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Die neuen alten Männer

In der Modebranche brauchen viele viel zu lange, um einen Trend zu erkennen. Jürgen Wolf hat das mit Homeboy schon einmal durchgemacht.
Juergen wolf me myself and i
Jür­gen Wolf

Manch­mal fra­ge ich mich, ob ich wegen mei­nes Jobs so viel den­ken muss, oder ob ich mei­nen Job genau des­we­gen mache bzw. machen muss. Die Gedan­ken müs­sen ja schließ­lich irgend­wo hin.

Mei­nem Sohn Juli­an habe ich vor Jah­ren mal gesagt, er sol­le sich nicht all­zu sehr stres­sen, weil man nicht zwei­mal im Jahr mit der Home­boy-Kol­lek­ti­on die Welt neu erfin­den kön­ne. Nur unge­fähr alle zehn Jah­re wür­de etwas Neu­es kom­men, was wirk­lich episch ist. Das müs­se man dann nur recht früh erken­nen, dar­an glau­ben, es ver­in­ner­li­chen und exe­ku­tie­ren. Der Rest ist Beharr­lich­keit, ohne die lei­der gar nichts geht. Das war dann der Trend zu Bag­gy Jeans. Kei­ner hat dar­an geglaubt. Er kam trotz­dem.

Die­se gro­ßen Strö­mun­gen hal­ten dann aller­dings auch für Jah­re, und des­halb lohnt es sich, in sie zu inves­tie­ren. Nicht nur Geld, son­dern auch Ner­ven. Ner­ven des­halb, weil die kom­plet­te Bran­che das für ver­rückt hält. Und Geld des­halb, weil man über Jah­re eine Idee finan­zie­ren muss, ohne dass auch nur ein ein­zi­ger Kun­de bereit ist, in sie zu inves­tie­ren.

Um mal das ganz gro­ße Bild zum The­ma Ver­rückt zu malen: Als vor vie­len Jah­ren Goog­le die Idee hat­te, die Erde zu foto­gra­fie­ren, um dar­aus etwas zu schaf­fen, was heu­te jeder Mensch unter Goog­le Maps kennt, dürf­ten die meis­ten das für kom­plett ver­rückt gehal­ten haben. War­um? Weil sich so etwas kei­ne Sau vor­stel­len kann.

In die­ser Grö­ßen­ord­nung brau­chen wir in der Fashion-Bran­che aber gar nicht zu den­ken. Unse­re Welt ist mit gesun­dem Men­schen­ver­stand durch­aus zu erfas­sen.

Wer heu­te 45 ist, war Mit­te der 90er 15 Jah­re alt und damit reif genug, um zu ver­ste­hen, was da so vor sich ging. Eini­ge waren damals schon etwas älter und haben so etwas wie die ers­te Love­pa­ra­de mit­er­lebt, die ab 1989 dazu bei­trug, unse­re deut­sche Welt ein klein wenig zu ver­än­dern. 1991 kam der ers­te Wagen aus Frank­furt dazu, und wir hat­ten mit Home­boy das T‑Shirt für unse­re 069-Gang desi­gned. Man­che von denen sind damals mit einem Staub­sauger auf dem Rücken durch die Clubs gezo­gen. Wir waren mit Home­boy mit­ten drin, und die meis­ten in der Bran­che fan­den das alles ver­rückt. Ich nicht.

Es hat ein paar Jah­re gedau­ert, bis der Han­del das kom­mer­zi­el­le Poten­zi­al erkannt hat. Ich weiß noch, wie wir 1994 mit 65 Home­boy-Händ­lern für eine Woche auf die Baha­mas geflo­gen sind. Dort konn­te kei­ner weg­ren­nen, und damit war der Weg frei, die gera­de ent­ste­hen­den Ver­än­de­run­gen in der Jugend mit den Händ­lern auf­zu­ar­bei­ten. Wir kamen zurück und hat­ten den Umsatz in die­ser Woche ver­zehn­facht. Der Zeit­geist war reif und die Home­boy-Bom­be schlug ein. In jedem Schrank lag min­des­tens ein Teil von Home­boy. Der Bekannt­heits­grad war damals über dem von Nike, wie GfK-Stu­di­en zeig­ten.

PME Legend kaufen wahrscheinlich die Frauen ihren Männern, weil sie dann einen Piloten fernsehschauend auf der Couch hocken haben. Der Couch-Pilot ist aber nicht der Coolness letzte Weisheit.

In den 90ern ver­schmolz dann Fashion mit Sport. Fashions­port war gebo­ren. Sport, das war damals Skate­boar­ding, Snow­boar­ding, BMX. Dazu kam mit gro­ßer Wucht die Musik ins Spiel. Hip-Hop und Rap stürm­ten die Charts. Home­boy dabei mit Cypress Hill, Wu-Tang Clan, Die fan­tas­ti­schen Vier und sehr vie­len ande­ren. Genug davon. Die, die das lesen sol­len, ken­nen die Sto­ry noch aus dem Eff­eff.

