­che. Sei­ne Vita beinhal­tet unter ande­rem Sta­tio­nen als Geschäfts­füh­rer für Unter­neh­men wie Ebay, brand4friends, Otto, Mexx und Tom Tail­or Digi­tal. Ste­fan Wen­zel unter­stützt Fir­men, Grün­der und Geschäfts­füh­rer als digi­ta­ler Bei­rat, ist regel­mä­ßi­ger Spre­cher auf Fach­kon­fe­ren­zen, Inter­­­­­­­­­view- und Pod­­­­­­­­­cast-Gast. www.stefanwenzel.com

Bei­trä­ge von Ste­fan Wen­zel