Was ler­nen wir dar­aus für heu­te?

Die Kids von damals sind heu­te 40 bis 55. Sie sind in den 90ern in ihrer Jugend geschlif­fen wor­den und lau­fen mit einem ande­ren Anspruch durch die Welt. Sie sind jung geblie­ben und wol­len dies auch in ihrem Aus­se­hen zum Aus­druck brin­gen. Klar gibt es wel­che, die in einem wei­ßen Busi­ness­hemd abends aus­ge­hen, aber sie wer­den immer weni­ger. Coro­na hat das übri­gens beschleu­nigt. Da ist ja sogar das Fashion­bild eines klas­si­schen „Ita­lie­ners“ schon leicht belus­ti­gend bis über­holt. Kei­ner will näm­lich steif rüber­kom­men. Jeder will cool sein. Das Ver­ständ­nis davon war vor Jah­ren Camp David, aber die „Boys“ von heu­te bekom­men da einen Wür­ge­reiz.

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Home­boy-Wer­bung von 1992

Ich tes­te mei­ne Beklei­dung immer an den Reak­tio­nen der Damen. So ein­fach ist die Welt. Wenn die gut fin­den, was ich tra­ge, ist der Weg für mich klar. Die Män­ner fol­gen dann irgend­wann.

PME Legend beweist was ich mei­ne. Das kau­fen wahr­schein­lich die Frau­en ihren Män­nern, weil sie dann einen Pilo­ten fern­seh­schau­end auf der Couch hocken haben. Der Couch-Pilot ist aber nicht der Cool­ness letz­te Weis­heit. Das ist näm­lich der wirk­lich akti­ve Mann, der diver­se Action-Sport­ar­ten wenigs­tens mal aus­pro­biert hat und im bes­ten Fall noch heu­te ein paar Car­ving­schwün­ge auf dem Snow­board in den Schnee zau­bern kann. Der PME-Couch-Pilot konn­te nie flie­gen. Er ist nicht echt. Die Boys von heu­te sind aber echt. Ein­mal Sur­fer, immer Sur­fer. Das ist eine Ein­stel­lung, und die trifft nicht nur aufs Sur­fen zu. Sur­fen dient hier nur als Platz­hal­ter für all das, was die­se Gene­ra­ti­on in den 90ern auf ihr Lebens­kon­to geschau­felt hat. Das geht nicht mehr weg. Und mit die­sem Anspruch wol­len sie ihre Fashion kau­fen. Sie wur­den von Mar­ken geprägt, von denen es heu­te nur noch zwei gibt: Car­hartt und Home­boy.

Der Impuls die­se Ziel­grup­pe zu beglü­cken kam zuerst von unse­ren fran­zö­si­schen Händ­lern. Das hat uns dazu ver­an­lasst mit ‚Home­boy Good Ones‘ ein Pen­dant zu ‚Home­boy Young Guns‘ für die 15- bis 29-jäh­ri­gen zu ent­wi­ckeln. HAKA kom­plett neu gedacht.

Es wird aber wohl wie­der Jah­re dau­ern, bis der Han­del ver­steht, was es mit den ‚Good Ones‘ auf sich hat. Dass es momen­tan kein Spiel­geld für neue Ideen gibt, höre ich seit 1985, als ich mit bedruck­ten T‑Shirts durch die Lan­de gereist bin und mei­ne ers­ten grau­en Haa­re bekam. Das ist scha­de. Jetzt hat sich die gan­ze Han­dels­land­schaft in ihren Sys­te­men ein­ge­rich­tet. Mit Mar­ken, die das Risi­ko über­neh­men. Man redet nicht mehr über Mode, son­dern über Rep­le­nish­ment, EDI, Abschrif­ten­be­tei­li­gung, Waren­rück­lie­fe­rung und weiß der Gei­er.

Kun­den­wün­sche kann man igno­rie­ren. Soll­te man aber bes­ser nicht.

Jür­gen Wolf ist Grün­der und Mas­ter­mind von Home­boy. Er hob das Ska­­­­­­­­te­­­­­­­­wear-Label 1988 aus der Tau­fe und gehör­te damit zu den Stree­­­­­­­t­­­­­­­­wear-Pio­­­­­­­­nie­­­­­­­­ren in Deutsch­land. In den 90er Jah­ren erleb­te Home­boy einen rasan­ten Auf­stieg, in den ver­gan­ge­ne­n Jah­ren war es fak­tisch vom Markt ver­schwun­den. 2015 hat Wolf die Mar­ke wie­der­be­lebt. Und star­tet mit sei­nem Sohn Juli­an damit durch.

Bei­trä­ge von Jür­gen Wolf